
Ein zweites Gehirn - 09.06.2008
Peking. Von der Zukunft ist noch nicht viel zu sehen an diesem Tag. Das liegt weniger am Smog, der sich über das Gelände rund um das Pekinger Xuanwu-Krankenhaus in der chinesischen Hauptstadt gelegt hat. Es sind vielmehr die zahlreichen Mehrfamilienhäuser und die etlichen einstöckigen Flachdachbauten, die der Vorstellungskraft noch im Wege stehen. Denn genau an dieser Stelle, wo sich das chinesische Leben seit Jahrzehnten seinen schnöden Alltag bahnt, wird in einigen Jahren ein Stück Hannover stehen. Nämlich das Pekinger Ebenbild des International Neuroscience Institute (INI). Ein zweites Gehirn.
Kaum
denkbar, dass am kommenden Dienstag der Grundstein für das Projekt gelegt
wird. Fast schon ein bisschen zynisch wirkt es, wenn der symbolische Akt vor
den Augen einer illustren Gästeschar vollzogen wird, während die
Nachbarschaft noch rätselt, wann ihr bisheriges Leben endgültig
seine Wendung nehmen wird und die Planierraupen anrücken. „Irgendwann
nach den Olympischen Spielen müssen wir hier wohl weg. Wann genau, das
hat uns niemand gesagt“, erzählt ein Mann, der vor seinem Kiosk
auf einem Hocker sitzt. Insgesamt sind es 1600 Haushalte und einige Kleinbetriebe,
die der Erneuerung weichen müssen. Die Gnadenfrist bis nach Olympia haben
sie der Umweltverschmutzung in Peking zu verdanken. Die Stadt möchte
vor den Sommerspielen keine neuen Bauprojekte mehr starten, um die Feinstaubbelastung
nicht noch unnötig in die Höhe zu treiben. Die Grundsteinlegung
aber wird nicht verschoben. Der Dienstag steht als Termin. Natürlich
wird Professor Madjid Samii, der Vater der INI-Projekte, mit seiner gesamten
Familie zu Gast sein. Auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, VW-Aufsichtsratschef
Ferdinand Piech und Scorpions-Sänger Klaus Meine kommen.
„Die Bedeutung dieses Projektes für China ist immens“, sagt Professor Ling Feng. Die 57-Jährige ist Leiterin der neurochirurgischen Abteilung des Xuanwu-Krankenhauses. Sie wird die Vizepräsidentin der neuen Einrichtung in Peking, während Professor Samii faktisch ihr Vorgesetzter bleibt. In ihrem Büro hängt eingerahmt eine Urkunde der Universität Pierre und Marie Curie (UPMC) in Paris aus den Sechziger Jahren, die ihre Kompetenz als Neurochirurgin hinter Glas verewigt. Seitdem hat sich China rasant entwickelt und in vielen Bereichen mit internationalen Standards gleichgezogen. Doch die Krankenhäuser im Reich der Mitte hinken dem Niveau im Westen noch weit hinterher. Das gilt für die technischen Möglichkeiten ebenso wie für die hygienischen Bedingungen, die manchem Mitteleuropäer den Schrecken in die Glieder jagen dürften. Das INI Peking aber soll die Wende einleiten. Es soll Chinas Sperrspitze werden in der neurochirurgischen Forschung. „Vielleicht sind wir in einigen Generationen maßgebend im internationalen Vergleich“, sagt Professor Ling.
Der erste Schritt dorthin ist, die Behandlungsmethoden auf westliche Standards zu heben. Auch deshalb befindet sich Karsten Wrede in Peking. Der 32-Jährige ist Assistenzarzt am INI Hannover und seit März als täglicher Beobachter in den Alltag der neurochirurgischen Abteilung der Xuanwu-Klinik integriert. Er hilft dabei, ebenjene Standards zu etablieren, die in Deutschland bei den verschiedenen Erkrankungen angewendet werden. „Ich war überrascht von dem Level, den ich hier vorgefunden habe. Aber dennoch klafft noch eine Lücke zu dem, was wir in Deutschland als normal empfinden“, sagt Wrede. Tagtäglich laviert sich der junge Arzt durch die Gefahren der Kulturdifferenzen. Verbessern ja, aber dabei nicht Besserwissen, lautet die heikle Aufgabe für den Deutschen. „Er erfüllt seine Aufgabe ausgezeichnet“, sagt Professor Ling und klopt Wrede dabei anerkennend auf die Schulter.
Der Austausch deutscher und chinesischer Ärzte soll in den kommenden Jahren weiter gepflegt werden. Zehn chinesische Neurochirurgen waren seit 2002 jeweils für längere Zeit in Deutschland. Schrittweise wird so auch die personelle Verzahnung der beiden Institute vorangetrieben. Madjid Samii hat angekündigt, ebenfalls mehrmals im Jahr nach Peking reisen zu wollen, um unter anderem persönlich im INI zu operieren. Auch die technische Verknüpfung beider Einrichtungen zählt zu Grundlagen der Zusammenarbeit. Künftig soll auf die gleichen Datenbanken zurückgegriffen, Forschungsprojekte von Hannover und Peking aus gemeinsam vorangetrieben werden.
Spätestens 2012 soll das INI in Peking eröffnet
werden. Die Kapazität ist dreimal so groß wie das des Hannoveraner
Vorbilds. 300 Betten stehen zur Verfügung. Angst vor mangelnder Auslastung
hat Professor Ling nicht. „Es gibt 1,3 Milliarden Menschen in China.
Dementsprechend haben wir eine riesengroße Zahl an Patienten“,
sagt sie. Finanzielle Engpässe sind angesichts dieser Prognosen unwahrscheinlich.
Zumal die Behörden dem Bau der öffentlichen Klinik ebenfalls schon
60 Millionen Euro zur Verfügung zugesagt haben. Damit zählt das
Projekt zu den landesweit zehn Topförderprogrammen des Jahres. „Aber
wir haben uns bereits um mehr Gelder beworben“, sagt Professor Ling.
Denn das Projekt umfasst nicht nur den Bau des INI. Die Xuanwu-Klinik erhält
während einer zweiten Bauphase ein neues Hauptgebäude im Zentrum
des Geländes. Abschließend wird in Phase drei ein kleines Kongresszentrum
gebaut. Hinzu kommen die Kosten für die Umsiedlung der Anwohner und Kleinbetriebe.
Die werden zurzeit auf rund 90 Millionen Euro beziffert.