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Kriegsangst und Hamsterkäufe - Dezember 2010

 

 

 

 

 

Kriegsangst und Hamsterkäufe - Dezember 2010

Seoul – Der ältere Herr im grauen Anzug und mit roter Krawatte kocht vor Wut. Ein ausländisches Kamerateam hat ihn in der Fußgängerzone zu einem kurzen Interview gebeten. Er soll Stellung nehmen zum tödlichen Artilleriefeuer Nordkoreas auf eine südkoreanische Insel am vergangenen Dienstag. Der Mann hüpft von einem Bein auf das andere, so dass der Kameramann Mühe hat, ihn genau vor die Linse zu bekommen. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, sagt der Mann und ballt die Faust. Ein anderer Herr mit Brille drängt sich dazu. Auch ihm brennt es auf der Seele. „Fragen sie mich“, fordert er die Reporterin auf. Die hält ihm das Mikrofon unter das Kinn. „Beim nächsten Mal müssen wir zehnfach, oder besser hundertfach zurückschlagen“, fordert er. Dann verbeugt er sich höflich und macht elegant auf dem Absatz kehrt.

Die Verbitterung ist groß auf den Straßen von Südkoreas Hauptstadt Seoul. Die Menschen haben sich in sechs Jahrzehnten Feindschaft mit dem kommunistischen Norden an militärische Provokationen, Wortbruch und Bedrohungen gewöhnt. Eine regelrechte Gelassenheit haben sie sich antrainiert in all der Zeit. Doch dieses Mal ist Nordkorea zu weit gegangen. Den Tod von Zivilisten im Granathagel auf die Insel Yonpyong wollen sich die meisten Südkoreaner nicht mehr gefallen lassen. Es darf einfach nicht mehr sein, dass ein Staat, der kaum seine Bürger ernähren kann, immer wieder aufs Neue seinen wirtschaftlich vor Kraft strotzenden Nachbarn demütigt. Nie wieder!

Also Krieg? „Nein, Krieg ist nicht die richtige Lösung. Aber wir müssen Nordkorea unsere Stärke zeigen, um es einzuschüchtern“, sagt Chi-Yang Choi. Er ist 33 Jahre alt und gerade Vater geworden. Seine Familie zählt zu jenen, die besonders unter der Teilung des Landes in zwei verfeindete Staaten leidet. Sein Großvater lebt jenseits der Demarkationslinie im Norden. Choi hat ihn noch nie gesehen. Er kennt ihn nur vom Foto. Der junge Mann sitzt an einem Holztisch vor einer Tasse Karamelkaffee mit Sahne. Im Hintergrund swingt Bing Crosby und kündigt auch im fernöstlichen Asien an, dass der Weihnachtsmann bald in die Stadt kommt. Während Choi mit seinem Strohhalm in der schlammigen Brühe rührt, tut sein Land genau das, was er von ihm verlangt: Es lässt draußen vor der südkoreanischen Küste die Muskeln spielen. Dort ist das größte Seemanöver gemeinsam mit us-amerikanischer Truppen in vollem Gange. Geplant war es bereits vor dem Angriff auf Yonpyong. Doch nun ist es ausgeweitet worden als Reaktion auf den Angriff.

„Krieg wollen vielleicht ein paar Alte oder Veteranen, aber wir jungen Leute wollen das nicht“, sagt Choi. Eine militärische Niederlage fürchtet der Süden zwar nicht. Die wenigsten glauben, dass der Norden einsatzfähige Atombomben zur Verfügung hat. Aber alles, was sich der Süden in den letzten Jahrzehnten an Wohlstand erarbeitet hat, würde binnen weniger Wochen zerstört werden. Das Land würde zurück an den Anfang seiner Entwicklung katapultiert. Zumindest dazu wäre Nordkorea in der Lage. Seoul, das nur 70 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, läge in Schutt und Asche. Dazu wäre nicht einmal eine Atombombe notwendig. Vermutlich sind tausende herkömmliche nordkoreanische Sprengkörper auf die Metropole des Südens gerichtet.

Sebastian Ratzer Professor Young-Yun Kim: „Ein Krieg ist eigentlich sehr unwahrscheinlich. Dabei gäbe es nur Verlierer.“
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„Ein Krieg ist eigentlich sehr unwahrscheinlich. Dabei gäbe es nur Verlierer“, sagt Professor Young-Yun Kim vom Institut für die nationale Wiedervereinigung. Seit Jahren beschäftigt er sich beruflich mit nichts anderem als der Verbesserung der Nord-Süd-Beziehungen. Er empfängt seine Gäste im großen Salon des Instituts, wo man in hellblauen Samtsesseln versinkt. In den 80er Jahren hat Kim acht Jahre lang in Bremen, Bochum und Mannheim studiert. Heute hat er die Sorge, dass man ihn nicht mehr verstehen könnte, wenn er Deutsch spricht. Doch Kim spricht klare Worte. „Wenn der Süden den Norden auch nur versehentlich mit einem Irrläufer provozieren sollte, dann wird es eventuell eine gewaltsame Antwort geben“, sagt er. Der Dialog mit Nordkorea, glaubt Kim, ist die einzige sinnvolle Lösung. Aber der Professor gibt auch zu, dass der Raketenangriff des Nordens die Basis für Gespräche bis auf Weiteres zerstört hat. Alles andere wäre den Leuten momentan schwer zu vermitteln. Zumal die Konservativen mit dem Versprechen für eine härtere Gangart gegen den Norden die letzte Wahl gewonnen haben.

Das Wahlergebnis war Ausdruck des Bedürfnisses im Süden, den Norden endlich in seine Schranken zu weisen. Nordkoreas Diktator Kim Jong-Il gilt als unberechenbar. Die Meinungen innerhalb der Bevölkerung über Kim driften weit auseinander. Einige glauben, der Mann ist schlichtweg verrückt. Andere halten ihn für einen schlauen Fuchs, der die Großmächte an der Nase herumführt und es schafft, sein Regime am Leben zu erhalten. Unterm der Strich bleibt für alle das gleiche Gefühl: eine latente Unsicherheit für den eigenen Wohlstand oder das eigene Leben. Die Menschen haben sich mit diesem Zustand arrangiert.

Die Fußgängerzone ist am ersten Tag des Manövers gut besucht. Niemand will sich an einem Sonntag in einem Keller verstecken, weil der Nachbar mit dem Säbel rasselt. Doch die Nachricht von den zivilen Opfern hat viele Südkoreaner bis ins Mark erschüttert. Der frischgebackene Vater Choi erinnert sich: „Ich saß in meinem Deutschkurs, als eine Kollegin plötzlich aufstand und den Saal verließ. Sie sagte, ihr Vater habe ihr per SMS befohlen, sofort nach Hause zu kommen, weil er Angst um sie hatte.“ Doch nur wenige geben offen zu, dass sie sich fürchten. Ein Hotel-Mitarbeiter erzählt, sein Bruder sei bei der Luftwaffe. Es gäbe aber keinen Grund zur Sorge um ihn, weil die südkoreanischen Kampfflieger denen des Nordens doch klar überlegen seien. Dann lächelt er. Es ist ein Lächeln, das einem oft in Korea begegnet. Es ist freundlich, aber undurchsichtig. Wirklich keine Angst? „Vielleicht meine Mutter, ich nicht“, sagt der junge Mann.

Sebastian Ratzer Sebastian Ratzer: „Ich habe hier schon jede Menge Krisen mitbekommen. Aber es ist das erste Mal, dass ich Angst habe.“
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Sebastian Ratzer macht aus seiner Sorge dagegen keinen Hehl. Der 35 Jahre alte Deutsche lebt seit zehn Jahren in Seoul. Er wird im Januar zum zweiten Mal Vater. „Ich habe hier schon jede Menge Krisen mitbekommen. Aber es ist das erste Mal, dass ich Angst habe“, sagt Ratzer. Vorsichtshalber haben er und seine Familie am Wochenende Hamsterkäufe getätigt. Nur für den Notfall. Ratzer arbeitet für das deutschsprachige Programm des halbstaatlichen koreanischen TV- und Rundfunksenders KBS. Die Stimmung im Sendezentrum wirkt sehr gelassen, erzählt er. Die Leute führen trotzig ein normales Leben. „Ich weiß aber bis heute nicht, ob sie wirklich keine Angst haben, oder ob sie die Bedrohung einfach nur unterschätzen“, sagt Ratzer.

Am Abend vor Beginn des Seemanövers mit den Amerikanern flimmern in einem traditionellen koreanischen Restaurant die Bilder von der Trauerfeier für die Opfer des Angriffs über einen TV-Bildschirm. Fleisch wird am Tisch gegrillt, dazu gibt es Kimchi, den sauerscharf eingelegten Kohl, Tofu und Salat. An einem Tisch sitzen vier Männer und trinken zum Essen reichlich Soju, koreanischer Branntwein aus Süßkartoffel. Sie reden laut und lachen. Andere schauen während des Kauens immer wieder auf die Glotze und kommentieren die Bilder. Zwei chinesische Gaststudenten verdienen sich hier am Wochenende ein bisschen Geld als Bedienungen. Einer sagt: „Mein Professor hat gesagt, die Südkoreaner seien nervös. Man würde es nur nicht merken.“

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