
Mit bloßen Händen - 15.05.2008
Shifang. Die Menschen im Evakuierungslager in Shifang haben viel zu erzählen. Die meisten stammen aus Städtchen und Dörfern in den Bergen, deren Vorläufer 30 Kilometer weiter westlich in die Höhe ragen und dem Epizentrum des Erdbebens vom vergangenen Montag bedenklich nahe waren. Ein Mann trägt einen Verband um den Kopf. Über seinem Auge haben sich Krusten über den Risswunden gebildet. Er sagt, ein Haus ist über ihm zusammengebrochen. „Ich dachte, ich bin tot“, sagt der Mann. Aber er lebt und konnte laut nach Hilfe schreien. Nachbarn konnten ihn schließlich unter dem Haus herausziehen.
Zwei
zivile Helfer erzählen, dass viele andere dieses Glück nicht hatten.
Die beiden Männer tragen ihre roten Helme unter dem Arm, und ihre Atemschutzmasken
baumeln um den Hals, als sie an einer Kreuzung in Shifang nach ihrer Schicht
in den Trümmern aus einem Auto steigen. „Wir kommen gerade aus
Long Ju. Ich schätze, dort sind mehrere tausend Tote unter den Häusern.
Die wenigsten haben dort überlebt“, sagt einer der Männer.
Mehrere tausend Soldaten seien vor Ort, schätzt er. Doch wie in vielen
anderen betroffenen Regionen nahe dem Epizentrum ist es weiterhin nicht möglich,
Bergungsgerät einzusetzen. „Wir graben zum Teil einfach mit bloßen
Händen nach den Menschen“, sagt der Helfer.
Ausländer dürfen sich bislang von diesen Bedingungen nicht persönlich überzeugen. Nur über Schleichwege, auf einem Motorrad mit ortskundigem Fahrer ist es möglich, an den Polizeisperren 30 Kilometer vor dem Ort Long Ju unbemerkt als Ausländer vorbeizukommen. Soldaten und Parteivertreter geraten in Alarmbereitschaft, als die unerwünschten Besucher einen Nachbarort von Long Ju erreichen. Sie verlangen Ausweise und verweigern jegliche Weiterfahrt. „Hier ist es viel zu gefährlich für sie“, sagt der Chef der Stadtverwaltung, während Soldaten vorbeimarschieren, die sich mit Schaufeln und Spitzhacken auf den Weg in Richtung Long Ju machen. Während chinesische Reporter die Soldaten ins Epizentrum begleiten dürfen, ist für Ausländer an diesem Tag hier Endstation.
Doch im Evakuierungslager helfen die Menschen dabei, das Ausmaß der Katastrophe zu dokumentieren. Eine junge Frau schleppt einen Laptop heran, auf dem sie Fotos gespeichert hat. Fotos aus Hong Bai in unmittelbarer Nähe von Long Ju. Die Bilder zeigen Straßenzüge, deren Häuser links und rechts komplett zerstört sind. Sie zeigen Bilder von Leichen, die nebeneinander aufgereiht liegen, und sie zeigen Bilder von einer Brücke, die eingestürzt ist, und damit das größte Problem der Rettungskräfte. Denn noch immer gibt es etliche Orte vor allem in einem Radius von 50 Kilometer rund um das Epizentrum wie Long Ju, zu denen dringend benötigte Bagger oder Kräne nicht transportiert werden können.
Das macht auch den Abtransport der Toten fast unmöglich. Die Leichen verwesen, und ihr unerträglicher Gestank legt sich über die Unglücksorte. In einem kleinen Vorort der Stadt Mianzhu nördlich der Provinzhauptstadt Chengdu erzählen Bewohner, dass sie von Massengräbern gehört hätten, die in den Orten mit den meisten Opfern ausgehoben werden. Offizielle Bestätigungen gibt es dafür nicht. Manchmal überholt man LKW-Konvois, die dem Geruch nach Leichen transportieren.
Viele Abschnitte der ländlichen Regionen sind mit Ruinen gesäumt. Alle 100 Meter liegt ein Gebäude in Schutt und Asche. Die Menschen sitzen davor und vertreiben sich die Zeit mit Essen oder nichts tun. Noch immer räumt niemand die Trümmer weg, obwohl inzwischen mehr als 72 Stunden seit dem Erdbeben vergangen sind. Auch weil alle Großfahrzeuge zum möglichen Abtransport vornehmlich dort im Einsatz sind, wo sie dringender gebraucht werden. Bis zur Beseitigung sämtlicher Trümmer werden Monate vergehen.