
UNSER LEBEN IM

... erlebte Geschichten, Kuriositäten, Unglaubliches
Für den gemeinen Peking-Besucher spielt es keine Rolle, ob irgendwer im Fangjia-Hutong wohnt oder im Xintaicang-Hutong. Von Deutschland aus sind es so oder so 9000 Kilometer. Für uns sind es aber Welten: Wir sind endlich diesen irren Vermieter (Landlord) losgeworden. Nie wieder Überraschungsbesuche mit wildfremden Leuten, die sich den Courtyard mal anschauen wollen. Und nie wieder stundenlange (!), absurde Diskussionen über Rechte und Pflichten in einem Mietverhältnis.
Zur Sicherheit hatte der Landlord, fortan Devil genannt, weil unser Mitarbeiter Fang ihn so zärtlich einst taufte, am Tag unseres Umzugs einen Nachbarn auf uns angesetzt. Der spionierte uns zu unserem neuen Courtyard nach, wie uns später die Frau mit den sechs Hunden erzählte, als wir sie zufällig trafen. Kein Spaß! Devil wollte sicher gehen, dass er uns findet, wenn er uns noch eine seiner hanebüchenen Forderungen aufs Auge hätte drücken wollen. Davon gab's ja genug in den vergangenen Jahren. Eine kleine Auswahl? Gerne:
- Bei Vertragsunterzeichung sollten wir einen Zweitvertrag mit ihm über die Hälfte des vereinbarten Mietpreises unterschreiben, damit er Steuern sparen könnte. Und als er gegen Jahresende Steuern zahlen sollte, verlangte er die Hälfte des Betrages von uns.
- Als Regenwasser durchs Dach in die Decke sickerte, sollten wir die Reparatur bezahlen, weil der Schaden schließlich in der Zeit entstanden war, als wir dort wohnten.
- Als die Stadtverwaltung den Einbau von Heizungen in allen Altstadtwohnungen subventionierte, verlangte Devil, dass wir die Heizungen zahlen müssten, weil wir ja auch diejenigen seien, die dann im Warmen sitzen.
- Wenn wir ihm bei Auszug Küche und Bad nicht hinterlassen würden, müssten wir alle baulichen Maßnahmen, die er zuvor genehmigt hatte, rückgängig machen.
- Als potenzielle ausländische Nachmieter zur Besichtigung kamen, drängte er uns, nicht schlecht über ihn zu reden. (Das war unsere Lieblingsforderung.)
- Außerdem forderte er, dass wir es sein müssten, die ihm Neujahreswünsche übermitteln, nicht so wie geschehen, er an uns. (Dazu sei gesagt, dass er eigentlich einen anderen Anlass hatte, uns kurz nach Neujahr anzurufen, er packte nur die Gelegenheit beim Schopfe, sich als aufmerksamer Vermieter in Szene zu setzen.)
Ist doch wirklich absurd, oder?
Insgesamt haben wir uns in diesem zweijährigen, zermürbenden Kampf gegen Devil gut geschlagen. Wir haben unsere volle Kaution einbehalten und auf seine Kosten das Dach reparieren lassen, wir haben keine Steuern bezahlt und keine Heizungen und zum nächsten Neujahr werde wir ihn nicht anrufen. Neue Mieter hat er (Stand Dezember 2010) immer noch nicht. Dafür hat er Küche und Bad behalten. Aber das Zeug hätten wir sowieso drin gelassen, weil es für den neuen Courtyard nicht in Frage kam. Abgesehen davon sind solche Investitionen in China wirklich überschaubar. Unser Waschbecken beispielsweise hatte uns damals 8 (acht) Euro gekostet. Entsprechende Zugeständnisse muss man natürlich bei der Qualität machen.
Wir waren selbstverständlich nicht die Einzigen, die sich mit Devil in den Haaren hatten. Unser Vormieter, ein Australier, spazierte eines Tages bei uns in den Hof. Wo die Sachen seien, die hier noch gestanden hätten, fragte er. Raus, natürlich, haben wir gesagt. Es stellte sich heraus, dass sich unsere Mietverträge um einen Monat überschnitten hatten. Der Australier hatte einige wenige Dinge zurückgelassen, als er für mehrere Monate in seine Heimat gegangen war. Er wollte die Sachen später abholen. Im Gegenzug hatte er nichts dagegen, dass sich Interessenten für die Wohnung schon einmal umschauen in der Zeit. Statt sich also um die Aufbewahrung der Dinge des Australiers zu kümmern, hatte Devil zugelassen, dass wir den Kram, ahnungslos über dessen Herkunft auf die Straße stellten.
Und da stand er nun, der Australier und fragte uns nach dem Zeug. Ehrlich gesagt, wussten wir nicht genau, was diese seltsame Apparatur aus Billigplastik, groß wie eine Badewanne, überhaupt sein sollte. „Ein Kunstwerk“, sagte der Aussie und machte kehrt. Er und Devil landeten schließlich bei der Polizei. Und Devil bat uns ganz höflich, dass wir doch bitte für ihn lügen und der Polizei erzählen sollen, wir hätten nie etwas gesehen. Der Australier bat uns dagegen, für ihn auszusagen. Die Polizei hat sich nie bei uns gemeldet.
Wir befinden uns im zweiten Winter in unserem Courtyard. Im vergangenen hat die Stadtregierung den Einbau von Elektro-Heizungen in den Hutongs von Peking subventioniert. Unser Vermieter wollte uns die Kosten für den Einbau aufschwatzen. „Schließlich wohnt IHR da“, hat er gesagt. Wir haben dankend abgelehnt und gesagt, wir würden uns dann eben zwei mobile Heizkörper mehr kaufen, anstatt ihm die dicken Brocken zu finanzieren. Um sich die Subventionen nicht entgehen zu lassen, hat er schließlich doch gezahlt. „Die Besten“, hat er dann geprahlt.
Na, wunderbar. Die „Besten“ sind gerade gut genug, um ein paar Wochen schadlos zu wärmen. Im vergangenen Winter haben wir jeden der beiden neuen Heizkörper zweimal reparieren lassen. Und in diesem Winter waren es wieder zwei Reparaturen pro Heizkörper. Macht acht insgesamt. Mal schmilzt das Thermostat durch, dann verglühen irgendwelche Kabel oder Sicherungen gehen durch.
Heute war es ein hartes Stück Arbeit für den Handwerker. Er musste die Heizstäbe in dem Gerät auswechseln. Dafür muss man erst die Metallwand abschrauben, dann die Styroporplatten entfernen und dann die Ziegelsteine einzeln heraus nehmen. Dahinter verbergen sich die Heizstäbe. Die musste er dann rauswinden und die Neuen wieder einsetzen.
„Sind das eure besten Heizungen“, habe ich gefragt. „Ja“, hat er gesagt. Dann habe ich ihm gesagt, dass der
Heizkörper, vor dem er gerade kniet, im zweiten Winter nun schon zum vierten Mal kaputt gegangen ist.Wieso das so ist, wollte ich wissen. „Ja“, sagt er, „das liegt daran, dass die Heizstäbe so viel in Betrieb gewesen sind.“Ach so, das hatte ich bislang gar nicht bedacht. Die Heizkörper sind nur längerfristig beschwerdefrei, wenn sie nur ab und zu benutzt werden und nicht einen ganzen Winter lang. Ja, gut, das kann ja kein Mensch ahnen. Unser Mitarbeiter Fang meinte sofort, die Firma hat die Regierung bestochen, sonst hätte sie diesen Auftrag nicht erhalten. Das war natürlich nur ein Spaß von Fang, denn er weiß ja sehr genau, dass sich Mitarbeiter der Behörden sich nicht bestechen lassen.
Übrigens werden wir auch in den kommenden Wintern das Risiko eingehen, die Heizungen zu benutzen. Denn bei allem Ärger mit den Geräten, ist der Service der Firma erstklassig. Anruf: 30 Minuten später steht einer Handwerker vor der Tür. Die Reparaturen sind kostenlos. Da kann man nicht meckern. Wir fragen uns nur, weshalb die ihr Geld nicht besser in robuste Einzelteile investieren, statt ständig ihre Mitarbeiter für lau zu den Kunden zu schicken.
Frau Krause macht die Tür auf - 23.12.2009
Was geht hinter dieser Tür vor? Sie muss es wissen, andernfalls implodiert ihr Nervensystem. Es ist also ein anatomisches Problem. Sie kann einfach nicht anders: Frau Krause macht die Tür auf. (hier kennen lernen)
Sie weiß, dass man das nicht tut, einfach anderer Leute Türen aufzureißen, um einen Blick zu erhaschen, was dahinter vor sich geht. Sie weiß es. Vermutlich hat sie nicht Sozologie studiert, aber sie ahnt: Das ist eine Verletzung der Norm. Das tut man nicht. Das weiß sie doch alles. Aber es ist ja auch nur ein winziger, ein minimal kurzer Blick in den Hof. Dann schließt sie doch die Tür schon wieder. Das kann doch nicht so schlimm sein. Und vielleicht bekommt es ja gar keiner mit.
Aufzu!
Das ist wie eine Sucht. Der Zug an einer Zigarette auf einer Party, obwohl man das Rauchen aufgegeben hat. Nur ein einziger Zug. Der macht doch keinen Unterschied.
Die Fingerspitze Sahne bei einer Diät. Nur einer kleiner Klecks Sahne, den man sich gönnt bei allen den Qualen. Das kann doch nicht so schlimm sein.
Beim Kindergeburtstag in unserem Courtyard: Die Tochter der Nachbarn, die mit Frau Krause den Hof teilen, hat ein paar Freunde mitgebracht. Sie sitzen im Hof und essen Kuchen. Das muss man sehen.
Beim Grillabend mit einer paar Leuten, die im Hof stehen und Bier trinken und Bratwurst essen. Das muss man auch sehen. Und wenn es nur ganz kurz ist.
Bei den Arbeiten auf unserem Dach: Welche Stimme dringt da aus dem Hof der Ausländer, die doch sonst da gar nicht hingehört? Das muss man doch erst recht wissen? ODER ETWA NICHT?????
Aufzu!
Fangjia-Frieden - 15.12.2009
Es hat eine Weile gedauert, aber inzwischen sind wir wieder ganz dicke mit Frau Krause. Sie hatte wohl eine Weile daran zu knabbern, dass sie von Pia angeschnauzt wurde, obwohl sie doch einfach nur helfen wollte (siehe hier). Regelrecht ignoriert hat sie uns in den Wochen danach. Selbst wenn die Tür zum Hof offen stand und ich draußen saß... nicht eines Blickes hat sie uns gewürdigt. Aber der Zorn ist vergangen. Es wäre doch auch zu schade für sie gewesen, wegen so einer kleinen Streitigkeit nicht mehr die Nase bei uns reinstecken zu können. Also hat Frau Krause neulich das Eis gebrochen.
Wir standen abends vor der Haustür und haben den Schlüssel gesucht. Frau Krause stand neben uns, mehr zufällig, weil sie gerade draußen rumsürgte, als wir mit den Fahrrädern nach Hause kamen. Die Suche zog sich ein bisschen hin, wir standen eine gute halbe Minute weniger als einen Meter auseinander, hatten ihr aber nichts zu sagen. Nicht einmal begründet, sondern einfach, weil es nichts gab, was wir Frau Krause in diesem Augenblick mitteilen wollten.
Doch dann machte sie den ersten Schritt und streckte mir die Hand entgegen, sprichwörtlich natürlich: „Du bist so groß“, sagte sie. Ach, was? Ich habe das mit einem freundlichen Nicken quittiert und zunächst für reine Hilflosigkeit gehalten. Denn dass ich vergleichsweise groß bin unter Chinesen, das war für Frau Krause an diesem Abend ja nun nichts Neues. Aber der Spruch entpuppte sich lediglich als vorbereitende Maßnahme zum eigentlichen Politikum mit Nachrichtenwert dieses Abends. Denn der Knackpunkt in unserer Dreierbeziehung war ja nicht ich, sondern Pia. Denn die hatte Frau Krause schließlich angeschrien und für verhärtete Fronten in den Wochen danach gesorgt. Selbstverständlich hatte ich mich als treuer Verbündeter zu Pia verhalten und zugegebenermaßen auch die Ruhe genossen, die Frau Krauses Distanz mit sich brachte.
„Und du bist so hübsch“, feuerte sie auf einmal aus der Phrasentrommel auf Pia los. Entwaffnend ehrlich, die Frau. Für den Augenblick verfielen wir in Schockstarre, weil wir natürlich mit allem gerechnet hatten, aber nicht mit einer solchen Charmeoffensive der alten Kratzbürste. Man weiß dann erst einmal gar nicht, wie man sich verhalten soll. Frau Krause hat uns regelrecht auf dem falschen Fuß erwischt. Nun gut, bei so viel Charme blieb natürlich auch Pia nichts anderes übrig, als mit einem Lächeln zu danken. Es war ein Friedensangebot. Und natürlich haben wir angenommen. Wohlwissend, dass die Ruhe der vergangenen Wochen damit wieder ein Ende haben wird.
Zwist and Shout
Die olle Krause! Inzwischen ist sie nur noch nervig. Dieses Gekrächze ihrer aggressiven, unsensiblen Stimmbänder zum Unwohlsein der gesamten Nachbarschaft. Wir sind bestimmt nicht die einzigen, die sich wünschen, sie bekäme eine langwierige Halsentzündung. Unsere Hundeliebhaberin Frau Zhang zum Beispiel lässt sich gar nicht mehr blicken am Treffpunkt Klo quer gegenüber unserer Fronttür. Normalerweise hat sie tagtäglich da gestanden mit zwei bis vier ihrer sechs Hunde und Schwätzchen gehalten hier, Schwätzchen gehalten dort. Seit Krause regiert, ist Sendepause im Hundesalon.
Kräuschen hatte versucht, sich bei uns anzubiedern als Putzfrau oder Köchin (siehe hier) oder wahrscheinlich einfach nur als Klette. Neulich stand die Tür auf, sie spazierte mal wieder rein und fand wohl, dass unser Hof ein wenig Pflege benötigte. Ich vermute, es war ein weiterer Vorstoß, sich bei uns unentbehrlich machen zu wollen, um irgendwann in Lohn und Brot bei uns engagiert zu werden. Der Hof war ein bisschen staubig. Also schnappte sich Frau Krause einen Besen und begann unaufgefordert, den Boden zu säubern. Ich saß hilflos im Büro, während Pia die Küchentür aufmachte und herausblickte und freundlich und ein bisschen peinlich berührt sagte: „Xiexie, bu yong – danke, nicht nötig.“
Krause stellte die Ohren auf Durchzug und fegte weiter. „Xiexie, bu yong“, sagte Pia noch einmal. Und Krause antwortete sinngemäß, dass der Boden dreckig sei und mal ordentlich gefegt werden müsse. „Ja“, sagte Pia „danke, aber ist wirklich nicht nötig.“ Wieder Durchzug. Der Besen wirbelte weiter durch den Innenhof, was Pia zu einem drastischen Stimmungsumschwung veranlasste. Und dann schallte es aus unserer Küchentür durch den gesamten Fangjia Hutong: „WO BU YAO!“ - „ICH WILL DAS NICHT!“ Die Nachricht kam dann endlich auch bei Frau Krause an. Unverzüglich, und ich meine u-n-v-e-r-z-ü-g-l-i-c-h stellte sie den Besen zur Seite und floh aus unserem Hof.
Seitdem herrscht ein bisschen Funkstille. Sie quarkt zwar immer noch die Nachbarschaft leidenschaftlich zu, aber unsere offene Tür ignoriert sie seitdem ein bisschen. Zeit zum Durchatmen. Fortsetzung folgt.
Geöltes Gemüse - 29.08.2009
Ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass Frau Krause (hier kennen lernen) für uns arbeiten will. Ihre nächste Offensive ging durch den Magen. Ich saß vor meinem Laptop bei offener Hoftür an unserem Gartentisch. Frau Krause stürmte die Schwelle. In der einen Hand ein Paar Stäbchen, in der anderen eine metallene Schüssel. Ob ich schon gegessen hätte, fragte sie. Wobei diese Frage nicht immer wörtlich zu nehmen ist, sondern auch ganz geläufig als Begrüßungsformel benutzt wird. In diesem Fall aber wollte Frau Krause tatsächlich eher abklopfen, ob ich schon gegessen hatte. Explizit grüßen tut sie nämlich nie. Aber im Grunde war ihr meine Antwort eh völlig egal.
Schon auf den letzten Metern zu mir klemmte sie ein grün-rot-glänzendes Gemüse aus der Schüssel zwischen die Stäbchen und streckte den Arm in meine Richtung aus. Ich hätte bequem etwas Zeit gewinnen und mich von der Art des Bissens vergewissern können, wenn nicht ausgerechnet mein Laptop vor mir gestanden hätte. Denn der Gedanke, dass ihr öliger Imbiss genau über meiner Tastatur zu tropfen beginnen könnte, trieb mir den Angstschweiß auf die Stirn. Ehe ich also darüber nachdenken wollte, was das nun sein könnte, das mir Frau Krause auf ihren privaten Essstäbchen anbot, streckte ich den Kopf nach vorne und schnappte zu... Krisenmanagement, nennt man das.
Die Konsistenz kam meinem Geschmack immerhin entgegen. Es war irgendetwas hartes, festes. Es war außerdem sauer und ölig und in Knoblauch gebadet. „Hmmm“, schmauste ich Frau Krause pflichtgemäß vor. Sie strahlte und griff gleich nach einem weiteren Häppchen aus dem Knastschälchen. Noch kauend konnte ich beidhändig abwehren, auch weil ich in der Zwischenzeit aufgestanden war und damit den Laptop aus der Gefahrenzone gebracht hatte. „Eingelegtes Gemüse“, sagte sie. Und zugegebenermaßen schmeckte es okay. Nicht genau das, was in diesem Augenblick ganz oben auf meiner Wunschliste nach einem Nachmittagssnack stand, aber eben auch nicht schlecht. Schlimmer war nur der Gedanke an Frau Krauses Stäbchen...
Nun gut. Für sie war nun jedenfalls klar, dass sie mich mit einer eigenen Schale der Kost versorgen müsse. Ruckzuck erteilte sie Befehle, sie wolle einen Behälter haben, um das Gemüse umzufüllen. Ruckzuck war der Wunsch erledigt. Dann räumte sie das Feld. Die Schale mit meinem unverhofften Gemüsesnack stand nun vor mir. Frau Krause vergewisserte sich 10 Minuten später, ob ich denn wirklich essen würde. Ich sagte ihr, später sehr gerne. Meine Freundin wolle ja schließlich auch mit essen. Das sah sie ein. Aber nicht ohne weitere Anweisungen, das Gemüse ins Haus zu schaffen, um es vor äußeren Einflüssen zu bewahren.
Ich habe dann Klarsichtfolie darüber gemacht und die Schale in den Kühlschrank gestellt. Der stank wenig später so penetrant nach Knoblauch, dass wir vor der Entscheidung standen, das Gemüse zu essen, statt den anvisierten Nudelabend durchzuziehen. Oder es wegzuschmeißen.
Hmm!?
Wir haben uns schließlich für Nudeln entschieden und das Gemüse tief in der Mülltonne draußen vergraben. Damit Frau Krause nicht spitz bekam, dass es ihr Gemüse war, dessen Duft so aggressiv in der Luft lag.
Einer meiner Lieblingsnachbarn ist Herr Wang. Er kommt mit Vorliebe in unseren Hof und begutachtet unsere Pflanzen. Mit ihm hatten wir von Beginn an ein sehr herzliches Verhältnis. Er wohnt ein paar Häuschen weiter. Ich schätze ihn auf Mitte 50. Leider spricht er einen sehr starken Pekinger Dialekt. Das heißt, er nuschelt und verbindet Wörter miteinander, von denen man keine Ahnung hatte, das sie irgendetwas miteinander zu tun haben könnten. Das macht die Kommunikation mit ihm nicht leicht, aber es schult immerhin das Gehör.
Vor ein paar Tagen kam er zu uns herein und gab mir eine kleine Lektion in Sachen Botanik. Weil ich nun überhaupt keine Ahnung von "Grünzeugs" habe, nutzt es mir herzlich wenig, wenn Herr Wang auf eine Pflanze zeigt und den chinesischen Namen sagt. Zum Glück gibt es ein deutsch-chinesisches Wörterbuch im Internet. Er sagt mir dann die Wörter deutlich vor, und ich gebe sie nach Klangsprache in den Rechner ein. Das funktioniert.
Seitdem weiß ich, dass bei uns im Garten Orchideen und Chrysanthemen wachsen und irgendwas japanisches. Zu diesem Trio gesellt sich noch eine weitere Art (oder sagt man Gattung?), deren Name ich vergessen habe. Zusammen bilden diese vier die so genannten „Edlen“ - junzi auf chinesisch. Deswegen spreche man dabei auch von so genannten „Herren-Pflanzen“. Da hat er dann gelacht, der Herr Wang. Eine dieser vier war angeblich Mao Zedongs Lieblingspflanze.
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Blumenkunde von Nachbar Wang: In unserem Hof steht ausgerechnet Mao Zedongs Lieblungsblume |
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Und dann haben wir noch die „Unverwüstlichen“ in unserem Hof. Das sind kleine Topfpflanzen mit dicken, wuchtigen Blättern und kleinen Blüten, die einiges aushalten. Die seien sehr beliebt beim einfachen Volk, sagte Herr Wang, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Das ist in der Tat ein überdurchschnittlich gewichtiger Aspekt in China.
Ich habe nichts von all dem nachgeprüft. Wenn sich jemand besser auskennt, dann bitte ich um eine Email. Vielleicht kann ich dann beim nächsten Mal Herrn Wang mit meinem neuen Wissen beeindrucken.
Große Pläne - 18.06.2009
Frau Krause (hier kennen lernen) wird langsam zutraulich. Penetrant? - Ach was, zutraulich. Ich befürchte, sie hat sich in den Kopf gesetzt, künftig für uns arbeiten zu wollen. Das wird unweigerlich in einer großen Enttäuschung für sie enden. Sie hat das uns gegenüber so auch noch nie formuliert, geschweige denn ein Bewerbungsschreiben über die Hoftür geworfen. Aber sie macht sich seit einiger Zeit so glitschig an unsere Putzfrau ran. Die kommt drei Mal in der Woche, und keinem unserer Nachbarn ist verborgen geblieben, dass sie unsere Putzfrau ist. Am allerwenigsten Frau Krause. Und ich bin fest davon überzeugt, dass Frau Krause glaubt, bei den Ausländern gibt es einiges zu verdienen. Und ein Arbeitsplatz gleich gegenüber von zuhause? Großartig, oder?
Jedenfalls habe ich kürzlich im Hof vor dem Computer gesessen und an irgendetwas herum gedoktort. Die Putzfrau war gerade in der Küche zugange, die Hoftür stand offen. Solche Gelegenheiten kommen Frau Krause wie gerufen. Sie taucht dann auf einmal wie aus dem Nichts im Türrahmen auf und wartet eigentlich nur auf ein Signal, reinkommen zu dürfen. Obwohl, nee, falsch! Sie wartet auf gar kein Signal, sondern sie gibt mir drei Sekunden Zeit, mich darauf vorzubereiten, dass sie gleich ohne Wenn und Aber eintreten wird. Sie tippelt dann von einem Bein aufs andere und zählt gnadenlos von 3 auf 0 herunter.
Ihre Körpersprache erinnert mich in diesen Augenblicken an die eines Boxers, der vor seinem Kampf in der Ringecke steht und auf seine Vorstellung durch den Ringsprecher wartet. Es ist dieser Moment, in dem das Adrenalin in den Körper fährt, und der Boxer ins Scheinwerferlicht tritt. „In der Roten Ecke, 61 Kilogramm auf 1,63 m Körpergröße – Fraaaaauuuuuu Krauuuuseeeeeee!“ Da ist sie!
Und dann schleicht sie sich langsam an mich heran.
Aber an diesem Tag war ihr weniger an einem Schwätzchen mit ihrem neuen Lieblingsnachbarn gelegen, als vielmehr an einer anscheinend belanglosen Unterhaltung mit unserer Putzfrau. Und die ist nun wirklich keine Schwatztante oder ähnliches, mit der man mal einfach rumtratscht. Sie ist eine ganz schüchterne, die eher flüstert, als redet.
Vermeintlich ziellos und mit verschränkten Armen vor der Brust setzte Frau Krause also einen gemächlichen Schritt vor den anderen, schaute mir über die Schulter auf den Bildschirm, erkundigte sich noch einmal „ting de dong women de hua ma? - „Verstehst du wirklich unsere Sprache?“ - „Ja, ein bisschen“ (Daumen hoch), schlenderte dann unbefangen zur Tür und steckte mal den Kopf rein in unsere Wohnung. Ihren Oberkörper hielt sie dabei in meine Richtung gedreht und signalisierte damit wohl vermeintliche Gleichgültigkeit, während ihr Kopf um 180 Grad mit Blick in Richtung Wohnzimmer und Küche geschraubt war.
„Wie oft arbeitest du denn hier in der Woche“, fragte sie die Putzfrau. Doch sie hatte die Rechnung ohne unsere flüsternde Putzfee gemacht, und musste nun also ihre Körperhaltung zwangsläufig ändern. Schnell gab sie ihr 180-Grad-Gewinde auf, drehte sich frontal zur Tür und streckte jetzt ihren Kopf gaaaanz tief in unsere Wohnung hinein. Mit beiden Händen stützte sie sich am Rahmen ab, um den Oberkörper noch weiter nach vorne beugen zu können. Denn einzutreten, wagte sie dann doch nicht. Aber dennoch konnte sie prima zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. 1. die Putzfrau besser verstehen, 2. einfach mal reinschauen in die Wohnung von den Ausländern – reicht für 10, 20 Minuten Tratsch vor der Haustür.
Unsere Putzfrau gab Auskunft. „Drei Mal“ Und dann kam Frau Krause endlich zum Ziel ihrer Mission. „Wieviel Geld zahlen die dir?“. Offenbar brummte die Angesprochene zurück, sie habe nicht verstanden, weil Frau Krause noch einmal fragte. Augenblicke später trat die Putzfrau aus der Tür heraus, ging durch den Hof und ging ins Büro. Frau Krause folgte ihr dabei schrittweise mit der Nase wie ein Hund, der Witterung aufgenommen hat, aber nicht nah genug rankommt und deswegen an der Leine zerrt. Ich schloss daraus, dass die Putzfrau kein Interesse daran hatte, Frau Krause weitere Details auf ebenjene Nase zu binden. Mission gescheitert. Operation abgebrochen. Dann bemerkte Frau Krause, dass ich ja auch noch da war, nickte mir lächelnd zu, und verschwand für den Rest des Tages.
Die Putzfrau bestätigte anschließend, dass sie Frau Krause nichts gesagt habe, was sie nichts angehe. „Wo bu xihuan ta – ich mag die nicht“, sagte sie dann noch. „Ich wohne ihr gegenüber“, antwortete ich.
In unserem Courtyard genießen wir den Luxus einer privaten Toilette. Die Nachbarn müssen das öffentliche Klo in unmittelbarer Nähe unserer Hoftür benutzen. Diejenigen, die uns im Fangjia Hutong bereits besucht haben, können bestätigen, dass es glücklicherweise nie stinkt. Das kann man nicht über jede öffentliche Toilette in der Altstadt sagen. Manche riechen derart penetrant, dass man lieber die Qual einer vollen Blase freiwillig für eine weitere Stunde in Kauf nimmt. Zumal der Geruch nicht selten ein Resultat des Zustandes ist, und man manchmal einfach nicht sehen möchte, was andere hinterlassen haben.
Chinesen sind jedoch relativ hart im Nehmen, wenn es um das Kleine und Große geht. Manche haben uns erzählt, sie würden im Leben nicht auf den gemeinsamen Toilettengang mit der Nachbarin oder dem Nachbarn verzichten wollen. Es sei so herrlich gesellig, wenn man nebeneinander über den Löchern hockt. Häufig sogar ohne Trennwände zwischen den Abgängen, so wie bei uns gegenüber der Hoftür.
Zurück zum Geruch. Wir haben zum Glück keine Laufkundschaft, die sich bei uns in der Sackgasse erleichtert. Der Kreis der Toilettennutzer beschränkt sich auf die vielleicht 30, 35 Leute, die wir unsere unmittelbare Nachbarschaft nennen. Bei aller Härte im Nehmen mögen die Chinesen saubere Toiletten selbstverständlich auch lieber als verschmutzte - allein wegen der Geselligkeit. Also bleibt uns eine mögliche Geruchsbelästigung erspart. Eine Kanalisation gibt es jedoch nicht in der Altstadt. Das hat einen ganz gewaltigen Vorteil: Es gibt in unserer Nachbarschaft keine Ratten. Zumindest ist uns in mehr als einem Jahr im Hutong noch keine begegnet. Die Fäkalien müssen wie auf einem Campingplatz regelmäßig abgepumpt werden.
Also bahnt sich alle zwei Wochen ein kleines kompaktes Pumpfahrzeug durch die engen Gassen zu unserer Toilette. Die Männer steigen aus, öffnen den Deckel zum unterirdischen Container und setzen den Schlauch an. Das Prozedere dauert zwei Minuten, höchstens, bis die Wanne leer ist. Der Geruch aber hängt einem zwei Stunden lang in der Nase. Nahezu panisch waren wir anfangs - noch völlig grün hinter den Ohren bzw. Nasen - aufgesprungen, wenn die penetranten Schwaden hinüber zogen in unseren Hof und verrammelten alle Türen, aus Angst der Geruch gräbt sich in die Bettwäsche, in den Sofastoff, in die Teppiche.
Unsere fünf Sinne haben inzwischen ein gutes Frühwarnsystem ausgebildet. Wenn wir einen Motor hören, sind wir sofort in Alarmbereitschaft, weil normalerweise keine Autos in unsere Gasse einbiegen. Wenn zum Röhren des Motors dann noch dieses röhrende Geräusch erklingt, das entsteht, wenn man einen schweren Gullideckel zur Seite rückt, springen wir reflexartig von Raum zu Raum, schließen die Türen und atmen zwei Minuten lang nur noch durch den Mund. Sicher ist sicher.
Die beiden Männer, die den Wagen fahren und den Schlauch aufsetzen, erledigen ihren Job im Übrigen ohne Atemmaske oder ähnliches. Wir wissen nicht, ob wir sie dafür bewundern sollen.
Der Boiler
Wir hatten einige Wochen einen Warmwassererhitzer in unserer Waschküche stehen. Das Ding funktionierte nicht sonderlich zuverlässig, weswegen wir einen neuen installieren mussten. Mehrfach habe ich versucht, einen der Schrott- und Elektrogerätesammler, die tagtäglich mit ihren Bollerwagen durch die Hutongs fahren, zum Kauf zu bewegen. Anfangs vergebens, weil wir uns nicht auf einen Preis einigen konnten. Doch in der Schrott- und Elektrogerätesammler-Szene spricht sich ein ausrangierter Boiler schnell rum. Also klopfte es kürzlich an unserer Tür und jemand bat darum, sich die Kiste mal anschauen zu dürfen.
Frau Krause (hier kennen lernen) fühlte sich gleich mit eingeladen und stakste uns in die Waschküche hinterher. Natürlich schaltete sie sich aktiv in die Verhandlungen um den Preis mit ein. Ich sagte, unter 100 Yuan (11 Euro) sei nichts zu machen. Der Mann bot mir 50 Yuan. Und sofort begann Frau Krause zu schimpfen und zu wüten, dass er wohl nicht ganz recht verstanden habe, dass der Erhitzer keineswegs kaputt, sondern nur gebraucht sei, und er verdammt nochmal 100 Yuan zu zahlen habe. Dann schaute sie mich wohlwollend an. So als wolle sie sagen, das lassen wir uns doch nicht gefallen, oder? Dann habe ich dem Sammler gesagt, er solle einfach über mein Angebot nachdenken. Schließlich telefonierte er mit seinem Chef (?) und sagte ihm, dass hier „so ein Ausländer“ einen Warmwassererhitzer verkaufe, aber 100 Yuan dafür haben wolle. Er bot mir schließlich 80 Yuan, und ich willigte bei 90 ein. Frau Krause zählte bei der Geldübergabe jeden Schein mit.
Und als wir gerade dabei waren, Platz zu schaffen in der Waschküche, kam mir diese vermeintliche Klimaanlage in den Sinn, die dort praktisch wie neu vor sich hingammelt. Kollegen hatten das Ding während Olympia im vergangenen Jahr für ihr vorübergehendes Büro gekauft und uns dann vermacht. Seitdem steht es bei uns herum. Ich hatte nur keine Ahnung, was das Ding nun wert ist, weil wir es ja nicht selbst gekauft hatten. Der Sammler bot mir 50 Yuan, ich sagte, „vergiss es“.
Jetzt nahm Frau Krause Witterung auf, verschwand schnell aus der Tür und kehrte 30 Sekunden später mit einer weiteren Nachbarin in unseren Courtyard zurück. Die zweite Nachbarin spielte jetzt so etwas wie die fachkundige Gutachterin. „Das Ding kostet neu zwischen 200 und 300 Yuan“, sagte sie. Sie würde es mir auch abkaufen. Frau Krause zog mir schon an der Jacke und sagte, ich solle das Gerät lieber an Nachbarn verkaufen als an einen der Sammler. Dann habe ich das Gerät selbst zum ersten Mal etwas näher betrachtet und festgestellt, dass es gar keine Klimaanlage ist, sondern ein Luft-Entfeuchter. Die Dinger sind teuer.
Ich teilte dem anwesenden Personenkreis also schließlich mit, dass ich mich erst erkundigen wolle, ehe ich einen Preis vorschlage. Frau Krause schlug gleich den nächsten Tag für den Geschäftsabschluss vor. Als alle drei draußen waren, kehrte nach kurzer Zeit der Sammler zurück in den Hof. Er streckte den Kopf hoch zu meinem Ohr und begann zu flüstern. Ich habe nicht alles verstanden, von dem, was er gesagt hat, aber sinngemäß mahnte er mich zur Vorsicht. Er habe draußen ein Gespräch mit angehört, in dem Frau Krause und die andere Nachbarin über die vermeintliche Klimaanlage gesprochen hätten und schon einen Plan aushecken würden, um mir das Ding für wenig Geld abzuschwatzen und dann für teuer Geld weiter verkaufen zu wollen. Er selbst hatte mir wohlgemerkt 50 Yuan (5,50 Euro) geboten. Dann verabschiedete er sich und kündigte seinen Anruf für den nächsten Tag an, um sich nach meinem Preis zu erkundigen.
Ich habe dann im Internet mal nachgeschaut. Ähnliche Geräte in der Größe des unseren kosten 120 Euro aufwärts. Da hatte sich die von Frau Krause angeschleppte Sachverständige wohl deutlich verschätzt. Und gerade in den Hutonghäusern, die im Sommer eine enorm hohe Luftfeuchtigkeit plagen, kann so ein Ding wirklich nützlich werden. Kampf dem Schimmel, lautet die Parole.
Frau Krause hat mich tagsdrauf nicht angesprochen auf den Boiler. Der Sammler dagegen hat angerufen und mal nachgefragt. „Ich verkaufe nicht. Wir benutzen ihn selbst“, habe ich gesagt. Das fand er schade. Jetzt warten wir nur noch auf Frau Krauses nächsten Anlauf.
Die Frau, die gegenüber wohnt, ist erst vor wenigen Wochen eingezogen. Und trotzdem hat sie vom ersten Tag an im Fangjia Hutong den neuen Ton angegeben. Ihr lautes Organ zieht durch die Gässchen und Höfe unserer Sackgasse. Es ist, als sei sie immer schon da gewesen. Dass jetzt zwei Ausländer in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft leben, scheint sie derart zu faszinieren, dass sie sich offenbar entschlossen hat, aktiv an unserem Leben teilzunehmen. Der Einfachheit halber taufen wir sie Frau Krause, was vielleicht auch ein bisschen mit ihrer Frisur zu tun hat. In den kommenden Monaten und Jahren wollen wir ihrem extrovertierten Auftreten angemessenen Platz einräumen in der Sparte: KRAUSES GESETZ
Der erste Kontakt
Irgendwann standen wir uns gegenüber vor unserem Eisentor zu unserem Courtyard. Frau Krause hatte ihre Vorderzähne an diesem Nachmittag im Haus zurückgelassen und lächelte schräg. Dass sie etwas ramponiert ausschaut ohne ihre Dritten, stört sie offenbar nur wenig. Jedenfalls scheint es ihr relativ egal zu sein, dass alle Nachbarn sie mit einem ihrer vermutlich größten äußerlichen Makel zu Gesicht bekommen. Aber Eitelkeit spielt in der Pekinger Altstadt ohnehin nur bedingt eine Rolle. Zumindest gilt das für die ältere Generation, zu der wir Frau Krause uncharmant zählen würden. Sie mag zwar erst um die 50 Jahre alt sein, aber ihr jugendliches Wesen hat sie vermutlich schon vor Jahrzehnten verloren.
Wie dem auch sei. Schnell bekam Frau Krause also spitz, dass wir der chinesischen Sprache mächtig sind. Und dann testete sie dieses Phänomen gleich persönlich auf seine Nachhaltigkeit. „Nimen ting de dong ma?“ - „Könnt ihr verstehen?“. Wir antworteten: „Ja, ein bisschen.“ Dann streckte sie den rechten Daumen nach oben und signalisierte Anerkennung. Dieses Symbol begleitete uns noch einige Tage lang. Nämlich immer dann, wenn Frau Krause uns über den Weg lief und sich vorsichtshalber noch einmal vergewisserte: „Versteht ihr Chinesisch?“ Antwort: „Ja, ein bisschen“ - Daumen hoch.
Ein paar Tage später betrat sie dann erstmals unseren Hof. Wir hatten einen Servicemann von Haier bestellt, der sich um die Installation unseres neuen Warmwassererhitzers kümmerte. Ein netter, junger Typ. Frau Krause packte die Gelegenheit beim Schopfe. Sie schnauzte auf den Handwerker ein und befahl ihm, seinen Hintern schleunigst rüber in ihre Wohnung zu schaffen, wenn er bei uns fertig sei. Sie habe ein Problem. Ein beeindruckender Auftritt. Der Mann widersprach jedenfalls nicht. Er beendete seine Arbeit, doch anstatt, die Baustelle aufgeräumt zu verlassen, ließ er alles stehen und liegen und bewegte seinen Hintern schleunigst in die Wohnung von Frau Krause. Zehn Minuten später kehrte er zurück, sammelte sein Werkzeug ein und schaffte bei uns Ordnung.
Als ich den Mann aus dem Hof führte, stand Frau Krause vor ihrer Hoftür, nur zweieinhalb Meter von unsrer entfernt. „Hat er alles repariert“, habe ich sie gefragt. - Daumen hoch.
Anfangs haben wir und die Nachbarn den Müll einfach an eine Hauswand bei uns im Gässchen geschmissen. Das ist nicht schön.
Aber es war insofern erträglich, als dass täglich ein- bis zweimal der Müll abgeholt wurde.
Aber EIN GLÜCK, dass der Fortschritt auch die Pekinger Altstadt erreicht: Endlich haben wir auch ne Mülltonne.
Was für eine Lebensqualität. Wir liegen im Bett und sehen den Himmel. Nur die Krone eines Baumes trennt uns von den Wolken. Die Zweige wippen im Wind. Die Vögel zwitschern den Frühling herbei und den Schlaf aus unseren Augen. Glück. Idylle. Paradies.
Und dann röchelt der Nachbar. Guten Morgen, Peking!
Rachen und Luftröhre rasseln so laut wie ein frisiertes Moped. Der Schall dringt über die eiserne Pforte unseres Hofhäuschens durch die hölzernen Fenster hinein in unser Schlafzimmer im Herzen der Altstadt. Lust auf Frühstück? Wer gedacht hat, Olympia würde den Chinesen das Spucken austreiben, dem zeigen die Pekinger die Mandeln. Besonders gerne hier in den engen Gassen, auch Hutongs genannt, wo die Seele der Metropole baumelt. Und besonders gerne am frühen Morgen, wenn der Nikotin des Vortags noch die Atemwege belegt.
Aufstehen, Kaffee kochen. Ein geöffnetes Fenster ersetzt das Radio. Der Eiermann singt seinen Refrain. Der Biermann stößt spitze Schreie aus. Ihre Bollerwagen rattern über den Asphalt, sonst kein Verkehr in unserer Sackgasse. Nur Menschen und Tiere.
Frau Zhang führt ihre sechs Hunde aus und rennt mit Plastiktüten hinterher. Frau Hou von Nebenan schrubbt die Hemden ihres Mannes auf dem Waschbrett. Eine andere Nachbarin marschiert im Schlafanzug und mit Pantoffeln an den Füßen vorbei auf die öffentliche Toilette. Sie hat ihr Nachttöpfchen zum Leeren mitgebracht.
Nach der Nordurft bleibt sie stehen auf ein Schwätzchen. Die Kinder werden betüddelt. Und zu erzählen gibt es immer etwas.
Hunde werden in China auch gegessen. Ja! Aber nicht alle, und nicht immer und überall. Es gibt inzwischen eine Fraktion an Hundeliebhabern, die alles andere mit ihren Vierbeinern machen, aber sie ganz sicher nicht essen. Schoßhunde mit todschicken Kleidchen und extravaganten Frisürchen sieht man in Peking längst an allen Ecken und Enden. Bei einer chinesischen Hundebesitzerin ging der Wahn sogar so weit, dass sie das Tier in eine Windel packte und mitten im Restaurant ganz dicht ihre Nase an den Hinterausgang des Hundes hielt, um zu riechen, ob der sein Geschäft gemacht hatte.
Meine Nachbarin Frau Yong erspart ihren sechs Schoßhündchen zwar nicht den Frisör, aber immerhin die Windeln. Den Tieren bleibt in den begrenzten Auslaufflächen der Pekinger Altstadt nichts anderes übrig, als in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Notdurft zu verrichten. Frauchen ist sich der Problematik bewusst. Sie marschiert stets hinter ihren Lieblingen her und sammelt alles an Hundekot auf, was in unserer Gasse herumliegt. Die Tiere sind nicht groß gewachsen, aber Kleinvieh macht auch Mist. Und ehe ein Nachbar Frau Yong bei den Behörden anschwärzt, weil die ihre Hunde vielleicht gar nicht kostenpflichtig angemeldet hat, ist die Hundeliebhaberin sehr penibel, um zu verhindern, dass jemand in einen Haufen tritt.
Doch manchmal hilft auch aller guter Wille von
Frau Yong nicht mehr. Neulich klebte mir die braune Masse unter dem
Fuß. Ich werde die nette Nachbarin allerdings nicht bei den Behörden
anschwärzen. Ich mag die Tiere, sie begrüßen mich immer
so freundlich. Und ich möchte nicht, dass sie wegen mir noch in
der Pfanne landen.
Ich rufe den Biermann an. Denn der bringt Bier frei Haus. Tagtäglich strampelt er auf seinem Dreirad mit kistenweise Gerstensaft auf der Ladefläche durch die Pekinger Altstadt und kommt dreimal in der Woche auch bei uns am Häuschen vorbei. „Pijiu, pijiu“, brüllt er wohlklingend, „Bier, Bier“. Wenn man ihn verpasst, bedeutet das längst keine trockene Kehle. Er ist mobil in jeder Hinsicht. Ein Anruf genügt.
Der Grill steht bereit zum Anzünden. Nur die Gäste fehlen noch und eben auch das Bier. Doch der Biermann sagt, er komme sofort. Ein Stunde später ist der Biermann noch immer nicht da. Das Telefon klingelt. „Ich schaffe es nicht vor acht“, sagt er. Auch gut, dann gehen ein paar Flaschen eben ins Eisfach, und zwanzig Minuten später sinkt „Yanjing“ auf Idealtemperatur. Dann ist es nach acht. Das Telefon klingelt. „Ich schaffe es heute nicht. Ich kann morgen kommen“, sagt der Biermann. Morgen? Wir grillen heute. Und Grillen ohne Bier, das ist wie Strandurlaub ohne Sonne. Die Gäste klopfen. Ich sage, ich müsse nochmal los, Bier holen. Der Blick vom Dach des Hofhauses über Pekings Altstadt-Dächer entschädigt fürs Warten.
Als die zweite Runde Bratwurst durchgegrillt ist, klopft
es an der Tür. Der Biermann. Er hat Bier mitgebracht. Abends um
halb elf. Ich sage: „Ich habe schon Bier." Er sagt: „Ich
habe schon lange Feierabend.“ Na dann, bei so viel Charme, bring's
rein! Es wird ja nicht schlecht.
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