
UNSER LEBEN IM

... erlebte Geschichten, Kuriositäten, Unglaubliches:
2009
Was für eine Lebensqualität. Wir liegen im Bett und sehen den Himmel. Nur die Krone eines Baumes trennt uns von den Wolken. Die Zweige wippen im Wind. Die Vögel zwitschern den Frühling herbei und den Schlaf aus unseren Augen. Glück. Idylle. Paradies.
Und dann röchelt der Nachbar. Guten Morgen, Peking!
Rachen und Luftröhre rasseln so laut wie ein frisiertes Moped. Der Schall dringt über die eiserne Pforte unseres Hofhäuschens durch die hölzernen Fenster hinein in unser Schlafzimmer im Herzen der Altstadt. Lust auf Frühstück? Wer gedacht hat, Olympia würde den Chinesen das Spucken austreiben, dem zeigen die Pekinger die Mandeln. Besonders gerne hier in den engen Gassen, auch Hutongs genannt, wo die Seele der Metropole baumelt. Und besonders gerne am frühen Morgen, wenn der Nikotin des Vortags noch die Atemwege belegt.
Aufstehen, Kaffee kochen. Ein geöffnetes Fenster ersetzt das Radio. Der Eiermann singt seinen Refrain. Der Biermann stößt spitze Schreie aus. Ihre Bollerwagen rattern über den Asphalt, sonst kein Verkehr in unserer Sackgasse. Nur Menschen und Tiere.
Frau Zhang führt ihre sechs Hunde aus und rennt mit Plastiktüten hinterher. Frau Hou von Nebenan schrubbt die Hemden ihres Mannes auf dem Waschbrett. Eine andere Nachbarin marschiert im Schlafanzug und mit Pantoffeln an den Füßen vorbei auf die öffentliche Toilette. Sie hat ihr Nachttöpfchen zum Leeren mitgebracht.
Nach der Nordurft bleibt sie stehen auf ein Schwätzchen. Die Kinder werden betüddelt. Und zu erzählen gibt es immer etwas.
Hunde werden in China auch gegessen. Ja! Aber nicht alle, und nicht immer und überall. Es gibt inzwischen eine Fraktion an Hundeliebhabern, die alles andere mit ihren Vierbeinern machen, aber sie ganz sicher nicht essen. Schoßhunde mit todschicken Kleidchen und extravaganten Frisürchen sieht man in Peking längst an allen Ecken und Enden. Bei einer chinesischen Hundebesitzerin ging der Wahn sogar so weit, dass sie das Tier in eine Windel packte und mitten im Restaurant ganz dicht ihre Nase an den Hinterausgang des Hundes hielt, um zu riechen, ob der sein Geschäft gemacht hatte.
Meine Nachbarin Frau Yong erspart ihren sechs Schoßhündchen zwar nicht den Frisör, aber immerhin die Windeln. Den Tieren bleibt in den begrenzten Auslaufflächen der Pekinger Altstadt nichts anderes übrig, als in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Notdurft zu verrichten. Frauchen ist sich der Problematik bewusst. Sie marschiert stets hinter ihren Lieblingen her und sammelt alles an Hundekot auf, was in unserer Gasse herumliegt. Die Tiere sind nicht groß gewachsen, aber Kleinvieh macht auch Mist. Und ehe ein Nachbar Frau Yong bei den Behörden anschwärzt, weil die ihre Hunde vielleicht gar nicht kostenpflichtig angemeldet hat, ist die Hundeliebhaberin sehr penibel, um zu verhindern, dass jemand in einen Haufen tritt.
Doch manchmal hilft auch aller guter Wille von Frau Yong nicht mehr. Neulich klebte mir die braune Masse unter dem Fuß. Ich werde die nette Nachbarin allerdings nicht bei den Behörden anschwärzen. Ich mag die Tiere, sie begrüßen mich immer so freundlich. Und ich möchte nicht, dass sie wegen mir noch in der Pfanne landen.
Ich rufe den Biermann an. Denn der bringt Bier frei Haus. Tagtäglich strampelt er auf seinem Dreirad mit kistenweise Gerstensaft auf der Ladefläche durch die Pekinger Altstadt und kommt dreimal in der Woche auch bei uns am Häuschen vorbei. „Pijiu, pijiu“, brüllt er wohlklingend, „Bier, Bier“. Wenn man ihn verpasst, bedeutet das längst keine trockene Kehle. Er ist mobil in jeder Hinsicht. Ein Anruf genügt.
Der Grill steht bereit zum Anzünden. Nur die Gäste fehlen noch und eben auch das Bier. Doch der Biermann sagt, er komme sofort. Ein Stunde später ist der Biermann noch immer nicht da. Das Telefon klingelt. „Ich schaffe es nicht vor acht“, sagt er. Auch gut, dann gehen ein paar Flaschen eben ins Eisfach, und zwanzig Minuten später sinkt „Yanjing“ auf Idealtemperatur. Dann ist es nach acht. Das Telefon klingelt. „Ich schaffe es heute nicht. Ich kann morgen kommen“, sagt der Biermann. Morgen? Wir grillen heute. Und Grillen ohne Bier, das ist wie Strandurlaub ohne Sonne. Die Gäste klopfen. Ich sage, ich müsse nochmal los, Bier holen. Der Blick vom Dach des Hofhauses über Pekings Altstadt-Dächer entschädigt fürs Warten.
Als die zweite Runde Bratwurst durchgegrillt ist, klopft es an der Tür. Der Biermann. Er hat Bier mitgebracht. Abends um halb elf. Ich sage: „Ich habe schon Bier." Er sagt: „Ich habe schon lange Feierabend.“ Na dann, bei so viel Charme, bring's rein! Es wird ja nicht schlecht.
Natürlich waren auch die Nachbarn zum ungezwungenen Olympiaempfang in den Hutongs der Pekinger Altstadt geladen. Und so traf sich dort eine bunte Mischung aus deutschen Journalisten, internationalen Bekannten und eben auch Chinesen aus den Häuschen drumherum. Die vielen ausländischen Gesichter in ihrer kleinen Gasse machte den einen oder anderen Einheimischen etwas unsicher, andere blieben lieber ganz fern. Dafür tauchten ein paar fremde chinesische Gesichter auch auf der Bildfläche auf und schauten zur Sicherheit mal nach dem Rechten.
Der Kahlköpfige vom Ende der Sackgasse benötigte indes ein gewisse Aufwärmphase. Die überbrückte er in Form mehrerer Flaschen Bier, die er sich zunächst aus gewisser Distanz, später aber als eine Art Conferencier im Rahmen unseres Eingangs zum Innenhof genehmigte. In Badelatschen und Shorts begrüßte er die späten Gäste. Mit zunehmender Nähe zu den übrigen Gästen machte ihm sein blanker Oberkörper zu schaffen. „Zieh dein Hemd auch aus“, forderte er mich auf. Ich sagte ihm ab. An einem einsamen Samstagnachmittag ließe ich mit mir reden, aber nicht als Gastgeber einer kleinen Olympia-Feier. „Ni bu hao“, sagte er enttäuscht zu mir, „du bist nicht gut“.
Schließlich verschwand er schon stark schwankend in sein kleines Zimmer in dem Häuschen am Ende der Sackgasse. Kurz darauf kam er zurück, bekleidet mit einem T-Shirt. Die Uhr zeigte kurz nach eins. „Ich will doch einen guten Eindruck hinterlassen.“
Freundschaft bedeutet in China Nehmen und Geben, Kosten und Nutzen. Mit ein paar Nachbarn habe ich mich bereits angefreundet. Der Kahlköpfige am Ende der Sackgasse schaut regelmäßig bei uns im Hof vorbei. Er findet unsere Blumen schön, sagt er. Ach ja, und diese solarbetriebenen Gartenleuchten – klasse. Wirklich klasse. Dann geht er wieder.
Neulich kam der Mann vom Schlüsseldienst zum Tauschen zweier Schlösser. Der Kahlköpfige stand auch gleich vor der Tür. Es war ein warmer Samstagnachmittag, er hatte den Oberkörper entblößt und nahm meine Einladung auf ein kühles Fläschchen Bier gerne an. „Was kosten die zwei Schlösser“, fragte er dann den Schlüsselmann. Der brummelte was von 300 Yuan, umgerechnet knapp 30 Euro, und fortan begann mein Nachbar damit, auf den Schlüsselmann einzureden. Viel zu teuer, das ginge auch für 200 Yuan. Er solle sich mal nicht so haben, schließlich sei ich ein Freund von ihm. Nur weil ich Ausländer sei, müsse er (der Schlüsselmann) nicht die Preise hochtreiben. Irgendwann streckte der Schlüsselmann die Waffen. Ja, in Gottes Namen, 200 Yuan seien auch in Ordnung. Mein Nachbar schaute zufrieden, marschierte noch einmal durch unseren Hof, musterte die Gartenleuchten: „Wirklich schön.“
Schon kapiert. Mein Chinesisch macht Fortschritte. Inzwischen leuchten die Solarbetriebenen in seinem Beet.
Es ist schön, wie viel Interesse und Fürsorge in unserem Umfeld herrscht, unsere Wohnung einzurichten. Der erste war der Nachbar, der bei der Sofalieferung den Herren Möbelpackern nicht nur den Weg durch die engen Gassen zu unserem Hofhäuschen zeigte, sondern ihnen in der Wohnung gleichzeitig einen Tipp gab, wo sie das Sofa abstellen sollten. Er lag gar nicht so falsch in seiner Annahme, aber trotzdem daneben. Sei es drum.
Der zweite war der Eigentümer, der irgendeinen Vorwand für einen Besuch bei uns fand, uns dann 20 Minuten lang nervte mit dem Inhalt eines Möbelkatalogs vom Laden eines Freundes und schließlich einen Anruf erhielt und umgehend die Tür öffnete. Draußen standen ganz zufällig seine Freunde - die aus dem Möbelladen - und erhofften sich anscheinend ein gutes Geschäft mit den Ausländern. Gekauft haben wir nichts.
Der Dritte im Bunde war der junge Mann im Auftrag der Verwaltung. Seine Aufgabe war es, Plastikschilder mit Verhaltensregeln für den Brandfall so groß wie Tabletts in den Haushalten zu verteilen, bestenfalls direkt anzubringen. Er trat ein und wollte sofort damit beginnen, das Schild an die Wand mitten in unserem privaten Hof zu hämmern, ehe ich ihn noch rechtzeitig stoppen konnte. Er bestand zunächst darauf, seine Aufgabe zu erfüllen. Ich sagte ihm dann, wir wüssten ein besseres Plätzchen in der Wohnung. Ich versprach ihm, mich selbst darum zu kümmern.
© asienreporter.de 2007