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Selbsmordserie in chinesischer Fabrik - 25.05.2010

Peking – Das Szenario erinnert an das Drehbuch eines Horrorfilms: Binnen weniger Monate haben sich neun Mitarbeiter einer Fabrik im südchinesischen Shenzhen in den Tod gestürzt, zwei weitere haben ihre Selbstmordversuche schwer verletzt überlebt. Das vorerst letzte Opfer starb am Dienstag im Alter von 19 Jahren. Der Mann hinterließ einen Abschiedsbrief. Darin bezichtigt er sich selbst, keine Fähigkeiten zu besitzen und nicht in der Lage zu sein, seinen Vater zu unterstützen, schreibt die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Deswegen habe er nichts anderes als den Tod verdient, soll es in dem Brief lauten.

Erst am vergangenen Freitag hatte sich ein 21-Jähriger auf gleiche Weise das Leben genommen. Alle elf Lebensmüden arbeiteten in einem Werk des taiwanesischen Elektro-Herstellers Foxconn, der unter anderem für Weltkonzerne wie Apple, Hewlett-Packard, Dell, Sony oder Nokia produziert. Alle waren zwischen 18 und 24 Jahren alt. Angesichts der Tatsache, dass in der besagten Fabrik rund 300.000 Menschen arbeiten, könnte man meinen, dass neun Selbstmorde und zwei Versuche nichts anderes als ein Spiegelbild der Gesellschaft liefern. Genau diese Theorie bietet nämlich Foxconn als Erklärung für die Serie an.

iPhoneDoch offenbar liegt bei der Firma irgendetwas mehr im Argen als anderswo. Denn nach eigenen Angaben hat Foxconn 30 weitere Mitarbeiter in den vergangenen Wochen davor bewahrt, sich selbst zu töten. Die Firma hat im April eine Hotline mit der Nummer 785785 eingerichtet. Die Aussprache der Nummer in Mandarin klingt ähnlich wie der Satz: „Bitte, hilf mir, bitte hilf mir“ und soll ausgesprochen häufig gewählt werden. Zudem zahlt Foxconn Belohnungen zwischen 200 und 500 Yuan (zwischen 24 und 60 Euro) an Angestellte, wenn die ihre Vorgesetzte über seelisch angeschlagene Arbeitskollegen informieren.

Dass Foxconn tatenlos dabei zuschaut, wie ein Mitarbeiter nach dem anderen den letzten Ausweg aus ihrer Verzweifelung sucht, kann man der Firma nicht vorwerfen. Wohl aber, dass es möglicherweise nur ein Kampf gegen Symptome nicht gegen die Ursachen ist. Denn seit Beginn der Serie sieht sich Foxconn mit Vorwürfen konfrontiert, dass die Arbeitsbedingungen in der Fabrik ausgesprochen hart sein müssen. In Gesprächen mit dem Onlineportal Asia Times beklagten sich zahlreiche Angestellte über die Zustände hinter den Werkstoren.

Der Leistungsdruck auf die Arbeiter sei enorm, die Bezahlung dagegen kaum über dem gesetzlichen Minimum, das in Shenzhen bei 850 Yuan, rund 100 Euro im Monat liegt. Mit täglich sieben Überstunden erreichen normale Arbeiter ein monatliches Gehalt von knapp 220 Euro. Dieses Schicksal teilen die Foxconn-Angestellten jedoch mit Millionen anderer Wanderarbeiter im ganzen Land. Allerdings, so klagen ehemalige Angestellte, sei auch die Größe der Fabrik ausschlaggebend für eine völlige Anonymität des einzelnen in der Masse. So hätten viele Mitarbeiter kaum privaten Kontakt zu ihren Arbeitskollegen, selbst wenn sie gemeinsam in einem der Acht-Bett-Zimmer untergebracht seien.

Die Ermittlungen der Polizei ergaben in keinem Fall Zweifel an der Selbstmordversion. Doch nicht jede Familie gibt sich mit den Ergebnissen der traditionell wenig vertrauenswürdigen Polizei in China zufrieden. So warf zum Beispiel der Fall des 19-Jährigen Ma Xiangqian Fragen auf, um deren Beantwortung die Angehörigen sich noch immer vergebens bemühen. Ma starb 23. Januar dieses Jahres. Zunächst schob die Polizei den Tod des jungen Mannes allen Ernstes auf „gesundheitliche Probleme“. Später lautetet die Erklärung, der Mann sei aus großer Höhe gestürzt. Dieses absurde Hin und Her hat Mas Familie veranlasst, öffentlich die Klärung der Widersprüche zu fordern, bislang jedoch ohne Erfolg.

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