
"Deutschland ist ein Märchenland" - 03.05.2010
Shanghai – Mutti posiert fürs Foto. Ihr Sohn hat sie unter die überdimensionale Mütze eines Gartenzwerges platziert. Jetzt steht sie darunter, aber sie sieht nichts mehr. Die Pappe reicht ihr herunter bis zur Oberlippe. Vom Gesicht ist nur noch das Kinn zu sehen. „Mama, man sieht dich nicht, du musst ein bisschen in die Knie gehen“, ruft ihr der Sohn zu. Dann lugt sie verunsichert unter der Mützenattrappe hervor und lächelt verlegen. Na, bitte, da ist sie wieder. Das Blitzlicht löst aus. Ihr Sohn reckt den Daumen in die Höhe. Dieses Foto ist im Kasten.
![]() |
Mutti kann nichts mehr sehen. |
| ...zum Vergrößern auf das Bild klicken | |
Weitere Motive locken an jeder Ecke des deutschen Expo-Pavillons in Shanghai. Und wer gedacht hat, die Japaner seien die inoffiziellen Knips-Weltmeister, der muss einsehen, dass die Chinesen auf dem besten Weg sind, nach dem Titel des Exportweltmeisters auch diesen Titel an sich zu reißen. Im Eingangsbereich, dort wo die deutschen Bundesländer sich präsentieren dürfen, haben die Bayern Kaiserin Sissi und König Ludwig II. zum Leben erweckt. Eine clevere Idee, denn ein Foto zwischen den Blaublütern vor dem Plakat von Schloss Neuschwanstein zählt zu den Rennern und bedeutet gute Werbung für Bayern.
Für die meisten Besucher spielt es dabei keine Rolle, dass sie nicht wissen, wer die beiden sind. „Die sehen einfach so hübsch aus“, sagt eine Frau. Eine andere fühlt sich an Soldaten der amerikanischen Armee erinnert. Weshalb, bleibt ihr Geheimnisse. Die beiden Darsteller leisten derweil eisern lächelnd Knochenarbeit im Akkord. Die Masse an Fotojägern nimmt nicht ab. 45.000 Menschen können pro Tag den deutschen Pavillon besuchen. Für Sissi und Ludwig wollen gefühlte 100.000 ein Foto mit ihnen. Gegen zwei Uhr am Nachmittag stellt sich Ludwig vorübergehend alleine den Gästen. Wo ist Sissi? „Die braucht eine Pause, die ist fix und fertig“, sagt der junge Mann.
![]() |
Die Bremer Stadtmusikanten als beliebtes Fotomotiv der Expo-Besucher. |
| ...zum Vergrößern auf das Bild klicken | |
Auch die Hostessen an den interaktiven Stationen haben gut zu tun. Vor den Bildschirmen bilden sich Trauben von Neugierigen und hoffen auf ihre Chance, endlich selbst die Bewegungsmelder bedienen zu dürfen. Manche schieben aus der zweiten Reihe einen Arm nach vorne, weil sie nicht warten wollen und handeln sich einen charmanten Tadel der Hostessen ein. Andere fuchteln wild herum, so dass die Bewegungsmelder völlig überfordert sind. „Für solche Fälle haben wir eine Fernbedienung in der Hand. Dann drücken wir heimlich ein paar Knöpfe, damit es vorwärts geht“, sagt Hostess Rebecca Siwek aus Mecklenburg.
Die Besucher müssen sich die Informationen an den interaktiven Stationen sozusagen selbst erarbeiten. Das Konzept der Macher geht bislang nur bedingt auf. Nachdem der interaktive Teil geschafft ist, wenden sich viele von den Kurzfilmen zu deutscher Ingenieurskunst ab. Was haben sie an dieser Station gelernt, lautet die Frage an einen älteren Herren. „Dass man die Arme bewegen muss, um die Sprache auszuwählen“, sagt er. Um nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, hakt sich Hostess Rebecca Siwek bei den Besuchern ein und schlägt ihnen vor, das 30-Sekunden-Video gemeinsam anzuschauen.
„Ich würde mir wünschen, dass sich das Publikum im Laufe der kommenden Monate noch mehr mit den Inhalten beschäftigt“, sagt Peter Redlin. Er ist Kreativdirektor des deutschen Pavillons. Sein Team von der Stuttgarter Agentur Milla & Partner hat rund zweieinhalb Jahre an den Inhalten auf 6000 Quadratmeter gefeilt. Ziel war es, eine Mischung zu finden zwischen einerseits der Vermittlung deutscher Ideen für eine bessere Stadt, so wie es das Expo-Motto vorsieht, und andererseits viel Farbe und Fantasie. „Die Leute sollen sehen, dass wir nicht nur gut sind in Umweltprojekten und Technik, sondern auch kreativ sind und viele Freude am Leben haben“, sagt Redlin.
![]() |
So riecht deutsche Bratwurst. Das Fleisch ist zwar aus Plastik, aber ein täuschend ähnlicher Würstchenduft strömt dem Besucher auf Knopfdruck in die Nase. |
| ...zum Vergrößern auf das Bild klicken | |
Im „Atelier“ gibt es deshalb eine Ecke, wo die Besucher deutsches Liedgut im Karaoke-Stil zum Besten geben können. Deutsche Chöre aller Art werden über Bildschirme eingespielt. Wer mag, kann mitsingen. Ein Mann schert sich wenig um deutsche Texte. Er beginnt nach Aufforderung seiner Familie, lauthals ein russisches Volkslied zu singen. Die letzten Töne schreit er förmlich über die Lautsprecher und lacht dann vergnügt. Andere nehmen ihren Auftritt auf der winzigen Empore ernster. Zwei Mädchen hauchen ein chinesisches Liebeslied, ein Junge auf Geheißen seiner Mutter ein Kinderlied.
„Deutschland ist wie ein Märchenland“, findet ein älterer Mann, der es sich neben seiner Frau im der Station „Der Park“ gemütlich gemacht hat. Er sitzt unter einer großen Haube, die eine von der Decke baumelnde Blüte darstellt. Daraus dringen sanfte Geräusche aus einer deutschen Grünanlage. Wer den Kopf hineinsteckt, sieht passende Fotografien dazu. Manche Gäste finden es im Park so gemütlich, dass sie ein paar Vorräte auspacken und picknicken. „Wir weisen dann darauf hin, dass dafür leider der Platz nicht reicht“, sagt Hostess Siwek. Die Resonanz der Besucher ist dennoch positiv. „Das ist der interessanteste Pavillon von allen“ sagt eine junge Frau, die zuvor immerhin drei andere Pavillons besucht hat. „Es macht unheimlich Spaß, weil man so viele Dinge selber macht“, sagt ein Student aus Shanghai.
Der letzte Gang führt die Besucher schließlich in die so genannte Energiezentrale. Dort hängt eine Kugel so groß wie ein Kleinwagen von der Decke, die durch Schreien von den Rängen in Bewegung gesetzt werden kann. 600 Menschen finden pro Vorstellung auf den drei Ebenen Platz und brüllen sich die Seele aus dem Leib. „Dort sollen die Besucher das Gefühl erleben, dass man mit gemeinsamer Anstrengung alles erreichen kann, sogar die Welt verändern“, sagt Kreativdirektor Redlin. Dann grinst er. Den letzten Teil seiner Aussage findet die chinesische Regierung sicherlich weniger zum Lachen.