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HINTER DEN KULISSEN

 

... alles, was nicht in der Zeitung steht, nicht im Fernsehen kommt

"Was macht denn RTL in China?"- 10.05.2009

Es hat leider nicht ganz gereicht. Den 5. Marler Fernsehpreis für Menschenrechte von Amnesty International in der Kategorie Magazin Ausland hat Diana Zimmermann vom ZDF gewonnen. Sie hat es verdient. Mit ihrem Beitrag über Kindersklaven in China war sie im vergangenen Jahr bereits für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Gegen so einen Beitrag den Kürzeren zu ziehen, ist keine Schande.

Die Verleihung fand am Samstag nachmittag im Rathaus in Marl statt. Moderiert wurde die Veranstaltung von dem Kabarettisten Wolfgang Schmickler (Mitternachtsspitzen), und auch Marls Bürgermeisterin Uta Heinrich schaute auf ein Grußwort vorbei. Vergeben wurde der Preis in insgesamt fünf Sparten: Magazin Inland, Magazin Ausland, Dokumentation Inland, Dokumentation Ausland sowie Spielfilm. Außerdem gab es noch einen Ehrenpreis.

Pias erster Enttäuschung folgte die Zufriedenheit. Denn allein diese Nominierung ist ein Grund, stolz zu sein. Das klingt wie eine Phrase, ist jedoch eine Tatsache. Denn unter 13 Nominierten war Pia die einzige Vertreterin vom Privatfernsehen. Alle übrigen Anwärter vertraten ARD und ZDF. Überhaupt war nie zuvor in der Geschichte des Preises, der seit 2001 im Zweijahrestakt vergeben wird, ein Beitrag aus dem Privatfernsehen so dicht dran am Preis wie Pias Dreierpack über Wanderarbeiter, den Milchskandal und das Behindertenheim.

Bezeichnenderweise fragte ein ZDF-Kollege gleich zu Anfang: „Was macht denn RTL in China? Ich dachte, das sei den Öffentlich-Rechtlichen vorbehalten.“ Und weil es das eben seit zwei Jahren nicht mehr ist, hat diese Nominierung für ein gutes Stück Bewusstseinserweiterung bei dem einen oder anderen gesorgt.

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Wie bestellt - 10.05.2009

Es ist schon interessant zu sehen, wie chinesische Propaganda funktioniert. Sie versucht in keiner Weise, geschickt oder hinterhältig daher zu kommen. Im Gegenteil: Sie ist plump und durchschaubar.

In den vergangenen Wochen hat die Berichterstattung über den Jahrestag zum Erdbeben in Sichuan am 12. Mai in den internationalen Medien an Fahrt aufgenommen. Immer wieder spielten dabei die etlichen Schulen eine Rolle, die beim Beben einstürzten, weil sie in keinster Weise erdbebensicher gebaut worden waren. Und immer warfen die Medien die Frage auf, weshalb es keine offiziellen Zahlen gäbe, die dokumentieren würden, wieviele Schüler denn nun tatsächlich während des Unterrichts verreckt sind, weil irgendwelche Kriminelle sich die Taschen vollgemacht haben. Der vorläufige Höhepunkt war die Titelgeschichte des International Herald Tribune, dem Welt-Ableger der New York Times, am Mittwoch.

Die chinesischen Medien halten sich raus. Sie haben die Order vom Propaganda-Ministerium bekommen, ausschließlich positiv über den Wiederaufbau zu berichten. Was tatsächlich passiert. Das Staatsfernsehen CCTV schießt den Vogel ab mit einem Bericht über eine neugebaute Villa, die jetzt von Bauern bewohnt wird, die ihre Häuser verloren haben. Da will wohl ein eifriger Redakteur ganz hoch hinaus in der Firma. Das ist übrigens der gleiche Redakteur, der mich bei der Tibet-Ausstellung für das englische Programm von CCTV interviewt hatte (siehe hier>>>)

Nachdem nun also der Druck der internationalen Berichterstattung immer größer geworden ist, setzte die Provinz Sichuan am Donnerstag ein paar Zahlen in die Welt. 5335 Schüler seien gestorben bei dem Unglück, heißt es. Es gibt jedoch keine Belege, keine Begründung für diese Zahl. Und solange es die nicht gibt, muss China damit leben, dass wir davon ausgehen, dass die Zahlen von ein paar Leuten beim Abendessen ausgedacht worden ist. Vielleicht auch in einer Dienststube. Sei es drum.

Aber weshalb sollte dies geschehen? Weil China keine andere Wahl hatte, als eben diese Anzahl toter Kinder zu bestätigen. Denn ohne jeden Zweifel sind mindestens 5205 Kinder getötet worden. Das geht aus einer Dokumentation des Künstlers Ai Weiwei hervor, der von 200 Freiwilligen im Erdbebengebiet unterstützt wird, die praktisch von Tür zu Tür gehen und die Menschen fragen, wessen Kind in einer Schule gestorben ist. Seit Monaten schon dauert dieses Projekt. Und bislang sind rund 5205 Opfer gezählt worden. Die chinesischen Behörden versuchen die Zählung zu verhindern, aber weil es ihnen nicht gelingt, mussten sie nun also die Zahlen von Ai Weiwei als Grundlage nehmen. Weniger zu nennen, wäre unglaubwürdig gewesen.

Dann haben sie noch ein paar draufgepackt - als Puffer sozusagen. Bis Ai, der mit mindestens 8000 toten Kindern rechnet, diese 5335 erreicht hat, vergeht noch viel Zeit. Und die läuft zugunsten der Verschleierungstaktik. Denn schon in ein paar Wochen spielt das Erdbeben keine große Rolle mehr in den Medien. Sollte nachträglich eine erhöhte Zahl festgestellt werden, wird sich der "Skandal" in Grenzen halten. Diese Zahl müsste sich zudem um einiges größer erweisen, als die der Regierung, um überhaupt so etwas wie einen Skandal zu entfachen. Wenn die Chinesen nicht einmal dieses Risiko eingehen wollen, dann werden sie nach dem Jahrestag damit beginnen, Ai Weiwei unter Druck zu setzen, in der Hoffnung, dass der sein Engagement aufgibt. Wie so etwas funktioniert, ist in zahlreichen Geschichten auf dieser Internetseite nachzulesen.

Ich habe die englische Fassung der Xinhua-Meldung angehängt, die uns also über die Zahl der toten Schulkinder informiert. Mein Lieblingssatz ist das Zitat eines Vaters, der sagt: "Ich hätte nicht gedacht, dass die Regierung ein so sensibles Thema anfasst kurz vor dem Jahrestag." Fakt ist, dass die Chinesen damit verhindern wollen, dass man ihnen Verschleierung vorwerfen kann. Denn dazu haben sie vermutlich allen Grund. Es ist nämlich durchaus anzunehmen, dass auch Vertreter der Kommunistischen Partei in den Korruptionsaffären verstrickt sind, die zum Einsturz der Schulen geführt haben. Und wie sähe das aus, wenn Mitglieder der fürsorglichen KP Schuld an so einem Desaster tragen? Nicht schön, oder?

Der staatlichen Realitäten-Schmiede Xinhua immerhin muss man zugute halten, dass im letzten Satz der Meldung eine Mutter zu Wort kommt, die verlangt, dass man die Namen der toten Kinder veröffentliche. Mehr Spielraum lässt die Zensur der Nachrichtenagentur jedoch nicht. Ein Vergleich der Namen mit der Liste von Ai Weiwei wäre jedenfalls hochinteressant.

 

China releases number of dead, missing students from Sichuan quake
2009-05-07 11:34:23    by Xinhua writer Bai Xu

     CHENGDU, May 7 (Xinhua) -- China released the number of students killed or missing in the southwestern Sichuan province on Thursday, almost a year after the May 12 massive quake jolted the region.
     A total of 5,335 students in Sichuan were confirmed as dead or missing from the earthquake, said Tu Wentao, head of the education department of the province at a press conference.
     Another 546 students were disabled as a result of the disaster in the southwestern province, Tu said.
     Huang Yong from Leigu Township, Beichuan County said he was surprised at the announcement.
     "I thought that the government wouldn't touch such a sensitive topic as the one-year anniversary of the quake is approaching," said Huang, 42, whose 10th-grade son Huang Yiran was killed in the collapse of the Beichuan Middle School.
     "Releasing the number is a reply for the ill-fated kids," he said.
     His view was shared by villager Chen Dingfu from Longtou Village, also in Beichuan.
     "This is great progress ... the government has never released the number of dead students before," he said.
     Thousands of schools collapsed in Sichuan in the magnitude 8.0 quake last May. Statistics from the provincial education department showed that 3,340 schools needed to be rebuilt after the earthquake.
     Criticism arose for poor quality of school construction. Many bereaved parents took to the streets, questioning construction quality and demanding a reply from local governments.
     Sichuan Province has pledged to have 95 percent of the students back in school buildings, rather than tents or prefabricated structures, before the end of this year. All students should be in regular school buildings by next spring. And stronger school buildings are being built.
     China's national legislature amended the Law on Precautions Against Earthquake and Relief of Disaster last year, which says schools and hospitals must be designed to stand strong earthquakes. School buildings should stand quakes of at least 8.0. The new law took effect last Friday.
     However, these moves did not comfort some grieving parents.
     "We are too old to have children any more," Chen said. "It was hard to raise our children. Now that they are gone, we need to find out how the school buildings collapsed."
     The release of the death toll seems to have encouraged him.
     "I expect the government to launch a thorough investigation into school building quality."
     Huang said: "If there is a quality problem with school buildings, those who are responsible must be punished."
     At the press conference, Yang Hongbo, head of the construction department of the province, said that a group of 2,500 experts had investigated the quality issue. They had found that the quake was too strong for the old buildings in Sichuan, most of which were designed for quakes no stronger than 7 magnitude.
     He reiterated the pledge that "we will investigate and severely punish relevant companies according to the law once there is concrete evidence to prove problems existing in building design and construction."
     A bereaved mother who declined to be identified had another wish.
     "I hope the names of the dead children could be publicized," she said.  "I want more people to know that my daughter lived in this world for seven years. I want them to know her name."  Enditem
     (Xinhua writers Wang Aihua, Tian Ye in Beijing, and Yang Sanjun, Jiang Yi in Chengdu also contributed to this story.) 

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Erdbeben - die Zeiten ändern sich - 16.04.2009

Sichuan. Was haben wir uns damals gewundert, als Sichuan Tür und Tor für Journalisten öffnete. Wir durften über das Erdbeben in einer unbürokratischen, unkomplizierten Art und Weise berichten, wie wir es niemals sonst in nunmehr zwei Jahren in China erlebt haben. Man verlangte lediglich von uns, dass wir uns akkreditierten. Mit Hilfe dieses Ausweises wurde uns damals vielerorts Zugang gewährt. Es gab natürlich auch Ausnahmen. Beispielsweise durften wir nicht in einige Ortschaften im unmittelbaren Epizentrum. Aber solche Restriktionen in einem Erdbebengebiet haben wir als international üblich empfunden und keineswegs als China-spezifisch. Unser Fazit und das vieler, vieler Kollegen war entsprechend positiv auf die Transparenz.

Doch wie sich die Zeiten ändern. Knapp ein Jahr ist vergangenen, und alles ist anders. Der Wiederaufbau in Sichuan ist derartig pervers von Korruption durchzogen, dass Reporter aus aller Welt inzwischen sehr, sehr ungern im Erdbebengebiet gesehen werden. Das war uns bereits klar, als wir am vergangenen Montag nach Chengdu aufbrachen. Der Foreign Correspondent Club China (FCCC) hatte uns bereits von einigen Ingewahrsamnahmen (was ein Unterschied ist zu einer Verhaftung) und Verweisungen aus Sichuan informiert.

Entsprechend vorbereitet waren wir auf Konfrontationen mit Polizei und Beamten der Staatssicherheit. Daran waren wir natürlich keineswegs interessiert, weil wir dann unsere Arbeit hätten abbrechen müssen und solche Begegnungen für unsere Interviewpartner gefährlich werden können.Also hat ein Versteckspiel begonnen, das sich durch den gesamten Aufenthalt gezogen hat, um so viel Material wie eben möglich zu bekommen. Wir hatten bereits im Vorfeld der Reise Kontakte zu Eltern hergestellt, die uns ihre Geschichte erzählen wollten. Geschichten über Einschüchterungen und Gewalt, die sie erlebt haben und immer noch erleben, weil sie nach dem Geschmack der lokalen Behörden zu viele Frage stellen, die vor allem eins beinhalten: Wieso mussten unsere Kinder sterben?

Interview Interview an einem sicheren Ort
...zum Vergrößern auf das Bild klicken

So haben wir also gezielt Ortschaften ansteuern können. Dort haben wir Treffpunkte mit unseren Gesprächspartnern vereinbart und sind dann mit ihnen an „sichere“ Orte gefahren, um sie zu interviewen. Kollegen von uns wurden bei ähnlichen Versuchen in den vergangenen Tagen bereits erwischt und von der Polizei festgehalten.

Sichuan, AutoPia und ich haben uns also auf der Rückbank unseres Wagens klitzeklein gemacht, um nicht entdeckt zu werden, während unser Mitarbeiter Fang die jeweiligen Kontaktpersonen in Sichtweite unseres Autos traf. In China spricht sich die Anwesenheit von Ausländern in kleinen Orten derart schnell herum, dass man davon ausgehen muss, binnen kürzester Zeit die Stasi am Hals zu haben. Denunzianten hocken in China an jeder Ecke, weswegen wir uns entweder verstecken, wenn möglich, oder aber nur wenige Minuten an einem Ort bleiben, um so wenig Aufmerksamtkeit wie eben möglich zu erregen. Wenn Fang Leute trifft, haben wir stets unsere Kameras einsatzbereit, weil ein sofortiger Zugriff der Stasi nie ausgeschlossen ist. Eltern, die zu aktiv sind bei der Aufklärung mysteriöser Umstände, werden in der Regel abgehört. Die Frage ist dann nur, ob das „live“ geschieht oder mit Verzögerung.

Unseren Fahrer verwunderte unsere Geheimnistuerei ein bisschen. Wir waren mit ihm im vergangenen Jahr tausende Kilometer durch das Erdbebengebiet gereist, haben mit ihm auf 3200 m Höhe in seinem VW Santana übernachtet und immer auf seine Bereitschaft zählen können. Doch jetzt ist die große Offenheit in Sichuan Geschichte, und für den Fahrer eröffneten sich ganz neue Horizonte. Anfangs nahm er unsere Vorsichtsmaßnahmen nicht ernst, stand rauchend am Auto, streckte den Kopf ins Fenster und brüllte: „Bie pa!“ - „Keine Angst“. Wir haben ihm dann erklärt, dass es keine Angst sei, sondern das Resultat aus zwei Jahren Erfahrungen in China. Das akzeptierte er, aber verstanden hat er es nicht, noch nicht.

Sichuan, Ruine Warten auf den Fahrer in einer Ruine
...zum Vergrößern auf das Bild klicken

„Klick“ machte es dann bei ihm, als wir die Mutter von getöteten Zwillingen im Auto sitzen hatten, die ihren ganzen Ärger und ihrer Verzweifelung über die Art und Weise, wie sie behandelt wird, weil sie Gerechtigkeit verlangt, sofort Luft machte. Wir wollten sie bremsen, aber es sprudelte aus ihr heraus. Und schon fühlte sich der Fahrer mittendrin in einem Krimi, der ihm eigentlich gar nicht recht war. Er wollte uns ausreden, hier und dort hinzufahren, weil es zu gefährlich sei. Letztlich hat er das Spiel mitgespielt. Aber ganz geheuer war ihm das nicht.

Und kaum hatten wir in Sichuan unsere Arbeit verrichtet, schickte der FCCC eine neue Mitteilung an seine Mitglieder. Die Behörden in Sichuan verlangen von Journalisten für die Berichterstattung rund um den Jahrestag des Erdbebens am 12. Mai ab sofort wieder eine Akkreditierung, um sie zu kontrollieren. Das ist natürlich ein grober Verstoß gegen die in China für ausländische Reporter geltenden Regeln zur freien Berichterstattung. Aber dass China erneut dagegen verstößt, passt ins Bild.

Sehr, sehr viele interessante Einzelheiten von unserer Reise nach Sichuan in Kürze bei RTL (u.a. 11. Mai, RTL Nachtjournal), diversen deutschen Tageszeitungen und auf dieser Seite.....

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Misstrauen in der Luft - 19.03.2009

Es waren nicht überwältigend viele ausländische Journalisten zur Ausstellung „50 Jahre demokratische Reformen in Tibet“ gekommen. Zumindest bei weitem nicht so viele, wie sich die Veranstalter wohl erhofft hatten. Also zählten wir zwangsläufig zum engeren Kreis der Kandidaten, die für ein Interview in Frage kamen. In China ist es nämlich häufig so, dass Ausländer bei derartigen Terminen vor die Mikrofone und Fernsehkameras gezerrt werden. Damit lässt sich Programm machen. Und in diesem Fall war das auch nachvollziehbar. Schließlich sind es vor allem die ausländischen Medien, denen Voreingenommenheit und Lügen vorgeworfen werden, wenn es um Tibet geht. Was kann es also Besseres geben, als einen dieser Lügner zu interviewen?

Kaum hatten wir also das Völkerkunde-Museum in Peking betreten, pirschten sich die ersten chinesischen Kollegen an uns heran. Dazu gesellten sich diverse Mitarbeiter vom Außenministerium oder dem Propaganda-Ministerium. Alles lächelte und tauschte freundlich Belangloses aus. Doch man spürte förmlich das gegenseitige Misstrauen, das in der Luft lag. Die Chinesen wussten, was wir über Tibet denken. Wir wussten, was sie über uns denken.

Mehrfach (mehrfach!) wurden wir dann von diversen Beamten darauf hingewiesen, dass gegen 14.45 Uhr ein Tibetologe im Hauptraum der Ausstellung Frage und Antwort stehen würde. „Ja, danke, wir kommen gerne.“ - „Ja, danke, hat uns schon ihr Kollege gesagt. Danke schön.“ - „Ja, das wissen wir, wir kommen. Danke, aber jetzt müssen wir arbeiten.“

Letztlich beschränkte sich meine Aufgabe darauf, Pia den Rücken frei zu halten. Kaum hatten wir den rechten Nebenflügel der Ausstellung betreten, sprach mich der erste Kollege von Chinanews.com an, um mir ein paar Fragen zu stellen. Ich habe mich breitschlagen lassen. Es gibt Kollegen, die vertreten den Standpunkt, als Journalist GEBEN wir keine Interviews, wir FÜHREN sie. Das sehe ich anders. Gerade als Journalisten müssen wir Stellung beziehen, und keinen Gedanken zu haben und ihn zu formulieren, das ist sogar eine Kunst. Wenn man die beherrscht, sollte man aber vielleicht Politiker werden.

Wie dem auch sei. Ich habe nun in aller Diplomatie versucht zu erklären, was ich von dieser Ausstellung halte. Man muss sich vorstellen, dass alles, was es an Propaganda zum Thema Tibet aus chinesischer Sicht gibt, potenziert und im Großformat dargestellt wird. Was soll ich dazu sagen? Kaum habe ich versucht, mich halbswegs respektvoll den Gastgebern gegenüber zu äußern, sah ich schon eine TV-Kamera auf mich gerichtet und hatte ein Mikro von CCTV 9, dem englischen Dienst des Staatsfernsehens, unter der Nase.

Der Kollege hat mich dann gefragt, ob ich denn auch der Meinung wäre, dass es keine Fortschritte gegeben hätte in Tibet in den vergangenen 50 Jahren.
Der gute alte Ganoven-Ede hätte geschrien: VORSICHT, FALLE!
Denn wenn ich darauf antworte: „Natürlich hat es große Fortschritte gegeben in Tibet.“ Dann plumpse ich vielleicht ganz schnell in die Propaganda-Mühle und schaffe es mit diesem Zitat (und nur diesem Zitat) in die Hauptnachrichten. Nach dem Motto: Dieser ausländische Journalist gesteht, dass es große Fortschritte in Tibet gegeben hat.

Ich habe dann geantwortet, dass es darum nicht geht, und habe versucht zu erklären, wieso es zu diesen unterschiedlichen Ansichten im Westen und in China kommen kann. Leider habe ich jedoch festgestellt, dass es auch darum gar nicht ging. Im Grunde sollte ich mich rechtfertigen für meine Sicht der Dinge. Zumindest war das in diesem CCTV-Interview der Fall. Ich habe den Kollegen schließlich um eine Visitenkarte gebeten. Er sagte, er habe keine, schicke mir aber eine Email. Eine Email habe ich nie erhalten von ihm, was ich ihm vorwerfe. Denn es geht dabei auch um Zuverlässigkeit. Die gleiche Zuverlässigkeit, die uns ausländischen Journalisten abgesprochen wird, wenn es um unsere Tibet-Berichterstattung geht.

Ich habe noch zwei weitere Interviews gegeben. Einerseits wollte ich den Kollegen einen Gefallen tun, denn ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, Gesprächspartner zu finden, um eine gute Geschichte zu produzieren. Andererseits hatte ich die Möglichkeit, von Interview zu Interview schneller, weil durchdacht, auf den Punkt zu kommen. Bei den ersten Interviews musst du aus der hohlen Hand Stellung beziehen, was es manchmal nicht einfach macht, dich treffend auszudrücken, besonders bei einer solch heiklen Angelegenheit wie Tibet. Also waren die Interviews drei und vier schließlich eine Form der Selbsttherapie.

Ich habe dann etwa Folgendes gesagt. „Ich sehe ausschließlich die chinesische Perspektive der Geschichte. Es kommt mir vor, als soll mir vor allem eins vermittelt werden: Es ist so, wie wir es sagen, und basta! Es ist kein Geheimnis, dass es unterschiedliche Ansichten über die chinesische Tibet-Politik gibt. Mir fehlt in dieser Ausstellung eine wirkliche Auseinandersetzung der beiden Positionen, und ich vermisse eine Analyse über die Unzufriedenheit einer großen Zahl von Tibetern.“ Naja, und ein paar Sätze mehr.

Während dieses letzten Interviews haben mindestens zwei Beamte des Außenministeriums oder Propagandaministeriums (jedenfalls diejenigen von weiter oben im Text) mit riesigen Ohren in der Nähe gestanden und dabei so getan, als würde sie das alles nichts angehen. „Was sagt der ausländische Journalist über diese Ausstellung?“ Ich frage mich: Warum fragen diese Herren mich eigentlich nicht selbst?

Der Tibetologe hat dann übrigens auch noch gesprochen. Er war die verkörperte Ausstellung auf zwei Beinen.

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