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Sprechstunde im Stehen - 24. April 2008

Schanghai. Die Gelegenheit packt die Frau mit der roten Handtasche und der rosafarbenen Stoffjacke gleich beim Schopfe. „Hallo, hallo, Herr Doktor“, sagt sie. Dann hastet sie auf den Mann im weißen Kittel zu und streckt ihm sofort das Gesicht bis auf 20 Zentimeter Abstand zu dessen Nase entgegen. Dabei zieht sie mit dem Zeigefinger das Lid ihres rechten Auges zurück und kommt gleich zur Sache. „Was denken sie? Stehen mir solche Augen?“ Dr. Sun Baoshan hebt sein Kinn und zieht die Mundwinkel prüfend nach unten. Dann legt er beide Hände selbst an, zieht und zerrt die Lider der Frau und sagt: „Ich würde ihnen einen Schnitt weiter oben empfehlen. Dann würden sie jünger aussehen.“

Klinik Nr. 9 in Schanghai: Schönheit im Akkord

 

 

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Schnell haben sich drei andere Damen zu der spontanen Sprechstunde des Schönheitschirurgen zwischen Tür und Angel hinzugesellt. Alle schauen interessiert und völlig ungeniert auf das Gesicht der Frau in Rosa. „So würde es mir auch gut gefallen“, sagt eine. „Bleibt denn an dieser Stelle keine Narbe“, fragt eine andere. Eigentlich wollte Dr. Sun nur schnell auf die Toilette gehen. Jetzt konsultieren ihn im Wartezimmer ein paar Übriggebliebene, die keinen Termin mehr ergattern konnten an diesem hektischen Vormittag in der Klinik Nr. 9 in Schanghai. Den Damen scheint es ohnehin egal zu sein, denn der einzige Unterschied zur Beratung im Sprechzimmer besteht offenbar darin, dass hier draußen gestanden, anstatt gesessen wird.

Privatsphäre gibt es auch an Herrn Doktors Schreibtisch nicht. Dafür OP-Scheine für den Nachmittag. Die Türen stehen sperrangelweit auf. Manchmal drängeln sich wildfremde Menschen um den Arzt, während der im Patientengespräch vermeintlich intime Details bespricht. Frauen, die üppigere Brüste wollen, müssen mit großen Ohren neugieriger Männer rechnen. Die Ärzte teilen sich der Einfachheit halber ein Sprechzimmer inklusive Schreibtisch. Links geht es um die Augen, rechts um das Kinn, und mittendrin sitzt jemand, der seine Wange von einem Zigarettenschachtel großen Leberfleck befreit haben möchte. Wer lieber alleine sein will mit dem Arzt, der muss tiefer in die Tasche greifen. Im VIP-Bereich sitzen die Patienten auf Ledersofas, statt in den montierten Plastikschalen, ehe sie zum Gespräch unter vier Augen gerufen werden.

Insgesamt gibt es in China mehr als 10.000 Einrichtungen, die plastische Chirurgie anbieten. Nicht alle gelten als seriös. Seit Mitte der 90er Jahre ist es zu 200.000 Klagen vor chinesischen Gerichten gekommen, weil sich Patienten entstellt fühlten. Doch der Drang vor allem junger Chinesinnen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auf die OP-Tische lässt nicht nach. Wer gut aussieht, habe bessere Chancen auf dem Heirats- und Arbeitsmarkt, vermittelt die Werbung. „Wenn ein Arbeitgeber zwei Bewerber mit ähnlich guten Referenzen hat, wird er sich immer für das hübschere Erscheinungsbild entscheiden“, zitiert ein Prospekt einen „Fachmann“. Gesundes Selbstvertrauen in die Ausstrahlung des eigenen Gesichts fehlt vielen Frauen im Reich der Mitte. Als Kindern wurde den meisten Mädchen von ihren Müttern gebetsmühlenartig eingetrichtert, dass sie nicht hübsch seien. „Meine Mutter hat mir oft ins Gesicht gesagt, dass ich hässlich bin“, sagt ein junge Frau Mitte 20. Sie solle sich in der Schule anstrengen, um dieses Defizit wettzumachen.

Die plastische Chirurgie bietet eine einfache Lösung des vermeintlichen Problems. Entsprechend groß ist die Nachfrage. Schätzungen sprechen von jährlich mehr als einer Million Operationen. Und die Branche legt weiter zu. Laut Statistiken des chinesischen Sozialministeriums beschäftigen sich inzwischen 20 Millionen Chinesen im Rahmen ihrer Berufstätigkeit mit der Schönheit anderer Menschen. Der Bericht sagt für das Jahr 2010 Umsätze des Industriezweiges in Höhe von 45 bis 50 Milliarden Euro voraus. Schon im vergangenen Jahr gaben die Chinesen nur für Immobilien, Fahrzeuge und Reisen noch mehr Geld aus, sagt der Jahresbericht 2007 eines privaten chinesischen Wirtschaftsinstituts.

Beim Feilen an der eigenen Erscheinung dient häufig der Westen als Vorbild. „Viele Chinesen mögen ihre flachen, runden Gesichter nicht. Westliche Gesichter gelten als hübscher, weil sie kantiger sind als die asiatischen“, sagt Dr. Sun. Ein erster Schritt auf dem Weg zum westlichen Aussehen sind der beliebte Schnitt einer zweiten Lidfalte oder die Weitung der zum Teil schmalen chinesischen Augen durch das Heben der Augenbrauen. Doch der Markt für die plastische Chirurgie wächst auch, weil sogar Ausländer durch die günstigen Preise nach China gelockt werden. Schon für umgerechnet knapp 400 Euro gibt es ein Facelifting, eine Kinnverlängerung schon ab 300 und Fettabsaugen ab 200 Euro. Zum Vergleich: Die Erleichterung der Oberschenkel würde in Deutschland nicht unter 1500 Euro kosten. Ausländische Firmen bieten Trips aus Übersee ins Reich der Mitte an, um dort neben einigen Sehenswürdigkeiten auch die OP-Säle der Schönheitskliniken von innen kennen zu lernen. Einige Ärzte und Krankenschwestern würden sogar Englisch sprechen, wirbt ein Veranstalter. Und wer einen Freund vermittelt, bekommt bei der nächsten Reise zehn Prozent Rabatt. „Wir haben Amerikaner als Kunden und auch Italiener. Und vereinzelt auch Deutsche“, erzählt Dr. Sun.

An diesem Tag sind es aussschließlich Chinesen, die unters Messer kommen. Mai Yan will ihre Tränensäcke loswerden. Die 33-Jährige ist eigens aus der Nachbarprovinz Jiangsu angereist. „Mein Mann findet mich auch so hübsch. Er sagt, ich habe keine Tränensäcke. Aber viele denken, ich bin schon 40“, erzählt sie. Mai Yan ist entschlossen, irgendetwas zu machen. Irgendetwas! Die Tränensäcke scheinen ihr am sinnvollsten. Doch Dr. Sun rät davon ab. „Schauen sie, ihre Tränensäcke sind nicht problematisch. Wir sollten besser die Brauen hochziehen“, sagt er. Zehn Minuten später ist die Frau überzeugt. Am gleichen Nachmittag noch soll sie operiert werden. Da bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen. Vom Sprechzimmer marschiert sie schnurstracks zur Kasse ins Erdgeschoss der Klinik.

Umgerechnet rund 150 Euro kostet der Eingriff. Allerdings übernimmt Dr. Sun nur die Beratung. Ein jüngere Ärztin soll operieren. Dr. Sun würde sich seine Arbeit in diesem Fall mit rund 450 Euro entlohnen lassen. Denn der Arzt ist ein alter Hase der Branche. Und mehr Erfahrung wird in China besser bezahlt. Anfang der 80er Jahre machte Dr. Sun erstmals eine Patientin schöner, als er ihre chinesische Flachnase vergrößerte. Inzwischen operiert der 52-Jährige bis zu zehn Patienten täglich. Einige Tausend, schätzt er, hat er in seiner Laufbahn schon bearbeitet.

Drei Stunden später sitzt Mai Yan im Vorzimmer des OP-Bereichs, wo ein Durchgangsverkehr herrscht wie in einer Postfiliale. Alle Patienten tragen türkisfarbene Hauben, weiße Kittel und hellblaue Plastiküberzüge an den Schuhen - und warten. 31 Professoren, Ärzte und Assistenzärzte operieren in der Ambulanz jeden Tag insgesamt rund 100 Mal. Tür an Tür wird auf 17 Tischen zum Skalpell gegriffen. Im stationären Bereich der Abteilung kommen täglich rund 20 größere Operationen wie Brusttransplantationen oder Fettabsaugungen hinzu. Die frisch Operierten laufen vorbei am Wartezimmer der anderen. Diejenigen, die sich für den Lidfalten-Schnitt entschieden haben, bekommen nach dem Eingriff einen Verband über die Augen und werden an den Händen der Krankenschwestern in die Obhut ihrer Freunde oder Familie außerhalb der Ambulanz übergeben. Den Verband müssen sie bis zum nächsten Tag tragen. „Nummer 33 in Raum 7“, ruft jemand. Mai Yan ist an der Reihe.

Sie eilt in den OP-Raum und liegt schon auf der Bahre, da befallen sie die Zweifel. Narben soll bleiben, offenbart ihr die Ärztin. Noch einmal wird Dr. Sun um Rat gebeten. Er kommt hinzu und malt Mai Yan die neue Gestaltung ihrer Augenbrauen mit einem dünnen Stift auf das Gesicht. „Die Narben sind aller Wahrscheinlichkeit nach in einem halben Jahr nicht mehr zu sehen“, sagt er. Versichern will er das nicht. Mai Yan verlässt der Mut. „Ich lass es“, sagt sie und tritt aus dem OP-Zimmer. Dr. Sun bekommt diese Entscheidung schon nicht mehr mit. Längst pendelt er wieder zwischen zwei Räumen, um sein OP-Tagewerk zu verrichten. Die Spritze Botox in die Stirn von Zimmer 14 setzt er zwischen den beiden Schnitten am linken und rechten Auge von Zimmer 15. Zeit ist Geld. Mai Yan hat Zeit investiert, aber das Geld gespart, weil es in solchen Fällen zurückgezahlt wird. Sie steht immer noch vor dem OP-Saal, in dem sich schon die nächste Patienten auf die Bahre gelegt hat. Dann schaut sie noch einmal in den Spiegel: „So schlimm sehe ich gar nicht aus“, sagt sie.

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