
HINTER DEN KULISSEN
... alles, was nicht in der Zeitung steht, nicht im Fernsehen kommt
Leserbrief - Briefwechsel Dezember 2010 / Januar 2011
Sehr geehrter Herr Grzanna,
ich freue mich sehr über Ihre Berichte, ganz speziell aus China und der Journalismus hat eine wichtige Aufgabe, um den Menschen in unserem Land die Realität, mit denen wir jeden Tag konfrontiert werden, nahezubringen. Und ich finde Ihre journalistischen Fähigkeiten, auch die von Frau Schroers, hervorragend. Verstehen Sie mich da bitte nicht falsch. Aber versuchen Sie es mal so zu sehen:
Wenn in den Medien das Thema Mao Zedong angesprochen wird, und das auch fast nur noch in historischen Dokus, weil er in den 70ern gestorben ist, heute ist er also nicht mehr Teil der aktuellen Politik, dann fast durchweg negativ, weil er den Kommunismus nach China "gebracht" hat. Da wird aber auch gerne vergessen, was er für China tatsächlich getan hat. Er hat die Kapitalisten, die sogenannten Kuomintang nach Taiwan gejagt, okay, vielleicht nicht in Ordnung. Er hat die Kulturrevolution gestartet und den "Großen Sprung nach vorne" nicht zu vergessen. Politische Fehlentscheidungen, die sich verheerend ausgewirkt haben. Er hat aber auch gesorgt, dass die Japaner verschwinden, die sich in Nanjing mit ihren Kriegsverbrechen nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben. Er hat China wieder zu einem souverränen Staat gemacht und ich behaupte, dass es ohne Mao das heutige China nicht gäbe. Zumindest nicht so schnell, wie sich China derzeit entwickelt.
Chinesische Politiker waren nach dem Erdbeben in Sichuan und haben sich ein Bild von der Lage gemacht und westliche Medien haben davon gesprochen, dass sie eine "Show" veranstalten. Das ist unfair, so etwas zu behaupten. Gab es überhaupt Spenden für Sichuan? Als es in Haiti zu dieser Katastrophe kam, war die ganze Welt, zurecht, bewegt und hat gespendet wie verrückt. Es wurden Konzerte veranstaltet. Wer hat sowas für Sichaun in Betracht gezogen?
Tibet und Xinjiang ist so eine Sache. Die Tibeter haben 2008 im Rahmen der Olympischen Spiele demonstriert. Aber man kann nicht von einer friedlichen Demo sprechen, wenn sie anfangen, chinesische Geschäfte zu zerstören. Leider war auch dies der Fall. Und vor allem: Was war Tibet vor 1951? Es war ein Staat, wo die Mönche das Sagen hatten und die Bevölkerung unterdrückt haben. Eine Analphabetenquote von ca.90% nebenbei erwähnt. Sollte man diesen Teil wirklich dem Dalai Lama zurückgeben? Wer kann das verantworten? Der Dalai Lama ist durchaus auch eine politische Gestalt, auch wenn er das Gegenteil behauptet. Ein Mann, der sogar Kontakt zu einem Nazi hatte, das wird ihm oft vorgeworfen. In Xinjiang war es auch der Fall, dass die Uiguren mit Stöcken und Steinen Han-Chinesen angegriffen hatten. Ich sah eine blutige Frau im Fernsehen, die von einem Mann halb tot geprügelt wurde. In den westlichen Medien konnte man diesen Teil leider nicht sehen, das enttäuscht mich sehr. Und Rubeya Kadeer hat den Medien ein falsches Foto gezeigt und behauptet, dass wären chinesische Soldaten gewesen, was sich als falsch herausstellte. Es gab eine öffentliche Entschuldigung von ihr und alles war gut. Nicht für mich. Eine öffentliche Person, die Werbung für eine Sache macht und falsche Tatsachen behauptet ist für mich skandalös.
Ich denke auch, dass man Falun Gong verbieten sollte, weil es Fälle gab (dem Westen unbekannt), in denen eine Frau zum Beipiel ihr Kind umgebracht hat, weil sie dachte, es sei von einem Dämonen besessen. Diese Frau ist Falun Gong-Anhängerin. Es gab Fälle, in denen sich Menschen öffentlich angezündet haben. Das alles weil Li Hongzhi, der Begründer von Falun Gong, sich selbst als Gott deklariert und seinen Anhängern jeden Mist erzählt, den sie dann glauben müssen. Frevler werden ohne Gnade bestraft. So eine Organisation würde man in Deutschland auch verbieten, nicht aber, wenn sie aus China kommt, weil sich unser Land berufen fühlt, der Minderheit zu helfen, egal was sie macht. Ist das der richtige Weg? Soll der Zweck die Mittel heiligen?
Recht gebe ich Ihnen, dass man auf vergiftetes Spielzeug aufpassen muss und Oppositionelle nicht wegsperren darf. Etwas, an dem das Land noch arbeiten muss, aber man sollte dem Land auch eine Chance geben. Man liest in politischen Magazinen nur "Konkurrenz", "Das Land in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden", "Gelbe Spione", "Gelbe Gefahr", "Kommunisten"... Etwas unfair, so über China zu schreiben. Es ist ein Land, wo die Todesstrafe vollzogen wird. Über diese könnte man stundenlang diskutieren, aber ich finde es in China immer noch besser, als in unserem laschen Rechtssystem (und ich habe Rechtswissenschaft studiert), wo man von rechtlichen Grauzonen spricht und kriminelle nicht bestrafen kann und neuerdings auch gefährliche Sexstraftäter wieder freilässt, aufgrund der Menschenrechte.
Ich kann Ihnen erzählen, dass ich nicht Sinologie studiert habe, sondern mein Wissen über China aus verschidenen Geschichtsbüchern, Büchern über China allgemein (Geschichte, Geographie, Wirtschaft, Kultur...), meiner Frau natürlich, der Familie meiner Frau (Eltern sind Akademiker) und eigenen Eindrücken aus diesem Land gewonnen habe. Ich lasse mich also auch gerne eines Besseren belehren, weil Sie viel über China wissen und ich nicht so ignorant bin und andere Meinungen sofort als falsch betrachte. Ich möchte also gerne viel über China erfahren, weil, und ich denke da sind wir uns einig, China ein interessantes, für uns fremdes und schönes Land ist, das wir versuchen sollten zu verstehen.
Mit freundlichen Grüßen
S.
Und viel Glück und alles Gute im neuen Jahr 2011
Unsere Antwort
Sehr geehrter Herr S.,
vielen Dank für ihre wohlwollenden Worte für unsere Arbeit. Wir denken, dass sie die Aufgabe des Journalismus sehr zutreffend beschreiben. Es geht darum, die Realität darzustellen. Glauben sie uns, darum sind wir sehr bemüht. Insofern ist es eine ständige Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist die Realität? Nach vielen Jahren, die wir in diesem Land leben und mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft gesprochen haben, sind wir zu einem ernüchternden Resultat gekommen. Nämlich dass die offizielle, von der Partei verbreitete Version der Realität meistens nicht der Wahrheit entspricht.
Beispiel Mao Zedong: Die Partei hat einen Kompromiss gefunden, sich mit ihm zu arrangieren, weil sein "Befreiungskampf" die Legitimation für die heutige Führungsclique im Land bildet. Tatsächlich aber sind während Maos Regentschaft 70 Millionen Chinesen gestorben, weil Mao ohne Rücksicht auf Verluste das Leben seiner Landsleute zum Erreichen seiner persönlichen Ziele geopfert hat. Der Mann war ein brutaler Diktator, der das chinesische Volk mit einer schweren Neurose hinterlassen hat. Dieses Problem kennen wir auch in Deutschland. Wir hatten das Glück, dass unsere Elterngeneration damit begonnen hat, sich mit der Last der Hitler-Diktatur auseinanderzusetzen. Bis heute dauert diese Auseinandersetzung an. Das geschieht in China nicht. Mao wird weiterhin von der Partei verherrlicht und seine grausamen Taten verharmlost, um das Machtmonopol der Partei nicht in Frage zu stellen.
Wir empfehlen ihnen dringend die Lektüre des Buches "Mao - Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes" von Jung Chang und Jon Halliday. Es ist ein Meisterwerk journalistischer Recherche. Die Schärfe mancher Interpretationen darin sind sicherlich streitbar, aber die Bedeutung der Flut an Fakten und Beweisen ist nur schwer zu widerlegen. Unter anderem wird darin auch der Kampf der Chinesen gegen die Japaner in ein ganz neues Licht gerückt. Nur so viel: Maos Legende vom Sieg der Kommunisten über den Erzfeind scheint eine große Lüge zu sein.
Beispiel Sichuan: Naturkatastrophen werden auf der ganzen Welt von Politikern zur eigenen PR genutzt. Gerhard Schröder hat einst als "Flutenkanzler" eine verloren geglaubte Bundestagswahl gewonnen. Seine Auftritte und sein Engagement waren eine große Inszenierung seines Wahlkampfteams. Das ist legitim, aber eben auch opportunistisch. Weshalb also sollten andere Maßstäbe für chinesische Politiker angelegt werden, wenn sie in die Erdbebenregion reisen? Auch sie sind Opportunisten. Oder wieso wurde JEDER Schritt und JEDES Wort von "Opa Wen" von einer Hundertschaft Journalisten dokumentiert? Hier ist es die Aufgabe der Journalisten, den Leuten das Gegengewicht zu liefern und zu vermitteln, dass es häufig eben nicht nur reine Fürsorge und große persönliche Anteilnahme sind, die Politiker in den hautengen Kontakt mit den einfachen Menschen führen. Chinesische Medien dürfen das nicht.
Wenn die Fürsorge tatsächlich so groß ist, warum werden Väter eingesperrt, die Beweise sammeln dafür, dass Schulen wegen Korruption nicht erdbebensicher gebaut worden sind? Wir haben einen Mann getroffen, der solche Beweise in den Händen hat. Er ist bis nach Peking gereist, weil er dort eine Petition einreichen wollte, nachdem er in Sichuan von Parteimitgliedern mit dem Tod bedroht worden war. Was glauben sie, was in Peking passiert ist? Seine Petition wurde ignoriert und er wurde an die Behörden seiner Provinz übergeben. Nach weiteren Todesdrohungen gegen ihn und seine Familie hat er Sichuan verlassen. Er lebt inzwischen am anderen Ende des Landes.
Wenn sie durch Sichuan reisen und als Journalist identifizierbar sind, dann erleben sie keine fünf Minuten, in denen nicht jemand an ihrer Jacke zieht und sich bei ihnen beschweren will über die Behandlung durch die lokalen Behörden. Flächendeckend fühlen sich die "laobaixing" betrogen und vergessen von ihren "lingdao". Und das wissen nicht nur ausländische Journalisten, auch chinesische. Doch die werden gezwungen zu schweigen, weil die Zentralregierung keine negative Berichterstattung aus Sichuan duldet.
Beispiel Tibet und Xinjiang: Westliche Medien haben sehr wohl auch differenziert über die Unruhen berichtet. Stets hat es geheißen, dass junge Tibeter angefangen haben, chinesische Geschäfte zu zerstören. Entsprechende TV-Bilder gingen um die Welt. Stets haben westliche Medien auch die Perspektive der Kommunistischen Partei verbreitet. Es war immer eine Gegenüberstellung von den Informationen beider Seiten. Und niemand hat verheimlicht, dass es in Xinjiang mehr Hanchinesische Todesopfer gab als Uiguren. Doch haben sie seitdem jemals andere Informationen als die von offizieller chinesischer Seite darüber gehört, was eigentlich genau die Ursachen waren für die Unruhen? Wir nicht. Es heißt, Tibeter und Uiguren sind undankbar, weil sie die wirtschaftliche Entwicklung nicht zu schätzen wissen. Wir glauben aber, dass das nicht stimmt. Wir wissen sogar, dass Tibeter und Uiguren sehr an einer wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Regionen interessiert sind. Aber niemals dürfen sie innerhalb der chinesischen Staatsgrenzen Kritik äußern. Sie müssen den Mund halten, ohne Wenn und Aber. Wenn nicht, werden sie eingesperrt und oft auch gefoltert. Wovor, fragen wir uns, hat die Partei Angst, wenn vermeintlich mündige Staatsbürger ihre Sicht der Dinge ansprechen?
Solange die Partei keine glaubwürdigen Antworten auf all diese Fragen liefert, kann sie kaum erwarten, dass sich das Misstrauen gegen ihre autoritäre Politik verringert. Es fehlen einfach zu viele schlüssige Antworten. Sie liefert Totschlagargumente, auf deren Basis eine faire Auseinandersetzung mit der Realität nicht möglich ist. Das empfinden auch sehr, sehr viele Chinesen genau so. Doch die halten lieber den Mund, weil sie nur zu gut wissen, was sie erwartet, wenn sie zu laut nach Antworten verlangen.
Zu den Totschlagargumenten, die die Partei dazu nutzt, westliche Journalisten zu diskreditieren, zählt auch der Vorwurf, sie seien Gegner des Kommunismus. Das ist eine außerordentlich absurde Verzerrung der Realität durch die Partei. Denn kommunistisch ist die Partei schon lange nicht mehr. Sie hat sich längst kapitalistischen Grundsätzen untergeordnet. Auf der Parteischule werden deshalb Theorien entwickelt, wie dieser Sinneswandel mit kommunistischen Überzeugungen zu verbinden ist. Schließlich muss die Partei ihren neuen Kurs ja ideologisch rechtfertigen. Außerdem will sie mit dem Vorwurf, wir seien gegen den Kommunismus und deshalb voreingenommen von ihrer rücksichts- und gnadenlosen Politik gegen das eigene Volk, ablenken.
Wir können nachvollziehen, dass es Chinesen sehr schmerzt, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, weil es ihre gesamte Identität in Frage stellt. Große Teile von dem, was man ihnen jahrzehntelang von Kleinauf als Wahrheit eingehämmert hat, entpuppt sich als in weiten Teilen zweifelhaft oder sogar als Lügengerüst. Chinesen, die es wagen, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, werden zwangsläufig vor die Wahl gestellt, dagegen zu sein und das Unrecht anzuprangern oder die Klappe zu halten und das eigene Schweigen mit dem Gewissen zu vereinbaren. Sich dafür zu entscheiden die Wahrheit öffentlich anzusprechen, ist eine sehr mutige Entscheidung, weil es eine unmittelbare Gefahr für das eigene Wohlsein bedeutet. Wer sie dennoch trifft, genießt unseren vollsten Respekt. Und wer sie nicht trifft, für den haben wir vollstes Verständnis. Denn wir selbst wissen auch nicht, ob wir den Mut besäßen die Wahrheit auszusprechen, wenn unsere Gesundheit und die unserer Familie auf dem Spiel stünde.
Grüße aus Peking
Ihre Asienreporter
Hier der erste Briefwechsel
Guten Tag.
Ich möchte zunächst sagen, dass ich ein großer Fan von asiatischen Ländern, ganz speziell China, bin und ich viel über die chinesische Kultur weiß, da ich unter anderem eine Chinesin geheiratet habe und öfters dort war. Ich muss meinen Unmut über die deutschen Medien zum Thema China ausdrücken. Es wird über ein fremdartiges Land wie China wenig gewusst und trotzdem mit viel Willkür und schlechtem Willen berichtet. Zu jedem Anlass, selbst zu Weihnachten, wird die chinesische Politik kritisiert.
China rückt in unseren Medien nur ins gute Licht, wenn die Chinesen eine westliche Tradition annehmen, wie Weihnachten feiern oder, wie in RTL zu sehen war, vorehelicher Sex. Dabei stoße ich auf viele Un-, oder Halbwahrheiten. Die sogenannte "Prüderie" schieben Sie auf Mao Zedong, obwohl es eine Tradition aus dem Konfuzianismus ist, um nur ein Beispiel zu nennen. In Ihrem letzten Bericht über Weihnachten in China, der im RTL-Nachtjournal zu sehen war, hat Frau Schröers auch etwas falsch übersetzt oder übersetzen lassen.
Allgemeines Ziel der deutschen Medien scheint zu sein: Hetzjagd gegen die chinesische Politik, und zwar zu jedem Preis. Man sollte sich überlegen, ob man so einen Weg einschlagen sollte, denn immerhin bemüht sich die chinesische Politik, ihre eigenen Probleme im Land wie Überbevölkerung in den Griff zu bekommen. Zudem ist China ein wichtiger Handelspartner Deutschlands und ein Abnehmer vieler Produkte aus unserem Land. Jetzt hat sich China noch entschlossen der EU finanziell unter die Arme zu greifen, da wir wegen des Euro große Probleme haben und der Westen "bedankt" sich mit einem Bericht über angebliche, chinesische Spionageattacken. Das ist journalistisch der falsche Weg. Auch das RTL-Nachtjournal schreckt nicht zurück, um China im Fernsehen schlecht zu machen, und da ich das öffentlich-rechtliche Fernsehen eh ablehne und nur noch zähneknirschend meine Gebühren bezahle, habe ich gerade von RTL mehr erwartet, als diese ermüdenden Berichte mit Inhalten, die die innere Angelegenheiten Chinas betreffen und das China-Bild in Deutschland negativ beeinflussen. Bitte gehen Sie nicht auf das Niveau der Zeitschrift "Spiegel" herunter, die mit Berichten über "Gelbe Spione" überaus dumme Stereotypen ansprechen und tief in die Klischeekiste greifen, in der alle Chinesen in einen Topf geworfen werden. Das haben die Chinesen nicht verdient, da sie ein schönes Land mit einer der ältesten und interessantesten Kultur haben. China wird es wohl sowieso niemandem recht machen können, egal was die Regierung tut, da man sich geeinigt hat, dass es eh falsch ist. China sollte in den Medien richtig dargestellt werden. Es fehlt einfach der investigative Journalismus, der nicht immer nur einseitig, nämlich negativ über China berichtet.
Ich wünsche Ihnen noch einen guten Rutsch in Jahr 2011 und noch viel Erfolg.
Mit freundlichen Grüßen
S.
Unsere Antwort
Sehr geehrter Herr S.,
vielen Dank für ihre Kritik. Wir freuen uns über jegliche Reaktionen auf unsere Arbeit. Wie sie zählen auch wir uns zu den großen Fans asiatischer Länder. Wir haben zahlreiche Ecken des Kontinents ausgiebig bereist, leben seit vier Jahren in China, sprechen Mandarin und haben viel Austausch mit allen Schichten der chinesischen Bevölkerung. Wir selbst leben und arbeiten in einem Pekinger Hutong unter einfachen Leuten. Deswegen wissen wir sehr wohl, dass die Kritik an China von den meisten Bewohnern dieses Landes wesentlich sensibler aufgefasst wird, als beispielsweise sie oder wir Kritik an unserem Heimatland Deutschland auffassen würden.
Der Journalismus nimmt auf diese Befindlichkeiten keine Rücksicht. Und das ist sehr wichtig. China eine Sonderrolle zuzugestehen, weil das Land auf viel Kultur und Tradition zurückblickt, wäre unprofessionell. Zumal auch sie von Zeiten wissen, zu denen die eigene Kultur und Traditionen in China verpönt waren. Doch wenn sie aufmerksam die Berichterstattung über China verfolgen, dann wird ihnen nicht entgangen sein, dass die Berichterstattung gar nicht so negativ ist. Für ihre Wirtschaftspolitik der vergangenen 30 Jahre erfährt die chinesische Regierung in westlichen Medien viel Anerkennung. Der Vorwurf es werde immer nur negativ berichtet oder gar eine Hetzjagd auf China veranstaltet, wie sie mutmaßen, ist falsch.
Es ist sehr wohl richtig, dass die Regierung in anderen Bereichen ihrer Politik harte Kritik einstecken muss. Denken sie das ist falsch?
Denken sie nicht, dass die Verfolgung und Folter von Oppositionellen oder Falun-Gong-Anhängern scharf kritisiert werden sollte?
Denken sie nicht, dass Morde zum Zweck von Organraub von der Regierung auf allen Ebenen des Machtapparats mit allen Mitteln verhindert werden müssen?
Denken sie nicht, dass es eine faire Auseinandersetzung darüber geben sollte, weswegen Tibeter, Muslime in Xinjiang und andere Minderheiten sich tatsächlich benachteiligt fühlen, statt sie wegzusperren und zu foltern, wenn sie sich öffentlich beklagen?
Denken sie nicht, dass es in einem Land, das die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt stellt, die Möglichkeit geben müsste, dass jeder Bürger für erfahrenes Unrecht auf allen Ebenen des Machtapparats entschädigt werden muss?
Denken sie nicht, dass es Chinesen erlaubt sein müsste, eine Bestrafung für Menschen zu verlangen, die wissentlich verseuchte Lebensmittel in Umlauf bringen?
Denken sie nicht, dass privaten Unternehmern die gleichen Chancen eingeräumt werden müssen wie staatlichen Unternehmen, um ein ausgewogenes Wachstum zu erreichen?
Denken sie nicht, dass es faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt geben müsste für alle, die sich in der Universität den Hintern aufreißen und gute Abschlüsse liefern?
Denken sie nicht, dass Erdbebenopfern das gegeben werden muss, was andere für sie spenden? Und denken sie nicht, dass es konsequent wäre von einer Zentralregierung Berichterstattung chinesischer Medien über Misstände zu erlauben, statt ihnen aufzutragen, das katastrophale Bild in Sichuan rosarot zu malen?
Denken sie nicht, dass HIV-Infizierte in Henan von allen Ebenen des Machtapparats Unterstützung erhalten sollten, statt sie wie Vieh einzukerkern und mundtot zu machen?
Denken sie nicht, dass man es chinesischen Bürgern erlauben sollte, diesen Menschen zu helfen, wenn sie wollen?
Denken sie nicht, dass chinesische Journalisten geschützt werden müssen vor Totschlag, Körperverletzung und Drohungen, wenn sie über all diese Dinge berichten wollen, um der Regierung dabei zu helfen, eine harmonische Gesellschaft zu schaffen?
Diese Liste ist fortsetzbar. Wir wissen nicht, mit wie vielen Menschen sie persönlich gesprochen haben, die von diesen Problemen in China betroffen sind. Wir haben mit all diesen Leuten ausführlich gesprochen, stehen teilweise noch immer mit ihnen im Dialog, sprechen mit vielen mehr und werden in Zukunft neue Betroffene kennen lernen und sprechen. Das Bild, das uns dabei von chinesischen Staatsbürgern über ihr eigenes Land vermittelt wird, reflektieren wir in unserer Berichterstattung. Aber eben nicht nur, wie sie vermuten. Die oft positive Darstellung chinesischer Wirtschaftspolitik ist nur ein Beispiel. Zahlreiche weitere unserer Beiträge über die Herzlichkeit, Geselligkeit und Einzigartigkeit der Chinesen runden unsere ausgewogene Berichterstattung ab.
Wie gesagt, darf der Journalismus auf Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen, nur weil es sich um ein Land mit viel Kultur und Tradition handelt. Die chinesische Regierung nutzt sehr geschickt die Kritik von außen an ihrer Politik, um damit einen Nationalismus zu schüren, der letztlich dazu dient, das Land hinter der Partei zu einen und ihr eigenes Machtmonopol zu festigen. Mit ihren Aufschreien richtet sie stets die Aufmerksamkeit auch der ausländischen TV-Zuschauer und Zeitungsleser auf diese Themen und verschweigt die vielen positiven Darstellungen über das Land.
In diesem Sinne
auch ihnen einen gutes Jahr 2011
Grüße aus Peking
Ihre Asienreporter
Hintergründe einer Festnahme - November 2010
Ende November ist eine Meldung über unsere Festnahme in Südchina über den dpa-Ticker gelaufen. Das klingt für Außenstehende zunächst einmal nach Dramatik und Adrenalin. Doch wir wollen keine Legenden bilden. In der Realität verläuft so eine „Festnahme“ wesentlich unspektakulärer und weniger aufregend, als man es vermuten könnte. Softpower ist wohl der Begriff, der es am ehesten trifft. Deswegen ein paar Einblicke an dieser Stelle.
Wir waren in der Provinz Guangdong unterwegs, um ein Dorf aufzusuchen, wo sich Bewohner über Umweltschäden beklagen, die durch den illegalen Abbau von Seltenen Erden verursacht werden. Seltene Erden sind unter anderem diese 15 verschiedenen Metalle und Mineralien, die es im chemischen Periodensystem auf die Plätze 57 bis 71 schaffen. Aber diese so genannten Seltenen Erden sind sehr gefragt, weil sie für die Produktion von diversem technischen Schnickschnack von elementarer Bedeutung sind. Auch Mobiltelefone benötigen sie. China ist reich an diesen Rohstoffen, und der Staat will seine Förderung kontrollieren. Doch es gibt jede Menge Chinesen, die pfeifen auf den Wunsch der Zentralregierung in Peking. Stattdessen machen sie lieber ihre eigene Mine auf - illegal. Dabei verdienen sie sich eine goldene Nase und machen dem Staat die Marktpreise kaputt.
Diese Mine sollte ein Aspekt unter mehreren zum Thema Seltene Erden werden. Wir sind auf die Klagen der Dorfbewohner im Internet gestoßen, nachdem zuvor bereits ein Kollege der Süddeutschen Zeitung an dieser Stelle bei Nacht recherchiert und eine Reportage veröffentlicht hatte. Er blieb dabei auf Sicherheitsabstand, schrieb er. Das nahmen auch wir uns zu Herzen. Doch als TV-Crew samt Equipment fällt man eben ein bisschen mehr auf als ein Einzelkämpfer mit Block und Bleistift in der Tasche. Zumal wir tagsüber drehen musste. Andernfalls hätten wir auch bei Nacht auf unser Dach im Hutong stellen und behaupten können, wir seien nur wenige Meter von der illegalen Mine entfernt. Dummerweise hatten wir uns auf einen Dorfbewohner verlassen, der mit uns ins Auto stieg und einen „geheimen Weg“ weisen sollte. Geheim war daran, dass man von unten nicht sehen kann, wo er hinführt. Um an diese Stelle zu gelangen, muss man jedoch mit seinem Fahrzeug direkt an der Stelle vorbei fahren, wo jede Menge Wachleute der Mine herumlungern. Ende vom Lied war also, dass man uns schon entdeckt hatte, ehe wir angekommen waren.
Trotzdem ließen wir uns zunächst nicht aufhalten und liefen den Weg nach oben. Dorthin, wo der Dorfbewohner uns hinführen wollte. Ein, zwei Aufpasser liefen uns hinterher und stellten sich uns in den Weg, aber das war halbherzig. Sie änderten offenbar schnell ihre Taktik und ließen uns gewähren. Wir filmten also das Gelände, das aussah wie Tagebau im Rheinland nur in Klein. Niemand hinderte uns daran. Als wir fertig waren, liefen wir zehn Minuten zurück zum Auto, packten die Ausrüstung in den Kofferraum und wollten den gleichen Weg zurück, den wir gekommen waren. Doch plötzlich stand ein Raupenbagger mitten auf der Fahrbahn. Der Fahrer tat so, als schraube er verzweifelt am Motor herum, weil der ihm offenbar gerade kaputt gegangen sei. Auch die andere Richtung war von einem Bagger versperrt.
Das Spielchen begann.
Nach ein paar Minuten stellten wir fest, dass unser Wagen mit viel Dirigieren unbeschadet durch die Lücke hätte fahren können. Also blieb den Herren von der Mine nichts anderes übrig, als ihr Schauspiel zu beenden. Sie stellten sich vor das Fahrzeug und behaupteten nun, wir seien Spione, die auf Militärgelände eingedrungen seien. Wir müssten warten, bis die Polizei käme. Gut, haben wir gesagt, soll die Polizei kommen. Der Fahrer schraubte unterdessen immer noch an seinem Motor herum. Zwei Uniformierte waren 20 Minuten später da und verlangten unsere Ausweise. Als die Papiere überprüft waren, sagten die Polizisten, sie hätten noch nie ausländische Pässe gesehen, weswegen sie nicht sicher sein könnte, dass unsere nicht gefälscht seien.
So zog sich das Szenario hin, Stunde um Stunde und die Leute, die sich um uns versammelt hatten, summierten sich inzwischen auf rund 30 Personen: Polizei, Staatssicherheit, örtliche Propapagandabehörde, lokales Ausländeramt und ein paar Leute von der Mine. Zur Sicherheit hatte man noch einen Pick-Up neben den Bagger gestellt, so dass für unseren Wagen endgültig kein Durchkommen mehr war.
Die Gründe, weswegen wir festgehalten wurden, drifteten indes ins Absurde. Der Spionageverdacht sei aufgekommen worden, weil einer der Männer gedacht habe, unsere Kamera sei in Wahrheit ein Maschinengewehr, hieß es. Kein Witz! Das hat man uns gesagt. Der fantasierende Spaßvogel entpuppte sich schließlich als Betreiber der Mine. Er ist gleichzeitig Ehemann der örtlichen Parteichefin. Ein anderer zückte plötzlich irgendwelche Dokumente, die belegen sollten, dass man dort, wo wir gefilmt hatten, eine Plantage für das Pflanzen von Bäumen anlegen wolle. Die Dokumente waren echt, glaubt unser Assistent. Und verwunderlich wäre das nicht. Denn viele Leute, die in den illegalen Abbau von Seltenen Erden verstrickt sind, arbeiten bei echten Ämtern mit echten Stempeln. Dokumente sind also nicht im eigentliche Sinne gefälscht, sondern lediglich zum Vorwand ausgestellt. Man sagte uns, dass es Gerüchte seien, dass hier eine illegale Mine betrieben würde. Daraufhin haben wir vorgeschlagen, man möge uns doch ein Interview geben, damit wir auch diesen Blickwinkel in unserer Berichterstattung berücksichtigen können. Die Herren taten uns tatsächlich den Gefallen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte uns noch niemand aufgefordert, unser Filmmaterial herauszurücken, obwohl uns klar war, dass es ausschließlich darum gehen können. Doch nachdem man uns das Interview gewährt hatte, dachten wir, man würde uns auch mit Material gehen lassen. Denn welchen Sinn macht es, uns erst Rede und Antwort zu stehen vor der Kamera und dann zu verlangen, die Aufnahmen wieder zu löschen? Wir hätten es besser wissen müssen.
Nach drei Stunden hatte sich sich auch der Chef des Verwaltungskreises zur illustren Runde der örtlichen Politprominenz gesellt. Also der höchste Beamte des Kreises. Der Ton verschärfte sich. „Wenn ihr Chinesen wärt, hätte die euch schon lange verprügelt“, sagte unser Fahrer irgendwann. Da hatte er wohl Recht.
Schließlich einigten wir uns darauf, im Konvoi zur örtlichen Polizeistelle zu fahren. Für uns lag das sozusagen auf dem Rückweg. Zur Sicherheit setzte sich der Minenchef bei uns ins Auto. So wollte er einen Fluchtversuch verhindern. Bei der Polizeistelle angekommen, wollte man uns zum Tee trinken in das Gebäude lotsen. Das haben wir zu unserer eigenen Sicherheit verweigert, weil wir den Herrschaften dort sicherlich noch mehr ausgeliefert gewesen wären. Wir blieben also vor dem Gebäude. Und endlich verlangte man auch das Filmmaterial von uns. Das haben wir abgelehnt und forderten, endlich zurück fahren zu dürfen. Aber es fanden sich immer neue Gründe, weswegen das noch nicht möglich sei. Plötzlich stand einer vor uns, der sagte, man vermute, wir seien Falun-Gong-Anhänger, was in China brutale Konsequenzen haben kann. Wir verstanden diese Bemerkungen dennoch nicht als Drohung, sondern als eine weitere absurde Begründung, um unser Festhalten zu rechtfertigen.
Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits das chinesische Außenministerium eingeschaltet und um Hilfe gebeten. Das Ministerium weist ausländische Journalisten ausdrücklich daraufhin, dass man bei ihm um Hilfe bitten soll, wenn man in derartige Situationen gerät. Das Ministerium war aber hilflos. Wir könnten doch das Material herausgeben, sagte man. Außerdem befänden wir uns tatsächlich in großen Schwierigkeiten, wenn wir Militärgelände betreten hätten. Wir baten den Beamten darum, uns bitte zu glauben, dass wir nicht auf Militärgelände gelaufen sind, nicht einmal auf Privatgelände. Der Mann vermittelte uns dann lediglich einen Kontakt zur Provinzregierung Guangdong, die uns den Tipp gab, uns nicht mit den Leuten zu prügeln. Immerhin was! Dann wurden wir weiter gereicht an die Bezirksregierung. Dort teilte man uns schließlich nach einer Weile mit, dass die Vorgänge vor Ort außerhalb des Einflussbereichs dieser Stelle lägen. Sorry!
Angesichts der erschreckenden Hilflosigkeit der Behörden im Umgang mit ihren eigenen Angestellten, baten wir die deutsche Botschaft in Peking um Hilfe. Der zuständige Presseattache reagierte umgehend und informierte den Generalkonsul in Guangzhou von unserer Situation. Der rief uns kurz darauf an und verlangte konkrete Angaben über unseren Aufenthaltsort. Parallel dazu informierten wir den Kollegen von der Deutschen Presseagentur in Peking und baten ihn, eine Meldung vorzubereiten. Andere Kollegen hatten auch diese Taktik in der Vergangenheit gewählt, um Druck zu erzeugen. Für uns war es eine Art Hilferuf. Aber vermutlich war es letztlich nicht die Meldung in der Presse, sondern die Kontakte des Generalkonsuls, die uns aus unserer Lage befreiten.
Nach fast fünf Stunden wendete sich das Blatt. Plötzlich stand der ganze Mob wie ein Haufen kleiner Schuljungs vor uns. Wie Schuljungs. Dabei war die Meldung erst kurz zuvor veröffentlicht worden. Zu schnell, um Einfluss zu nehmen. Der Kreischef stand nun also vor uns und sagte, es täte ihm alles furchtbar leid. Wir könnten natürlich sofort den Rückweg antreten. Wir könnten auch gerne noch zum Abendessen bleiben und dann zurückfahren, sagte er. Wir lehnten dankend ab. Schließlich gewährte man uns Polizeigeleit bis zur Grenze des Verwaltungskreises.
Binnen der nächsten zwei Stunden erhielt unser Assistent vier Anrufe von drei unterschiedlichen Behörden und Stellen. Die Provinzregierung entschuldigte zum Beispiel den Vorfall mit der Unkenntnis der örtlichen Beamten mit den geltenden Regeln für ausländische Journalisten. Die anderen Nachrichten waren vergleichbaren Inhalts. „Danke, dass sie sich so um uns kümmern“, erwiderte unser Assistent einem der Anrufer. Unser Fahrer schaute zu ihm rüber, runzelte die Stirn und begann über beide Ohren zu grinsen. Nachts um halb eins waren wir schließlich wohlbehalten in Guangzhou zurück.
Am Tag darauf rief übrigens der Beamte des Außenministeriums noch einmal bei uns an. Allerdings wählte auch er den Umweg über unseren Assistenten, obwohl er fließend Deutsche spricht. Er bat darum, dass wir bitte zur Kenntnis nehmen, dass es sein Ministerium war, dass uns aus der Patsche geholfen hat. Ja, klar, machen wir.
Wir waren im Theater. Eigentlich war es ein Musical, aber egal. Eigentlich war es auch kein echtes Musical, es war eher Tanz, Musik, Gesang, aber auch egal. Die Veranstalter hatten das Ding kurzerhand Musical getauft. Lässt sich besser vermarkten. War aber eine Mogelpackung. Aber Mogelpackung in China? Sowieso egal. Also, wir ins „Musical“ nach Huairou, rund 50 Kilometer entfernt vom Lama-Tempel, in dessen Nähe wir wohnen. Völlig ahnungslos von der Entfernung haben wir uns ins Taxi gesetzt, und waren dann gut 45 Minuten unterwegs. Wer kommt auf die Idee, dort ein Theater zu bauen?
Wir hatten nicht erwartet, dass man vor Ort aus einer breiten Palette Kaltgetränke hätte wählen können, um die Wartezeit im Foyer zu überbrücken. Aber es gab nicht einmal Wasser. Es gab gar nichts. Keine Getränke, keine Snacks. Nicht einmal Instantsuppen, die es sonst immer und überall gibt. Was wir aber erwartet hatten, war ein Musical. So mit Handlung und so. Gab's nicht. Wurde nur getanzt und ein bisschen gesungen. Und Musik natürlich. War ja auch alles nicht schlecht, aber eben kein Musical. Das haben sich wohl auch die anderen Besucher gedacht, die wie wir extra wegen des „Musicals“ aus der Pekinger Innenstadt angereist waren.
Es war entsprechend unruhig im Publikum. Insofern, dass alle fünf Minuten Leute aufgestanden und gegangen sind. Gnadenlos. Das muss man den Chinesen lassen, wenn sie nicht das bekommen, was sie erwarten, dann ziehen sie ihre Konsequenzen. Während wir Deutsche brav mit zum Ende bleiben – wir haben ja schließlich bezahlt –, investieren die Chinesen noch mal einen Fuffi extra und gehen lecker zum Essen in der unerwarteten Freizeit. Trotz aller Sparsamkeit, die ihnen eigen ist. Und wir haben nicht mal Instantsuppen bekommen.
Es waren bestimmt mehrere Dutzend Leute, die sich im Laufe der Vorstellung dazu entschlossen, ihren Abend anderweitig zu nutzen als geplant. Das konnte man daran erkennen, dass sie mit Sack und Pack ihre Plätze verließen. Eine Garderobe gab es nämlich nicht. Deswegen konnte man sie gut von denen unterschieden, die nur mal kurz zum Pinkeln mussten. Die Masse an Leuten, die sich von ihren Plätzen erhob, sorgte jedenfalls für ständige Bewegung und Tuscheln auf den Zuschauerrängen.
Die Platzanweiserinnnen trugen ihren Teil zur Unruhe bei. Immer wenn sie jemanden die Treppe hinauf laufen sahen, stürmten sie den Leuten entgegen, um einen Arm als Gehhilfe im Dunkeln anzubieten. Also, einer hoch, einer runter, man trifft sich in der Mitte, beide gemeinsam hoch. Natürlich auch bei denen, die aufs Klos müssen. Oder eine rauchen wollen, weil Klo konnte ja nicht so dringend sein, gab ja nichts zu trinken. Aber es gibt schon eine Menge Kettenraucher in China. Und die kommen ja irgendwann auch wieder zurück auf ihren Platz. Die bleiben ja auch bis zum Schluss, wie wir Deutschen eben, mit einer Platzanweiserin am Arm, die dann wieder hochläuft, wenn sie den Kunden dorthin gebracht hat, wo er gesessen hat.
Irgendwann weit nach der Pause kam dann zur Krönung noch ein Quartett mit mehr als einer Stunde Verspätung und setzte sich genau in die Reihe vor uns. War nämlich nicht ausverkauft. Zwei der drei Männer wollten wahrscheinlich ein paar Pluspunkte bei der begleitenden Dame auf der Coolheit-Skala ergattern, vielleicht waren sie auch einfach nur besoffen. Jedenfalls versuchten sich die beiden durch übermäßige Begeisterungsbekundungen in einer Art Persiflage auf die übrigen Besucher. Was den künstlerischen Aspekt der beiden Komiker betrifft, ging das eher in die Hose. Die Begleiterin fiel nicht durch übermäßiges Lachen auf. Dafür bekam die Platzanweiserin noch mehr zu tun. Sie nudelte sich alle fünf Minuten durch die Sitzreihen vor uns und bat um Ruhe. Nachdrücklich, und dann nochmal und wieder vergeblich. Naja, die Veranstaltung neigte sich ohnehin dem Ende entgegen.
Entspannung zwischen Moos und Pipi -23.02.2010
Über (chinesisch) Neujahr waren wir ein paar Tage verreist. In und um Suzhou bei Shanghai gibt es reichlich viel zu sehen, vor allem feudale Parks und kleine Dörfer mit Wasserstraßen. Die Ecke ist ehemalige Kaiserresidenz. Es gibt auch heiße Quellen in der Nähe. Da liegt man in hübschen Steinbecken unter freiem Himmel im Wasser und sieht dabei zu, wie die Haut verschrumpelt, während das Thermometer um die null Grad herum dümpelt. Das klingt verlockend. Also haben wir am Neujahrstag rüber gemacht in Richtung Quellen.
Stattliche 15 Euro kostete der Eintritt, was für chinesische Verhältnisse eine Menge Kohle ist. Aber es sind um die 20 Becken mit verschiedenen medizinischen Wirkungen. Eins macht schön, eins macht schlank, eins macht schlau. Es gibt großräumige Umkleiden und nettes Personal. Die Anlage ist also ihr Geld wert. Zumindest jetzt noch und vielleicht noch für die kommenden zwei, drei, vielleicht vier Monate. Für die Zeit danach sehen wir allerdings schwarz. Seit November erst ist der Laden geöffnet, und das Management hat es in dieser kurzen Zeit wirklich geschafft, die Anlage gehörig herunter zu rocken.
Wir wollen es nicht dramatisieren. Es ist noch lange keine verschimmelte Bruchbude. Aber eben auf dem besten Weg dorthin, nach wenigen Monaten. In jedem der Becken konnten wir mit den Fingern schon den Moos von den Stufen kratzen, und die Fliesen an der Wasserkante hatten schon einen gelb-bräunlichen Streifen. Unsere Rechnung lautet, wenn die Anlage im November eröffnet worden ist, dann hat noch niemand ein einziges Mal die Becken geschrubbt. Oder wie schnell kann sich eine dünne Moosschicht über die Kacheln ranzen? Die guten Tage dieses Ladens scheinen gezählt zu sein. Sollten sich diese Befürchtungen bestätigen, dann werden wir in Zukunft wohl auf Besuche verzichten.
Hier ist ein entscheidender Unterschied zu den chinesischen Kunden. Die sind hart im nehmen, was das angeht. Das beginnt schon mit Kleinigkeiten wie Handtüchern und Badeschlappen, die vom Betreiber zur Verfügung gestellt werden. Wir haben mehrfach versucht, unseren Kram vor den Becken deutlich abseits der Ballungsgebiete von Handtüchern und Schlappen zurückzulassen, um Verwechslungen zu vermeiden. Aber es ist hoffnungslos. Es finden sicher immer ein paar Leute, die gnadenlos nach irgendeinem Handtuch greifen und in irgendwelche Schlappen schlüpfen. Immerhin kann man sicher sein, dass diejenigen an anderer Stelle ihr Gedöhns hinterlassen. Man kann also sorgenlos zugreifen und sich in das feuchtkalte Handtuch eines anderen mauscheln oder in dessen tropfenden Schlappen hüpfen.
Auch wenn es unangenehm ist, können die Schlappen eines anderen die bessere Alternative sein. Das wurde uns klar, als dieser kleine übergewichtige Sechsjährige vor einem der Becken herum turnte. Im Becken war der Rest seiner Großfamilie, und der Kurze signalisierte, dass ihn ein menschliches Bedürfnis treiben würde. Mutti, Vatti und wer sonst dabei war animierten den Sprössling also dazu, einfach dorthin zu pinkeln, wo er gerade steht. Also hat der Junge, das Höschen gelockert und auf die Lamellen gestrullt. Wie süüüüß.
Was Toilettengänge angeht, ist China anders als Europa. Das ist ja auch völlig okay, aber dem Sechsjährigen, der problemlos laufen, sprechen und wahrscheinlich sensationell gut Computer spielen kann, das Pinkeln vor anderen Gästen in den Barfußbereich vor dem Becken zu genehmigen, hat schließlich unsere Missbilligung erfahren. Vatti schaute uns lächelnd an, und wir haben den Kopf geschüttelt und gesagt: „Bu hao, zhen de bu hao!“ - „Nicht gut, wirklich nicht gut.“ Den Fußpilz müssen wir nicht haben. Dann können die Quellen noch so schön, schlank und schlau machen.
Ich hätte was für Gottschalk. Wetten, dass ich es schaffe, zehn chinesische Millionenstädte am Duft zu erkennen? Ich müsste noch etwas trainieren, zugegeben. Aber Peking schnüffel ich schon jetzt aus 100 anderen heraus. Vorausgesetzt allerdings es ist ein kalter Winterabend, und es wird ordentlich geheizt. Der Duft, der dann durch die Dunkelheit wabert, ist sehr markant. Es riecht wie in einem Raum, in dem zuvor ein Streichholz gezündet wurde. Nur draußen eben. So säuerlich und irgendwie so ungesund.
Naja, meine Lunge hat anderthalb Jahrzehnte Rauchen überstanden, auch ein paar Jahre Pekinger Abendluft wird sie überstehen. Wenn es kalt ist, verbringe ich ohnehin wenig Zeit unter freiem Himmel. Aber die Kinder, die vor dem Schlafengehen bei uns in der Sackgasse ihre letzte Energie des Tages brüllend und schwitzend in Fangen oder sonstige Spielchen investieren, deren Lungen kennen gar nichts anderes. Oder die Plastik- und Papiersammlerin, die bis tief in die Nacht mit ihrem Dreirad durch die Altstadt zieht, weil tagsüber die Konkurrenz so groß ist...
Neulich war ich in Japan, als Peking in der Zwischenzeit komplett eingeschneit wurde. Es war bitterkalt bei meiner Rückkehr am Abend. Man tritt aus dem Terminal des Flughafens zu den Taxis, nimmt die erste Nase: willkommen zuhause! Dann inhaliert man und denkt, man wird sich nie daran gewöhnen. Der Taxifahrer lässt noch einen Spalt breit das Fenster auf, um frische Luft herein zu lassen. Die Welt ist schon absurd.
Es ist immer wieder spannend, wenn man als ausländischer Journalist sein Visum verlängern möchte. Die Prozedur beginnt beim International Press Center des Außenministeriums. Dort muss man seine Pressekarte für das kommende Jahr beantragen. Es gibt zurzeit ein paar Probleme für den einen oder anderen internationalen Kollegen. Hintergrund soll angeblich die Berichterstattung über die Unruhen in Xinjiang im Sommer sein.
Wir haben im vergangenen Jahr eine ähnliche Erfahrung gemacht. Hintergrund war eine Geschichte über die Aids-Dörfer in der Henan-Provinz, die ich für die Agence France Presse (AFP) geschrieben hatte. Die Fakten in der Geschichte stimmten, aber die AFP hat die Geschichte zurückgezogen, weil das chinesische Außenministerium es so verlangt hatte. „Es sei unsensibel so etwas zu schreiben“, hieß es. Die AFP musste sich zudem schriftlich rechtfertigen. Die große AFP hat sich tierisch in die Hose gemacht, dass es weniger Akkreditierungen für die Olympischen Spiele geben könnte, als eingeplant. Also entschloss man sich, mir den schwarzen Peter zuzuschieben und teilte mit, dass ich nicht mehr für die AFP schreiben dürfte. Das ist ein erbärmliches Bild, das die AFP im Kampf um Pressefreiheit abgegeben hat. Ich bin sehr froh, dass ich auf ein solches Medium nicht angewiesen bin.
Nun gut, schließlich und endlich haben wir beide unsere Pressekarten erhalten und damit die Basis schaffen können, eine neue Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen. Dieses Jahr war alles etwas unkomplizierter. Heute waren wir schon beim Public Security Bureau, das für Ausweise und Visa verantwortlich ist. Nächste Woche können wir die Papiere abholen. Aber es ist für ausländische Journalisten dort immer ein bisschen ein Spießrutenlauf. Man wird sehr unwirsch von A nach B geschickt und von den meisten Mitarbeitern überdurchschnittlich unfreundlich behandelt. Wir haben schon einige nette Mitarbeiter der Stasi kennen gelernt in den vergangenen zweieinhalb Jahren. In diesem Amt arbeitet fast niemand davon.
Inzwischen bewältigen wir diese Behördengänge komplett auf Chinesisch. Das ist insofern gut, weil die Mitarbeiter häufig provokativ und stur Chinesisch mit einem ausländischen Journalisten sprechen, dabei sprechen alle von ihnen Englisch. Im vergangenen Jahr habe ich es erlebt, dass ich mehrmals nachfragen musste, weil ich b) einige Schlüsselvokabeln noch nicht kannte zu diesem Zeitpunkt und a) das Genuschel des Herren schlicht nicht verstanden hatte. Er blickte dann seinen benachbarten Kollegen an und lächelte mitleidig. So als wolle er sagen: Schon wieder einer, der kein Chinesisch spricht. Über unser Land schlecht schreiben, aber nicht mal die Sprache beherrschen. - Das war seine Message.
Über den Inhalt dieser Geisteshaltung lässt sich wunderbar streiten, denn sie ist so nicht gültig. Interessanterweise hat die Partei ausländische Lieblingsjournalisten, die fundamentale Kritik an dem Land weitgehend weglasssen und stattdessen von den Parteikadern gehätschelt und getätschelt werden und ihr Netzwerk dann in publizistische Einnahmen umwandeln. Da gibt es solche, deren chinesisches Sprachvermögen tendiert gen Null. Die wären ohne Assistent schon im Alltag völlig überfordert. Ob sie die bei der Visastelle auch auslachen?
Ich frage mich allen Ernstes, wer diesen ganzen Datenschrott verarbeitet, der gestern abend am Platz des Himmlischen Friedens bei unserem Besuch produziert worden ist. Es ist klar, dass in einem politischen System wie China sehr penibel nachgezeichnet wird, was ein ausländischer Journalist wann und wo getan hat. Und es ist auch klar, dass an solchen sensiblen Tagen rund um den 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers noch ein bisschen genauer hingeschaut wird. Aber reicht es nicht aus, zwei Fotos von uns zu schießen, unsere Namen, Medien und Ausweisnummern und irgendwelche Besonderheiten zu notieren?
In der Akte würde dann beispielsweise stehen:
"3. Juni 2009, 19.50 Uhr
- X und Y am Tiananmenplatz mit Assistent und Kameraausrüstung erschienen
- Diskussion mit Sicherheitsbeamten, Kamera dennoch angemacht und gedreht, am Drehen gehindert
- der Gegend verwiesen
- bis zum südlichen Ende des Platzes verfolgt, bis dort immer wieder Versuche zu drehen, immer wieder daran gehindert
- jenseits der Kreuzung angekommen mit unserer Zustimmung gedreht und Passanten interviewt
- Beamte gefragt, ob der ganze Aufwand mit dem 4. Juni zu tun hat, mit "NEIN" geantwortet
- noch einmal die Personalien aufgenommen
- mit dem Taxi weggefahren"
Eintrag Ende
Das also garniert mit zwei oder meinetwegen auch fünf Fotos in die Akte, und schwupps wissen alle Bescheid.
Nicht so in China.
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Journalisten und der Tiananmen Platz: eine spezielle Beziehung |
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Das gesamte Prozedere - also angefangen mit der Diskussion an der Kreuzung vor der Großen Halle des Volkes bis zu unserem Einsteigen ins Taxi - hat die Staatssicherheit jetzt auf Video und mindestens 100 Fotos davon. Die eifrigen Schrottsammler fotografieren eine Szene nicht einmal, sondern 10, 20 Mal - beispielsweise als wir um einen Polizisten herumstehen, der die Daten auf unseren Pressakkreditierungen notiert. Blitze aus allen Richtungen.
Dann gibt es ein paar als Touristen getarnte junge Leute, die mit Videokameras hinter uns herlaufen. Man kann sie deshalb von richtigen Touristen unterscheiden, weil kein normaler Chinese es wagen würde, Polizei- oder Sicherheitsbeamte bei der Arbeit zu drehen. Da hält man sich schön raus.
Mindestens drei verschiedene Beamte haben uns gedreht. Das liegt auch daran, dass wir sozusagen übergeben worden sind, von einer Gruppe Beamte an die nächste. Es gab zwar ein oder zwei, die uns ständig gefolgt sind, aber insgesamt dürften es um die drei Gruppen verschiedener Beamte gewesen sein, die sich mit uns beschäftigt haben. Alles in allem schätzungsweise 50 Beamte.
Diejenigen, die einen dauerhaft verfolgen, sind in der Regel solche, die mehr Verantwortung tragen, dass nichts schief geht. Denn die Natur des herkömmlichen chinesischen Sicherheitsbeamten hat ihm eine gewisse Form der Gleichgültigkeit auferlegt. Sobald man aus seinem Verantwortungsbereich heraus tritt, interessiert er sich nicht mehr für einen. Hauptsache ihm kann keiner einen Vorwurf für seinen Bereich machen. Also sind diese Supervisor, die uns ständig gefolgt sind, zwingend erforderlich, um den Laden wirksam zusammen zu halten.
Ach so, die Videokameras. Es gibt jetzt also mehrere zehnminütige Sequenzen, wie wir mit Polizisten zusammenstehen, wie wir mit Zivilbeamten diskutieren, wie wir einen Aufsager drehen - und das allerbeste - wie wir nach getaner Arbeit in einem Kiosk eine Flasche Cola Zero, eine Flasche Pepsi Light und eine Flasche Wasser kaufen. Alles auf Band!
Um zu der Eingangsfrage zurückzukommen: Wer ist das arme Schwein, der diesen Datenschrott verarbeiten muss? Wird etwa alles archiviert? Und wird irgendwann mal irgendjemand dieses Material ernsthaft auswerten wollen, und dann nach knapp einer Stunde Sichtung feststellen, dass es nur noch eine Cola Zero gab und wir deswegen Pepsi Light gekauft haben? Und wie wird dieses Material dann beurteilt? Journalisten machen wie immer ihre Arbeit - auch an einem solchen Tag?
Man weiß es nicht.
Das Problem in China ist, dass niemand einen Fehler machen möchte, machen darf. Also macht er lieber alles in einem Übereifer, solange es sein Verantwortungsbereich ist. Der Übereifer lässt wie gesagt abrupt nach, wenn der eigene Verantwortungsbereich nicht mehr betroffen ist.
Nun gut, ein Land mit solch einem gewaltigen Verwaltungsapparat hat genug Beamte, die sonst nichts zu tun haben. ABM würde man das in Deutschland nennen.
Allerdings sei eines noch erwähnt. So skuril sich diese Geschichte anhört, und so sehr man geneigt ist, sich die Hand vor die Stirn zu schlagen, bleibt Chinas Überwachungssystem im höchsten Maße effektiv. Der Apparat ist schwerfällig und bürokratisch, aber er funktioniert - zum Leidwesen seiner Bürger.
Ach ja, der Deutsche Fußball Bund in China: Wir helfen gern. Wir laufen als Übersetzer durch das Stadion, decken Schwarzhandel mit Freikarten auf, tragen 24 Stunden lang Geburtstagsgeschenke für Nationalspieler durch Schanghai und spielen zu guter Letzt auch noch die Reiseleitung für unsere Fußballhelden. Aber mal eins nach dem anderen.
Stichwort Freikarten: Für das öffentliche Training der deutschen Mannschaft am Donnerstagabend hatte der DFB insgesamt 6000 Tickets zur Verfügung gestellt. Blöd nur, dass höchsten 500 Zuschauer ins Stadion kamen. Wieso das? Offenbar, weil die Karten auf dem Schwarzmarkt landeten. Schon vorm Eingang hatten uns ein paar chinesische Mädchen erzählt, dass ihnen Karten für das Training zum Preis von 10 bis 20 Euro angeboten worden waren. Pia fragte dann noch mal bei den Fans im Stadion nach, und auch dort saßen viele, die bezahlen mussten für die vermeintlich kostenlosen Tickets.
Auf Drängen eifriger Kollegen hat Pia dann DFB-Pressesprecher Harald Stenger informiert. „Wissen sie eigentlich, dass die Leute hier bezahlen müssen für die Tickets?“ Herr Stenger, den Pia und ich nicht Harald nennen, reagierte empört, bestürzt, ja geradewegs geschockt in seiner ganzen Fürsorge für alle Fans des deutschen Fußballs. Sofort wollte er im Auftrag der Gerechtigkeit die Dinge gerade rücken, weshalb er zwingend glaubte, chinesischsprachige Helfer für das Projekt engagieren zu müssen. Ehrenamtlich, versteht sich. Und ehe Pia und ich uns versahen, waren wir Teil der „Mission Payback“ von Harald, dem Ersten. „Herr Grzanna, sie sprechen doch perfekt Chinesisch?“ Ich sag: „Fließend in vier Dialekten.“
Wir sind dem DFB dann selbstverständlich treu zur Seite gestanden und haben dann auf Chinesisch einige Studenten ausfindig gemacht, die fließend Englisch sprachen. Alle bekamen einen Ball geschenkt, und Herr Stenger durfte anschließend in unsere RTL-Kamera jammern, was es für ein schreckliches Gefühl sei zu erfahren, dass hier in China Freikarten auf den Schwarzmarkt verkauft werden.
Eine kleine Anmerkung zu dieser Anekdote: „Willkommen in China, Herr Stenger.“
Stichwort: Geburtstag. Arne Friedrich, unser Innenverteidiger im Klammergriff von Hertha-Manager Dieter Hoeneß (aber das ist eine ganz andere Geschichte) wurde am Tag des Spiels 30 Jahre alt. Und was macht ein richtiger Fan, dessen Liebling Geburtstag feiert? Entweder er backt einen Kuchen, oder er kauft ein paar Kleinigkeiten ein und hofft, über irgendwelche Kanäle seine Geschenke an den Mann zu bringen. Und weil Pia und ich so schlecht NEIN sagen können (siehe oben), hatten wir am Tag des Trainings einer jungen Frau vor dem Stadion versprochen, eine Tüte mit ihren Geburtstagsgeschenken an Arne Friedrich zu überreichen.
Friedrich hatte allerdings ein bisschen Beschwerden am Knie, weswegen er gar nicht beim Abschlusstraining dabei war. Die Tüte an den immer noch empörten, bestürzten, ja geradewegs geschockten Harald Stenger weiter zu geben, erschien uns wegen dessen labilen Zustands keine gute Idee. Wir vertagten die Übergabe und schleppten somit fortan zusätzlich zu Stativ, Kamera, Rucksack und Laptoptasche auch noch eine schwarze Einkaufstüte mit Geburtagsgeschenken für Arne Friedrich durch Schanghai.
Pia hat dann am Freitag nach dem Spiel in der Mixedzone, wo Journalisten und Spieler miteinander reden, auch diese Mission erfüllt. „Ich habe einen Fernsehbericht über ihre Fans gemacht und trage seitdem diese Geschenke mit mir herum: alles Gute zum Geburtstag!“, hat sie gesagt. Arne war gerührt. „Das ist ja süß“, hat er gesagt. Pia hat sich ganz in den Dienst der Sache gestellt. Denn wir bitten zu bedenken, wie es manch einer der Kollegen interpretieren möchte, wenn Pia als einzige Frau des deutschen Journalistenkreises am Gitter hängt, Arne Friedrich zu sich ruft und ihm eine Tüte mit Geschenken überreicht.
Und dann war da noch dieser Anruf eines Kollegen; der mir zuerst (Zitat Anfang) „im Namen von Harald Stenger und auch einigen anderen wichtigen Leuten vom DFB, die mit uns bei dieser Gala gerade an einem Tisch gesessen haben“ (Zitat Ende) für Pias und meine Unterstützung bei der Sache mit den Eintrittskarten großen Dank ausrichten ließ. Weshalb eigentlich so kompliziert? Hätten Herr Stenger und auch einige andere wichtige Leute vom DFB, die mit unserem Kollegen bei dieser Gala an einem Tisch gesessen haben auch persönlich sagen können. Wir sind uns ja ständig über den Weg gelaufen. Nun gut, nicht bei dieser besagten DFB-Gala zum Länderspiel, die haben wir ausgelassen. Aber dafür ständig im Stadion.
Jedenfalls kam nun eine neue Mission hinzu. Jetzt waren wir als Reiseleiter gefragt. Die Stimme am Telefon sagte mir: „Die Jungs (gemeint waren die Nationalspieler) wollen nach dem Spiel noch irgendwo hin. Habt Ihr mal einen Tip?“ Es sollte keine versiffte Kneipe sein, aber auch nicht zu elitär, das Publikum sollte zwischen 20 und 30 sein, und „nette junge Frauen“, so die Stimme, sollten dort verkehren. Und nach Möglichkeit sollte „der Oliver Bierhoff“ (der Manager der Nationalmannschaft) einen Teil des Ladens sozusagen exklusiv mieten können, damit die Nationalspieler sich zurückziehen könnten, wenn sie vom Publikum (zur Erinnerung: so zwischen 20 und 30 und nette junge Frauen) genug hätten.
Hmmm.
„Keine Ahnung, wir wohnen in Peking“, habe ich gesagt. Aber wir können ja so schlecht Nein sagen (siehe oben, siehe noch weiter oben), weswegen ich gesagt habe, ich werde mal einen Freund anrufen, der hier in Schanghai lebt. Der konspirative Anrufer kündigte eine abermalige Kontaktaufnahme an. Kurz und bündig: Ich habe mich dann erkundigt. Und den Tipp „Glamour Bar“ erhalten. Warum auch immer hatte ich jedoch den Namen bis zum nächsten Tag vergessen und aus der Glamour Bar die Bar No. 5 gemacht. Keine Ahnung wieso. Eine Bar No. 5 gibt es späteren Recherchen zufolge in Schanghai gar nicht.
Und auch keine Ahnung, was die Nationalspieler an dem Abend noch gemacht haben. Wir sind in „The Park Taverne“ und haben im Biergarten gesessen und darüber nachgedacht, was der DFB wohl ohne uns auf der zweiten Station seiner Asienreise in Dubai macht?
"Was macht denn RTL in China?"- 10.05.2009
Es hat leider nicht ganz gereicht. Den 5. Marler Fernsehpreis für Menschenrechte von Amnesty International in der Kategorie Magazin Ausland hat Diana Zimmermann vom ZDF gewonnen. Sie hat es verdient. Mit ihrem Beitrag über Kindersklaven in China war sie im vergangenen Jahr bereits für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Gegen so einen Beitrag den Kürzeren zu ziehen, ist keine Schande.
Die Verleihung fand am Samstag nachmittag im Rathaus in Marl statt. Moderiert wurde die Veranstaltung von dem Kabarettisten Wolfgang Schmickler (Mitternachtsspitzen), und auch Marls Bürgermeisterin Uta Heinrich schaute auf ein Grußwort vorbei. Vergeben wurde der Preis in insgesamt fünf Sparten: Magazin Inland, Magazin Ausland, Dokumentation Inland, Dokumentation Ausland sowie Spielfilm. Außerdem gab es noch einen Ehrenpreis.
Pias erster Enttäuschung folgte die Zufriedenheit. Denn allein diese Nominierung ist ein Grund, stolz zu sein. Das klingt wie eine Phrase, ist jedoch eine Tatsache. Denn unter 13 Nominierten war Pia die einzige Vertreterin vom Privatfernsehen. Alle übrigen Anwärter vertraten ARD und ZDF. Überhaupt war nie zuvor in der Geschichte des Preises, der seit 2001 im Zweijahrestakt vergeben wird, ein Beitrag aus dem Privatfernsehen so dicht dran am Preis wie Pias Dreierpack über Wanderarbeiter, den Milchskandal und das Behindertenheim.
Bezeichnenderweise fragte ein ZDF-Kollege gleich zu Anfang: „Was macht denn RTL in China? Ich dachte, das sei den Öffentlich-Rechtlichen vorbehalten.“ Und weil es das eben seit zwei Jahren nicht mehr ist, hat diese Nominierung für ein gutes Stück Bewusstseinserweiterung bei dem einen oder anderen gesorgt.
Es ist schon interessant zu sehen, wie chinesische Propaganda funktioniert. Sie versucht in keiner Weise, geschickt oder hinterhältig daher zu kommen. Im Gegenteil: Sie ist plump und durchschaubar.
In den vergangenen Wochen hat die Berichterstattung über den Jahrestag zum Erdbeben in Sichuan am 12. Mai in den internationalen Medien an Fahrt aufgenommen. Immer wieder spielten dabei die etlichen Schulen eine Rolle, die beim Beben einstürzten, weil sie in keinster Weise erdbebensicher gebaut worden waren. Und immer warfen die Medien die Frage auf, weshalb es keine offiziellen Zahlen gäbe, die dokumentieren würden, wieviele Schüler denn nun tatsächlich während des Unterrichts verreckt sind, weil irgendwelche Kriminelle sich die Taschen vollgemacht haben. Der vorläufige Höhepunkt war die Titelgeschichte des International Herald Tribune, dem Welt-Ableger der New York Times, am Mittwoch.
Die chinesischen Medien halten sich raus. Sie haben die Order vom Propaganda-Ministerium bekommen, ausschließlich positiv über den Wiederaufbau zu berichten. Was tatsächlich passiert. Das Staatsfernsehen CCTV schießt den Vogel ab mit einem Bericht über eine neugebaute Villa, die jetzt von Bauern bewohnt wird, die ihre Häuser verloren haben. Da will wohl ein eifriger Redakteur ganz hoch hinaus in der Firma. Das ist übrigens der gleiche Redakteur, der mich bei der Tibet-Ausstellung für das englische Programm von CCTV interviewt hatte (siehe hier>>>)
Nachdem nun also der Druck der internationalen Berichterstattung immer größer geworden ist, setzte die Provinz Sichuan am Donnerstag ein paar Zahlen in die Welt. 5335 Schüler seien gestorben bei dem Unglück, heißt es. Es gibt jedoch keine Belege, keine Begründung für diese Zahl. Und solange es die nicht gibt, muss China damit leben, dass wir davon ausgehen, dass die Zahlen von ein paar Leuten beim Abendessen ausgedacht worden ist. Vielleicht auch in einer Dienststube. Sei es drum.
Aber weshalb sollte dies geschehen? Weil China keine andere Wahl hatte, als eben diese Anzahl toter Kinder zu bestätigen. Denn ohne jeden Zweifel sind mindestens 5205 Kinder getötet worden. Das geht aus einer Dokumentation des Künstlers Ai Weiwei hervor, der von 200 Freiwilligen im Erdbebengebiet unterstützt wird, die praktisch von Tür zu Tür gehen und die Menschen fragen, wessen Kind in einer Schule gestorben ist. Seit Monaten schon dauert dieses Projekt. Und bislang sind rund 5205 Opfer gezählt worden. Die chinesischen Behörden versuchen die Zählung zu verhindern, aber weil es ihnen nicht gelingt, mussten sie nun also die Zahlen von Ai Weiwei als Grundlage nehmen. Weniger zu nennen, wäre unglaubwürdig gewesen.
Dann haben sie noch ein paar draufgepackt - als Puffer sozusagen. Bis Ai, der mit mindestens 8000 toten Kindern rechnet, diese 5335 erreicht hat, vergeht noch viel Zeit. Und die läuft zugunsten der Verschleierungstaktik. Denn schon in ein paar Wochen spielt das Erdbeben keine große Rolle mehr in den Medien. Sollte nachträglich eine erhöhte Zahl festgestellt werden, wird sich der "Skandal" in Grenzen halten. Diese Zahl müsste sich zudem um einiges größer erweisen, als die der Regierung, um überhaupt so etwas wie einen Skandal zu entfachen. Wenn die Chinesen nicht einmal dieses Risiko eingehen wollen, dann werden sie nach dem Jahrestag damit beginnen, Ai Weiwei unter Druck zu setzen, in der Hoffnung, dass der sein Engagement aufgibt. Wie so etwas funktioniert, ist in zahlreichen Geschichten auf dieser Internetseite nachzulesen.
Ich habe die englische Fassung der Xinhua-Meldung angehängt, die uns also über die Zahl der toten Schulkinder informiert. Mein Lieblingssatz ist das Zitat eines Vaters, der sagt: "Ich hätte nicht gedacht, dass die Regierung ein so sensibles Thema anfasst kurz vor dem Jahrestag." Fakt ist, dass die Chinesen damit verhindern wollen, dass man ihnen Verschleierung vorwerfen kann. Denn dazu haben sie vermutlich allen Grund. Es ist nämlich durchaus anzunehmen, dass auch Vertreter der Kommunistischen Partei in den Korruptionsaffären verstrickt sind, die zum Einsturz der Schulen geführt haben. Und wie sähe das aus, wenn Mitglieder der fürsorglichen KP Schuld an so einem Desaster tragen? Nicht schön, oder?
Der staatlichen Realitäten-Schmiede Xinhua immerhin muss man zugute halten, dass im letzten Satz der Meldung eine Mutter zu Wort kommt, die verlangt, dass man die Namen der toten Kinder veröffentliche. Mehr Spielraum lässt die Zensur der Nachrichtenagentur jedoch nicht. Ein Vergleich der Namen mit der Liste von Ai Weiwei wäre jedenfalls hochinteressant.
China releases number of dead, missing students from Sichuan quake
2009-05-07 11:34:23 by Xinhua writer Bai Xu
CHENGDU, May 7 (Xinhua) -- China released the number of students killed or missing in the southwestern Sichuan province on Thursday, almost a year after the May 12 massive quake jolted the region.
A total of 5,335 students in Sichuan were confirmed as dead or missing from the earthquake, said Tu Wentao, head of the education department of the province at a press conference.
Another 546 students were disabled as a result of the disaster in the southwestern province, Tu said.
Huang Yong from Leigu Township, Beichuan County said he was surprised at the announcement.
"I thought that the government wouldn't touch such a sensitive topic as the one-year anniversary of the quake is approaching," said Huang, 42, whose 10th-grade son Huang Yiran was killed in the collapse of the Beichuan Middle School.
"Releasing the number is a reply for the ill-fated kids," he said.
His view was shared by villager Chen Dingfu from Longtou Village, also in Beichuan.
"This is great progress ... the government has never released the number of dead students before," he said.
Thousands of schools collapsed in Sichuan in the magnitude 8.0 quake last May. Statistics from the provincial education department showed that 3,340 schools needed to be rebuilt after the earthquake.
Criticism arose for poor quality of school construction. Many bereaved parents took to the streets, questioning construction quality and demanding a reply from local governments.
Sichuan Province has pledged to have 95 percent of the students back in school buildings, rather than tents or prefabricated structures, before the end of this year. All students should be in regular school buildings by next spring. And stronger school buildings are being built.
China's national legislature amended the Law on Precautions Against Earthquake and Relief of Disaster last year, which says schools and hospitals must be designed to stand strong earthquakes. School buildings should stand quakes of at least 8.0. The new law took effect last Friday.
However, these moves did not comfort some grieving parents.
"We are too old to have children any more," Chen said. "It was hard to raise our children. Now that they are gone, we need to find out how the school buildings collapsed."
The release of the death toll seems to have encouraged him.
"I expect the government to launch a thorough investigation into school building quality."
Huang said: "If there is a quality problem with school buildings, those who are responsible must be punished."
At the press conference, Yang Hongbo, head of the construction department of the province, said that a group of 2,500 experts had investigated the quality issue. They had found that the quake was too strong for the old buildings in Sichuan, most of which were designed for quakes no stronger than 7 magnitude.
He reiterated the pledge that "we will investigate and severely punish relevant companies according to the law once there is concrete evidence to prove problems existing in building design and construction."
A bereaved mother who declined to be identified had another wish.
"I hope the names of the dead children could be publicized," she said. "I want more people to know that my daughter lived in this world for seven years. I want them to know her name." Enditem
(Xinhua writers Wang Aihua, Tian Ye in Beijing, and Yang Sanjun, Jiang Yi in Chengdu also contributed to this story.)
Sichuan. Was haben wir uns damals gewundert, als Sichuan Tür und Tor für Journalisten öffnete. Wir durften über das Erdbeben in einer unbürokratischen, unkomplizierten Art und Weise berichten, wie wir es niemals sonst in nunmehr zwei Jahren in China erlebt haben. Man verlangte lediglich von uns, dass wir uns akkreditierten. Mit Hilfe dieses Ausweises wurde uns damals vielerorts Zugang gewährt. Es gab natürlich auch Ausnahmen. Beispielsweise durften wir nicht in einige Ortschaften im unmittelbaren Epizentrum. Aber solche Restriktionen in einem Erdbebengebiet haben wir als international üblich empfunden und keineswegs als China-spezifisch. Unser Fazit und das vieler, vieler Kollegen war entsprechend positiv auf die Transparenz.
Doch wie sich die Zeiten ändern. Knapp ein Jahr ist vergangenen, und alles ist anders. Der Wiederaufbau in Sichuan ist derartig pervers von Korruption durchzogen, dass Reporter aus aller Welt inzwischen sehr, sehr ungern im Erdbebengebiet gesehen werden. Das war uns bereits klar, als wir am vergangenen Montag nach Chengdu aufbrachen. Der Foreign Correspondent Club China (FCCC) hatte uns bereits von einigen Ingewahrsamnahmen (was ein Unterschied ist zu einer Verhaftung) und Verweisungen aus Sichuan informiert.
Entsprechend vorbereitet waren wir auf Konfrontationen mit Polizei und Beamten der Staatssicherheit. Daran waren wir natürlich keineswegs interessiert, weil wir dann unsere Arbeit hätten abbrechen müssen und solche Begegnungen für unsere Interviewpartner gefährlich werden können.Also hat ein Versteckspiel begonnen, das sich durch den gesamten Aufenthalt gezogen hat, um so viel Material wie eben möglich zu bekommen. Wir hatten bereits im Vorfeld der Reise Kontakte zu Eltern hergestellt, die uns ihre Geschichte erzählen wollten. Geschichten über Einschüchterungen und Gewalt, die sie erlebt haben und immer noch erleben, weil sie nach dem Geschmack der lokalen Behörden zu viele Frage stellen, die vor allem eins beinhalten: Wieso mussten unsere Kinder sterben?
So haben wir also gezielt Ortschaften ansteuern können. Dort haben wir Treffpunkte mit unseren Gesprächspartnern vereinbart und sind dann mit ihnen an „sichere“ Orte gefahren, um sie zu interviewen. Kollegen von uns wurden bei ähnlichen Versuchen in den vergangenen Tagen bereits erwischt und von der Polizei festgehalten.
Pia und ich haben uns also auf der Rückbank unseres Wagens klitzeklein gemacht, um nicht entdeckt zu werden, während unser Mitarbeiter Fang die jeweiligen Kontaktpersonen in Sichtweite unseres Autos traf. In China spricht sich die Anwesenheit von Ausländern in kleinen Orten derart schnell herum, dass man davon ausgehen muss, binnen kürzester Zeit die Stasi am Hals zu haben. Denunzianten hocken in China an jeder Ecke, weswegen wir uns entweder verstecken, wenn möglich, oder aber nur wenige Minuten an einem Ort bleiben, um so wenig Aufmerksamtkeit wie eben möglich zu erregen. Wenn Fang Leute trifft, haben wir stets unsere Kameras einsatzbereit, weil ein sofortiger Zugriff der Stasi nie ausgeschlossen ist. Eltern, die zu aktiv sind bei der Aufklärung mysteriöser Umstände, werden in der Regel abgehört. Die Frage ist dann nur, ob das „live“ geschieht oder mit Verzögerung.
Unseren Fahrer verwunderte unsere Geheimnistuerei ein bisschen. Wir waren mit ihm im vergangenen Jahr tausende Kilometer durch das Erdbebengebiet gereist, haben mit ihm auf 3200 m Höhe in seinem VW Santana übernachtet und immer auf seine Bereitschaft zählen können. Doch jetzt ist die große Offenheit in Sichuan Geschichte, und für den Fahrer eröffneten sich ganz neue Horizonte. Anfangs nahm er unsere Vorsichtsmaßnahmen nicht ernst, stand rauchend am Auto, streckte den Kopf ins Fenster und brüllte: „Bie pa!“ - „Keine Angst“. Wir haben ihm dann erklärt, dass es keine Angst sei, sondern das Resultat aus zwei Jahren Erfahrungen in China. Das akzeptierte er, aber verstanden hat er es nicht, noch nicht.
„Klick“ machte es dann bei ihm, als wir die Mutter von getöteten Zwillingen im Auto sitzen hatten, die ihren ganzen Ärger und ihrer Verzweifelung über die Art und Weise, wie sie behandelt wird, weil sie Gerechtigkeit verlangt, sofort Luft machte. Wir wollten sie bremsen, aber es sprudelte aus ihr heraus. Und schon fühlte sich der Fahrer mittendrin in einem Krimi, der ihm eigentlich gar nicht recht war. Er wollte uns ausreden, hier und dort hinzufahren, weil es zu gefährlich sei. Letztlich hat er das Spiel mitgespielt. Aber ganz geheuer war ihm das nicht.
Und kaum hatten wir in Sichuan unsere Arbeit verrichtet, schickte der FCCC eine neue Mitteilung an seine Mitglieder. Die Behörden in Sichuan verlangen von Journalisten für die Berichterstattung rund um den Jahrestag des Erdbebens am 12. Mai ab sofort wieder eine Akkreditierung, um sie zu kontrollieren. Das ist natürlich ein grober Verstoß gegen die in China für ausländische Reporter geltenden Regeln zur freien Berichterstattung. Aber dass China erneut dagegen verstößt, passt ins Bild.
Sehr, sehr viele interessante Einzelheiten von unserer Reise nach Sichuan in Kürze bei RTL (u.a. 11. Mai, RTL Nachtjournal), diversen deutschen Tageszeitungen und auf dieser Seite.....
Misstrauen in der Luft - 19.03.2009
Es waren nicht überwältigend viele ausländische Journalisten zur Ausstellung „50 Jahre demokratische Reformen in Tibet“ gekommen. Zumindest bei weitem nicht so viele, wie sich die Veranstalter wohl erhofft hatten. Also zählten wir zwangsläufig zum engeren Kreis der Kandidaten, die für ein Interview in Frage kamen. In China ist es nämlich häufig so, dass Ausländer bei derartigen Terminen vor die Mikrofone und Fernsehkameras gezerrt werden. Damit lässt sich Programm machen. Und in diesem Fall war das auch nachvollziehbar. Schließlich sind es vor allem die ausländischen Medien, denen Voreingenommenheit und Lügen vorgeworfen werden, wenn es um Tibet geht. Was kann es also Besseres geben, als einen dieser Lügner zu interviewen?
Kaum hatten wir also das Völkerkunde-Museum in Peking betreten, pirschten sich die ersten chinesischen Kollegen an uns heran. Dazu gesellten sich diverse Mitarbeiter vom Außenministerium oder dem Propaganda-Ministerium. Alles lächelte und tauschte freundlich Belangloses aus. Doch man spürte förmlich das gegenseitige Misstrauen, das in der Luft lag. Die Chinesen wussten, was wir über Tibet denken. Wir wussten, was sie über uns denken.
Mehrfach (mehrfach!) wurden wir dann von diversen Beamten darauf hingewiesen, dass gegen 14.45 Uhr ein Tibetologe im Hauptraum der Ausstellung Frage und Antwort stehen würde. „Ja, danke, wir kommen gerne.“ - „Ja, danke, hat uns schon ihr Kollege gesagt. Danke schön.“ - „Ja, das wissen wir, wir kommen. Danke, aber jetzt müssen wir arbeiten.“
Letztlich beschränkte sich meine Aufgabe darauf, Pia den Rücken frei zu halten. Kaum hatten wir den rechten Nebenflügel der Ausstellung betreten, sprach mich der erste Kollege von Chinanews.com an, um mir ein paar Fragen zu stellen. Ich habe mich breitschlagen lassen. Es gibt Kollegen, die vertreten den Standpunkt, als Journalist GEBEN wir keine Interviews, wir FÜHREN sie. Das sehe ich anders. Gerade als Journalisten müssen wir Stellung beziehen, und keinen Gedanken zu haben und ihn zu formulieren, das ist sogar eine Kunst. Wenn man die beherrscht, sollte man aber vielleicht Politiker werden.
Wie dem auch sei. Ich habe nun in aller Diplomatie versucht zu erklären, was ich von dieser Ausstellung halte. Man muss sich vorstellen, dass alles, was es an Propaganda zum Thema Tibet aus chinesischer Sicht gibt, potenziert und im Großformat dargestellt wird. Was soll ich dazu sagen? Kaum habe ich versucht, mich halbswegs respektvoll den Gastgebern gegenüber zu äußern, sah ich schon eine TV-Kamera auf mich gerichtet und hatte ein Mikro von CCTV 9, dem englischen Dienst des Staatsfernsehens, unter der Nase.
Der Kollege hat mich dann gefragt, ob ich denn auch der Meinung
wäre, dass es keine Fortschritte gegeben hätte in Tibet in den vergangenen
50 Jahren.
Der gute alte Ganoven-Ede hätte geschrien: VORSICHT, FALLE!
Denn wenn ich darauf antworte: „Natürlich hat es große Fortschritte
gegeben in Tibet.“ Dann plumpse ich vielleicht ganz schnell in die Propaganda-Mühle
und schaffe es mit diesem Zitat (und nur diesem Zitat) in die Hauptnachrichten.
Nach dem Motto: Dieser ausländische Journalist gesteht, dass es große
Fortschritte in Tibet gegeben hat.
Ich habe dann geantwortet, dass es darum nicht geht, und habe versucht zu erklären, wieso es zu diesen unterschiedlichen Ansichten im Westen und in China kommen kann. Leider habe ich jedoch festgestellt, dass es auch darum gar nicht ging. Im Grunde sollte ich mich rechtfertigen für meine Sicht der Dinge. Zumindest war das in diesem CCTV-Interview der Fall. Ich habe den Kollegen schließlich um eine Visitenkarte gebeten. Er sagte, er habe keine, schicke mir aber eine Email. Eine Email habe ich nie erhalten von ihm, was ich ihm vorwerfe. Denn es geht dabei auch um Zuverlässigkeit. Die gleiche Zuverlässigkeit, die uns ausländischen Journalisten abgesprochen wird, wenn es um unsere Tibet-Berichterstattung geht.
Ich habe noch zwei weitere Interviews gegeben. Einerseits wollte ich den Kollegen einen Gefallen tun, denn ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, Gesprächspartner zu finden, um eine gute Geschichte zu produzieren. Andererseits hatte ich die Möglichkeit, von Interview zu Interview schneller, weil durchdacht, auf den Punkt zu kommen. Bei den ersten Interviews musst du aus der hohlen Hand Stellung beziehen, was es manchmal nicht einfach macht, dich treffend auszudrücken, besonders bei einer solch heiklen Angelegenheit wie Tibet. Also waren die Interviews drei und vier schließlich eine Form der Selbsttherapie.
Ich habe dann etwa Folgendes gesagt. „Ich sehe ausschließlich die chinesische Perspektive der Geschichte. Es kommt mir vor, als soll mir vor allem eins vermittelt werden: Es ist so, wie wir es sagen, und basta! Es ist kein Geheimnis, dass es unterschiedliche Ansichten über die chinesische Tibet-Politik gibt. Mir fehlt in dieser Ausstellung eine wirkliche Auseinandersetzung der beiden Positionen, und ich vermisse eine Analyse über die Unzufriedenheit einer großen Zahl von Tibetern.“ Naja, und ein paar Sätze mehr.
Während dieses letzten Interviews haben mindestens zwei Beamte des Außenministeriums oder Propagandaministeriums (jedenfalls diejenigen von weiter oben im Text) mit riesigen Ohren in der Nähe gestanden und dabei so getan, als würde sie das alles nichts angehen. „Was sagt der ausländische Journalist über diese Ausstellung?“ Ich frage mich: Warum fragen diese Herren mich eigentlich nicht selbst?
Der Tibetologe hat dann übrigens auch noch gesprochen. Er war die verkörperte Ausstellung auf zwei Beinen.