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Spielbergs "blanker Unsinn" - 14. Februar 2008

Peking. Viel schlechter hätte das chinesische Jahr der Ratte für die Organisatoren der Olympischen Spiele 2008 wohl kaum beginnen können. Die traditionell zum Neujahrsfest servierten Teigtaschen sind gerade verdaut, da versetzt Hollywood-Regisseur Steven Spielberg den Chinesen einen Schlag in die Magengrube. Der Oscargewinner teilte mit, dass er seine Beraterrolle für die Gestaltung der Eröffnungsfeier am 8. August nicht wie zugesagt übernehmen wird. Spielberg begründet seine Entscheidung damit, dass China beim Völkermord in Darfur aus wirtschaftlichen Interessen tatenlos zuschauen würde, statt seinen massiven Einfluss auf die sudanesische Regierung geltend zu machen.

"Mein Gewissen verbietet es mir, einfach zur Tagesordnung überzugehen und mich angesichts dieses Elends in Darfur um olympische Inszenierungen zu kümmern", sagte Spielberg, der bereits vor knapp einem Jahr vergeblich den Dialog mit Chinas Staatspräsident Hu Jintao gesucht hatte. Das Olympia-Organisationskomitee BOCOG reagierte am Mittwoch mit Schweigen auf die Nachricht. "Wir haben erst am Morgen durch Medienberichte von dem Entschluss erfahren", sagte Sprecher Sun Weide, der keinen weiteren Kommentar abgeben wollte.

Der Schmach für die Veranstalter nicht genug flankierte ein offener Brief an die chinesische Regierung den Rückzug des Filmemachers. Eine 25-köpfige Gruppe bestehend aus sieben Nobelpreisträgern, Politikern, Schauspielern und britischen Olympiateilnehmern formulierte eine Forderung an Staatspräsident Hu: "China hat die Möglichkeiten und die Verantwortung zu einem schnellen Frieden im Sudan beizutragen." Unterzeichnet war das Schreiben unter anderem von den Friedensnobelpreisträgern Desmond Tutu und Shirin Ebadi, den Schauspielerinnen Mia Farrow und Emma Thompson sowie dem britischen Badmintonspieler Richard Vaughan.

Dessen Vorstoß war höchst pikant. Denn nur wenige Tage zuvor hatte das Nationale Olympische Komitee Großbritanniens, BOA, noch in Erwägung gezogen, seine Athleten im Bezug auf China per Dekret zum Schweigen zu bringen, wenn es um "sensible Themen" geht. Der Plan wurde nach einer Protestwelle verworfen, und Vaughan nutzte die Freiheit. "Es ist sehr schwierig, hinsichtlich eines solchen Konflikts mit so vielen Opfern höflich zu schweigen", sagte er. Englands Thronfolger Prinz Charles hatte bereits vor rund zwei Wochen seinen persönlichen Boykott der Spiele verkündet. Ihm ging es dabei weniger um Darfur als vielmehr um die Situation in Tibet, wo Menschenrechtsgruppen der chinesischen Regierung andauernde Verstöße vorwerfen. Auch das ist pikant. Denn Charles' Schwester ist Prinzessin Anne. Und die wiederum ist BOA-Vorsitzende und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

In der Vergangenheit hatten die Chinesen stets betont, dass niemand die Olympischen Spiele politisieren solle. Chinas Darfur-Gesandter Liu Guijin hatte eine Verbindung vom Völkermord im Sudan zu den Spielen einst gar als "blanken Unsinn" bezeichnet. Allerdings werfen chinesische Menschenrechtler wie der inzwischen inhaftierte Dissident Hu Jia ihrer eigenen Regierung vor, sie wolle mit Hilfe von Olympia ihre Politik weltweit legitimieren.

Geschätzte 200.000 Menschen sind bislang in Darfur im westlichen Sudan wegen des Bürgerkrieges direkt oder indirekt ums Leben gekommen. Spielberg war für seine Bereitschaft der Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Regime in Peking auch von Hollywood-Kollegen kritisiert worden. In Internetforen verglichen ihn manche sogar mit der Regisseurin Leni Riefenstahl, die 1936 einen Olympiafilm für die Nazis gedreht hatte. Den Vorwurf der Kooperation musste sich Riefenstahl den Rest ihres Lebens gefallen lassen. Spielberg zog die Notbremse, nachdem er registriert hatte, dass China kein Interesse an einem Dialog mit dem Filmemacher über seine Außenpolitik hat.