
Wachstum mit Nebenwirkungen - 28.05.2010
Ein atemberaubendes Tempo bedeutet immer auch Verschleiß. Das gilt für Autos wie für Volkswirtschaften gleichermaßen. China ist jahrelang mit einem sagenhaften Wachstum in Richtung Spitzengruppe der Weltwirtschaft gerast. Im Gegensatz zum Auto sind es jedoch Menschen statt Maschinen, die das Tempo einer Volkswirtschaft mit ihrer Arbeitskraft bestimmen und dann eben auch verschleißen. Dieser Verschleiß ist körperlicher, aber offenbar auch seelischer Natur.
Die neun Selbstmorde und zwei Selbstmordversuche in einer Fabrik des Elektro-Herstellers Foxconn im südchinesischen Shenzhen in den vergangenen fünf Monaten sind Ausdruck einer derart schnellen Entwicklung, der viele Menschen in China nicht gewachsen sind. Es ist nicht die harte Arbeit an sich, die neu ist für die Chinesen. Es sind die neuen Bedingungen, unter denen die Arbeit geleistet werden muss, die den Leuten zu schaffen machen.
Früher hat man im Kreise der Familie zusammen auf dem Acker geschuftet von frühmorgens bis abends. Heute steht man 15 Stunden neben Unbekannten am Fließband unter Neonlicht. Früher hat man für den Staat produziert, der anschließend ein bisschen von der Ware zurückgegeben hat. Heute produziert man im Auftrag von Unternehmern Elektroartikel oder Markenkleidung, die so teuer sind, dass die Arbeiter es nicht leisten können.
Niemand hat die Arbeiter auf die Nebenwirkungen einer blitzartigen Industrialisierung vorbereitet. Der Druck durch die Unternehmer ist immens, die Entlohnung mies. Doch wer diesen Bedingungen nicht stand hält, fliegt raus. Und wer keinen Job in einem Land ohne stabile soziale Sicherung, der kann seine Familie nicht ernähren. Dieses Szenario lastet vielen Menschen schwer auf dem Gemüt. Die Toten von Foxconn sind nur die Spitze des Eisbergs.