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... erlebte Geschichten, Kuriositäten, Unglaubliches

Große Pläne - 18.06.2009

Frau Krause (hier kennen lernen) wird langsam zutraulich. Penetrant? - Ach was, zutraulich. Ich befürchte, sie hat sich in den Kopf gesetzt, künftig für uns arbeiten zu wollen. Das wird unweigerlich in einer großen Enttäuschung für sie enden. Sie hat das uns gegenüber so auch noch nie formuliert, geschweige denn ein Bewerbungsschreiben über die Hoftür geworfen. Aber sie macht sich seit einiger Zeit so glitschig an unsere Putzfrau ran. Die kommt drei Mal in der Woche, und keinem unserer Nachbarn ist verborgen geblieben, dass sie unsere Putzfrau ist. Am allerwenigsten Frau Krause. Und ich bin fest davon überzeugt, dass Frau Krause glaubt, bei den Ausländern gibt es einiges zu verdienen. Und ein Arbeitsplatz gleich gegenüber von zuhause? Großartig, oder?

Jedenfalls habe ich kürzlich im Hof vor dem Computer gesessen und an irgendetwas herum gedoktort. Die Putzfrau war gerade in der Küche zugange, die Hoftür stand offen. Solche Gelegenheiten kommen Frau Krause wie gerufen. Sie taucht dann auf einmal wie aus dem Nichts im Türrahmen auf und wartet eigentlich nur auf ein Signal, reinkommen zu dürfen. Obwohl, nee, falsch! Sie wartet auf gar kein Signal, sondern sie gibt mir drei Sekunden Zeit, mich darauf vorzubereiten, dass sie gleich ohne Wenn und Aber eintreten wird. Sie tippelt dann von einem Bein aufs andere und zählt gnadenlos von 3 auf 0 herunter.

Ihre Körpersprache erinnert mich in diesen Augenblicken an die eines Boxers, der vor seinem Kampf in der Ringecke steht und auf seine Vorstellung durch den Ringsprecher wartet. Es ist dieser Moment, in dem das Adrenalin in den Körper fährt, und der Boxer ins Scheinwerferlicht tritt. „In der Roten Ecke, 61 Kilogramm auf 1,63 m Körpergröße – Fraaaaauuuuuu Krauuuuseeeeeee!“ Da ist sie!

Und dann schleicht sie sich langsam an mich heran.

Aber an diesem Tag war ihr weniger an einem Schwätzchen mit ihrem neuen Lieblingsnachbarn gelegen, als vielmehr an einer anscheinend belanglosen Unterhaltung mit unserer Putzfrau. Und die ist nun wirklich keine Schwatztante oder ähnliches, mit der man mal einfach rumtratscht. Sie ist eine ganz schüchterne, die eher flüstert, als redet.

Vermeintlich ziellos und mit verschränkten Armen vor der Brust setzte Frau Krause also einen gemächlichen Schritt vor den anderen, schaute mir über die Schulter auf den Bildschirm, erkundigte sich noch einmal „ting de dong women de hua ma? - „Verstehst du wirklich unsere Sprache?“ - „Ja, ein bisschen“ (Daumen hoch), schlenderte dann unbefangen zur Tür und steckte mal den Kopf rein in unsere Wohnung. Ihren Oberkörper hielt sie dabei in meine Richtung gedreht und signalisierte damit wohl vermeintliche Gleichgültigkeit, während ihr Kopf um 180 Grad mit Blick in Richtung Wohnzimmer und Küche geschraubt war.

„Wie oft arbeitest du denn hier in der Woche“, fragte sie die Putzfrau. Doch sie hatte die Rechnung ohne unsere flüsternde Putzfee gemacht, und musste nun also ihre Körperhaltung zwangsläufig ändern. Schnell gab sie ihr 180-Grad-Gewinde auf, drehte sich frontal zur Tür und streckte jetzt ihren Kopf gaaaanz tief in unsere Wohnung hinein. Mit beiden Händen stützte sie sich am Rahmen ab, um den Oberkörper noch weiter nach vorne beugen zu können. Denn einzutreten, wagte sie dann doch nicht. Aber dennoch konnte sie prima zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. 1. die Putzfrau besser verstehen, 2. einfach mal reinschauen in die Wohnung von den Ausländern – reicht für 10, 20 Minuten Tratsch vor der Haustür.

Unsere Putzfrau gab Auskunft. „Drei Mal“ Und dann kam Frau Krause endlich zum Ziel ihrer Mission. „Wieviel Geld zahlen die dir?“. Offenbar brummte die Angesprochene zurück, sie habe nicht verstanden, weil Frau Krause noch einmal fragte. Augenblicke später trat die Putzfrau aus der Tür heraus, ging durch den Hof und ging ins Büro. Frau Krause folgte ihr dabei schrittweise mit der Nase wie ein Hund, der Witterung aufgenommen hat, aber nicht nah genug rankommt und deswegen an der Leine zerrt. Ich schloss daraus, dass die Putzfrau kein Interesse daran hatte, Frau Krause weitere Details auf ebenjene Nase zu binden. Mission gescheitert. Operation abgebrochen. Dann bemerkte Frau Krause, dass ich ja auch noch da war, nickte mir lächelnd zu, und verschwand für den Rest des Tages.

Die Putzfrau bestätigte anschließend, dass sie Frau Krause nichts gesagt habe, was sie nichts angehe. „Wo bu xihuan ta – ich mag die nicht“, sagte sie dann noch. „Ich wohne ihr gegenüber“, antwortete ich.

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Penetrante Schwaden - 11.06.2009

In unserem Courtyard genießen wir den Luxus einer privaten Toilette. Die Nachbarn müssen das öffentliche Klo in unmittelbarer Nähe unserer Hoftür benutzen. Diejenigen, die uns im Fangjia Hutong bereits besucht haben, können bestätigen, dass es glücklicherweise nie stinkt. Das kann man nicht über jede öffentliche Toilette in der Altstadt sagen. Manche riechen derart penetrant, dass man lieber die Qual einer vollen Blase freiwillig für eine weitere Stunde in Kauf nimmt. Zumal der Geruch nicht selten ein Resultat des Zustandes ist, und man manchmal einfach nicht sehen möchte, was andere hinterlassen haben.

Chinesen sind jedoch relativ hart im Nehmen, wenn es um das Kleine und Große geht. Manche haben uns erzählt, sie würden im Leben nicht auf den gemeinsamen Toilettengang mit der Nachbarin oder dem Nachbarn verzichten wollen. Es sei so herrlich gesellig, wenn man nebeneinander über den Löchern hockt. Häufig sogar ohne Trennwände zwischen den Abgängen, so wie bei uns gegenüber der Hoftür.

Zurück zum Geruch. Wir haben zum Glück keine Laufkundschaft, die sich bei uns in der Sackgasse erleichtert. Der Kreis der Toilettennutzer beschränkt sich auf die vielleicht 30, 35 Leute, die wir unsere unmittelbare Nachbarschaft nennen. Bei aller Härte im Nehmen mögen die Chinesen saubere Toiletten selbstverständlich auch lieber als verschmutzte - allein wegen der Geselligkeit. Also bleibt uns eine mögliche Geruchsbelästigung erspart. Eine Kanalisation gibt es jedoch nicht in der Altstadt. Das hat einen ganz gewaltigen Vorteil: Es gibt in unserer Nachbarschaft keine Ratten. Zumindest ist uns in mehr als einem Jahr im Hutong noch keine begegnet. Die Fäkalien müssen wie auf einem Campingplatz regelmäßig abgepumpt werden.

ToilettenwagenAlso bahnt sich alle zwei Wochen ein kleines kompaktes Pumpfahrzeug durch die engen Gassen zu unserer Toilette. Die Männer steigen aus, öffnen den Deckel zum unterirdischen Container und setzen den Schlauch an. Das Prozedere dauert zwei Minuten, höchstens, bis die Wanne leer ist. Der Geruch aber hängt einem zwei Stunden lang in der Nase. Nahezu panisch waren wir anfangs - noch völlig grün hinter den Ohren bzw. Nasen - aufgesprungen, wenn die penetranten Schwaden hinüber zogen in unseren Hof und verrammelten alle Türen, aus Angst der Geruch gräbt sich in die Bettwäsche, in den Sofastoff, in die Teppiche.

Unsere fünf Sinne haben inzwischen ein gutes Frühwarnsystem ausgebildet. Wenn wir einen Motor hören, sind wir sofort in Alarmbereitschaft, weil normalerweise keine Autos in unsere Gasse einbiegen. Wenn zum Röhren des Motors dann noch dieses röhrende Geräusch erklingt, das entsteht, wenn man einen schweren Gullideckel zur Seite rückt, springen wir reflexartig von Raum zu Raum, schließen die Türen und atmen zwei Minuten lang nur noch durch den Mund. Sicher ist sicher.

Die beiden Männer, die den Wagen fahren und den Schlauch aufsetzen, erledigen ihren Job im Übrigen ohne Atemmaske oder ähnliches. Wir wissen nicht, ob wir sie dafür bewundern sollen.

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Krauses Gesetz

Der Boiler

Wir hatten einige Wochen einen Warmwassererhitzer in unserer Waschküche stehen. Das Ding funktionierte nicht sonderlich zuverlässig, weswegen wir einen neuen installieren mussten. Mehrfach habe ich versucht, einen der Schrott- und Elektrogerätesammler, die tagtäglich mit ihren Bollerwagen durch die Hutongs fahren, zum Kauf zu bewegen. Anfangs vergebens, weil wir uns nicht auf einen Preis einigen konnten. Doch in der Schrott- und Elektrogerätesammler-Szene spricht sich ein ausrangierter Boiler schnell rum. Also klopfte es kürzlich an unserer Tür und jemand bat darum, sich die Kiste mal anschauen zu dürfen.

Krause im WaschraumFrau Krause (hier kennen lernen) fühlte sich gleich mit eingeladen und stakste uns in die Waschküche hinterher. Natürlich schaltete sie sich aktiv in die Verhandlungen um den Preis mit ein. Ich sagte, unter 100 Yuan (11 Euro) sei nichts zu machen. Der Mann bot mir 50 Yuan. Und sofort begann Frau Krause zu schimpfen und zu wüten, dass er wohl nicht ganz recht verstanden habe, dass der Erhitzer keineswegs kaputt, sondern nur gebraucht sei, und er verdammt nochmal 100 Yuan zu zahlen habe. Dann schaute sie mich wohlwollend an. So als wolle sie sagen, das lassen wir uns doch nicht gefallen, oder? Dann habe ich dem Sammler gesagt, er solle einfach über mein Angebot nachdenken. Schließlich telefonierte er mit seinem Chef (?) und sagte ihm, dass hier „so ein Ausländer“ einen Warmwassererhitzer verkaufe, aber 100 Yuan dafür haben wolle. Er bot mir schließlich 80 Yuan, und ich willigte bei 90 ein. Frau Krause zählte bei der Geldübergabe jeden Schein mit.

Und als wir gerade dabei waren, Platz zu schaffen in der Waschküche, kam mir diese vermeintliche Klimaanlage in den Sinn, die dort praktisch wie neu vor sich hingammelt. Kollegen hatten das Ding während Olympia im vergangenen Jahr für ihr vorübergehendes Büro gekauft und uns dann vermacht. Seitdem steht es bei uns herum. Ich hatte nur keine Ahnung, was das Ding nun wert ist, weil wir es ja nicht selbst gekauft hatten. Der Sammler bot mir 50 Yuan, ich sagte, „vergiss es“.

Jetzt nahm Frau Krause Witterung auf, verschwand schnell aus der Tür und kehrte 30 Sekunden später mit einer weiteren Nachbarin in unseren Courtyard zurück. Die zweite Nachbarin spielte jetzt so etwas wie die fachkundige Gutachterin. „Das Ding kostet neu zwischen 200 und 300 Yuan“, sagte sie. Sie würde es mir auch abkaufen. Frau Krause zog mir schon an der Jacke und sagte, ich solle das Gerät lieber an Nachbarn verkaufen als an einen der Sammler. Dann habe ich das Gerät selbst zum ersten Mal etwas näher betrachtet und festgestellt, dass es gar keine Klimaanlage ist, sondern ein Luft-Entfeuchter. Die Dinger sind teuer.

Ich teilte dem anwesenden Personenkreis also schließlich mit, dass ich mich erst erkundigen wolle, ehe ich einen Preis vorschlage. Frau Krause schlug gleich den nächsten Tag für den Geschäftsabschluss vor. Als alle drei draußen waren, kehrte nach kurzer Zeit der Sammler zurück in den Hof. Er streckte den Kopf hoch zu meinem Ohr und begann zu flüstern. Ich habe nicht alles verstanden, von dem, was er gesagt hat, aber sinngemäß mahnte er mich zur Vorsicht. Er habe draußen ein Gespräch mit angehört, in dem Frau Krause und die andere Nachbarin über die vermeintliche Klimaanlage gesprochen hätten und schon einen Plan aushecken würden, um mir das Ding für wenig Geld abzuschwatzen und dann für teuer Geld weiter verkaufen zu wollen. Er selbst hatte mir wohlgemerkt 50 Yuan (5,50 Euro) geboten. Dann verabschiedete er sich und kündigte seinen Anruf für den nächsten Tag an, um sich nach meinem Preis zu erkundigen.

Ich habe dann im Internet mal nachgeschaut. Ähnliche Geräte in der Größe des unseren kosten 120 Euro aufwärts. Da hatte sich die von Frau Krause angeschleppte Sachverständige wohl deutlich verschätzt. Und gerade in den Hutonghäusern, die im Sommer eine enorm hohe Luftfeuchtigkeit plagen, kann so ein Ding wirklich nützlich werden. Kampf dem Schimmel, lautet die Parole.

Frau Krause hat mich tagsdrauf nicht angesprochen auf den Boiler. Der Sammler dagegen hat angerufen und mal nachgefragt. „Ich verkaufe nicht. Wir benutzen ihn selbst“, habe ich gesagt. Das fand er schade. Jetzt warten wir nur noch auf Frau Krauses nächsten Anlauf.

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Krauses Gesetz

Frau KrauseDie Frau, die gegenüber wohnt, ist erst vor wenigen Wochen eingezogen. Und trotzdem hat sie vom ersten Tag an im Fangjia Hutong den neuen Ton angegeben. Ihr lautes Organ zieht durch die Gässchen und Höfe unserer Sackgasse. Es ist, als sei sie immer schon da gewesen. Dass jetzt zwei Ausländer in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft leben, scheint sie derart zu faszinieren, dass sie sich offenbar entschlossen hat, aktiv an unserem Leben teilzunehmen. Der Einfachheit halber taufen wir sie Frau Krause, was vielleicht auch ein bisschen mit ihrer Frisur zu tun hat. In den kommenden Monaten und Jahren wollen wir ihrem extrovertierten Auftreten angemessenen Platz einräumen in der Sparte: KRAUSES GESETZ

Der erste Kontakt

Irgendwann standen wir uns gegenüber vor unserem Eisentor zu unserem Courtyard. Frau Krause hatte ihre Vorderzähne an diesem Nachmittag im Haus zurückgelassen und lächelte schräg. Dass sie etwas ramponiert ausschaut ohne ihre Dritten, stört sie offenbar nur wenig. Jedenfalls scheint es ihr relativ egal zu sein, dass alle Nachbarn sie mit einem ihrer vermutlich größten äußerlichen Makel zu Gesicht bekommen. Aber Eitelkeit spielt in der Pekinger Altstadt ohnehin nur bedingt eine Rolle. Zumindest gilt das für die ältere Generation, zu der wir Frau Krause uncharmant zählen würden. Sie mag zwar erst um die 50 Jahre alt sein, aber ihr jugendliches Wesen hat sie vermutlich schon vor Jahrzehnten verloren.

Wie dem auch sei. Schnell bekam Frau Krause also spitz, dass wir der chinesischen Sprache mächtig sind. Und dann testete sie dieses Phänomen gleich persönlich auf seine Nachhaltigkeit. „Nimen ting de dong ma?“ - „Könnt ihr verstehen?“. Wir antworteten: „Ja, ein bisschen.“ Dann streckte sie den rechten Daumen nach oben und signalisierte Anerkennung. Dieses Symbol begleitete uns noch einige Tage lang. Nämlich immer dann, wenn Frau Krause uns über den Weg lief und sich vorsichtshalber noch einmal vergewisserte: „Versteht ihr Chinesisch?“ Antwort: „Ja, ein bisschen“ - Daumen hoch.

Ein paar Tage später betrat sie dann erstmals unseren Hof. Wir hatten einen Servicemann von Haier bestellt, der sich um die Installation unseres neuen Warmwassererhitzers kümmerte. Ein netter, junger Typ. Frau Krause packte die Gelegenheit beim Schopfe. Sie schnauzte auf den Handwerker ein und befahl ihm, seinen Hintern schleunigst rüber in ihre Wohnung zu schaffen, wenn er bei uns fertig sei. Sie habe ein Problem. Ein beeindruckender Auftritt. Der Mann widersprach jedenfalls nicht. Er beendete seine Arbeit, doch anstatt, die Baustelle aufgeräumt zu verlassen, ließ er alles stehen und liegen und bewegte seinen Hintern schleunigst in die Wohnung von Frau Krause. Zehn Minuten später kehrte er zurück, sammelte sein Werkzeug ein und schaffte bei uns Ordnung.

Als ich den Mann aus dem Hof führte, stand Frau Krause vor ihrer Hoftür, nur zweieinhalb Meter von unsrer entfernt. „Hat er alles repariert“, habe ich sie gefragt. - Daumen hoch.

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Müll - 9. April 2009

Anfangs haben wir und die Nachbarn den Müll einfach an eine Hauswand bei uns im Gässchen geschmissen. Das ist nicht schön.

Müll

 

 

 

 

 

 

 

Aber es war insofern erträglich, als dass täglich ein- bis zweimal der Müll abgeholt wurde.

Aber EIN GLÜCK, dass der Fortschritt auch die Pekinger Altstadt erreicht: Endlich haben wir auch ne Mülltonne.

Mülltonne

 

 

 

 

 

 

 

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Frisierte Mopeds im Paradies

Was für eine Lebensqualität. Wir liegen im Bett und sehen den Himmel. Nur die Krone eines Baumes trennt uns von den Wolken. Die Zweige wippen im Wind. Die Vögel zwitschern den Frühling herbei und den Schlaf aus unseren Augen. Glück. Idylle. Paradies.

Und dann röchelt der Nachbar. Guten Morgen, Peking!

Rachen und Luftröhre rasseln so laut wie ein frisiertes Moped. Der Schall dringt über die eiserne Pforte unseres Hofhäuschens durch die hölzernen Fenster hinein in unser Schlafzimmer im Herzen der Altstadt. Lust auf Frühstück? Wer gedacht hat, Olympia würde den Chinesen das Spucken austreiben, dem zeigen die Pekinger die Mandeln. Besonders gerne hier in den engen Gassen, auch Hutongs genannt, wo die Seele der Metropole baumelt. Und besonders gerne am frühen Morgen, wenn der Nikotin des Vortags noch die Atemwege belegt.

Aufstehen, Kaffee kochen. Ein geöffnetes Fenster ersetzt das Radio. Der Eiermann singt seinen Refrain. Der Biermann stößt spitze Schreie aus. Ihre Bollerwagen rattern über den Asphalt, sonst kein Verkehr in unserer Sackgasse. Nur Menschen und Tiere.

Frau Zhang führt ihre sechs Hunde aus und rennt mit Plastiktüten hinterher. Frau Hou von Nebenan schrubbt die Hemden ihres Mannes auf dem Waschbrett. Eine andere Nachbarin marschiert im Schlafanzug und mit Pantoffeln an den Füßen vorbei auf die öffentliche Toilette. Sie hat ihr Nachttöpfchen zum Leeren mitgebracht.

Nach der Nordurft bleibt sie stehen auf ein Schwätzchen. Die Kinder werden betüddelt. Und zu erzählen gibt es immer etwas.

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