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Preistreiber Dürre - April 2010

Kunming – Der Hausbesitzer Lü Pin verweigert seine Zustimmung. Unter keinen Umständen will er den potenziellen Mietern seines Hofhauses in der Pekinger Altstadt einen Vierjahresvertrag gewähren. Die Höhe der Miete sei zwar angemessen, findet er, aber nicht länger als für maximal zwei Jahre. „Sie vergessen die Inflation. Dieses Risiko kann ich nicht eingehen“, sagt er. Lü teilt seine Ängsten mit vielen anderen Chinesen. Doch während er lediglich fürchtet, zu kurz zu kommen, bangen Millionen einfache Bürger mit minimalen Einkommen um ihre Existenz. Und mit ihnen zittert die Kommunistische Partei um die soziale Stabilität im Land, sollte die Landeswährung dramatisch an Wert verlieren.

Bislang hat die Regierung fest beteuert, sie könne die Inflationsrate in diesem Jahr bei 3 Prozent halten. Und das obwohl sie noch immer in Form von Bankkrediten Abermilliarden Yuan in den Geldkreislauf pumpt, um die Wirtschaft anzuheizen. Als die landesweite Inflationsrate für Februar mit 2,7 Prozent beziffert wurde, schrillten die Alarmglocken. Man habe die Situation unter Kontrolle, beruhigte die Regierung. Im vergangenen Monat sank die Quote tatsächlich auf 2,4 Prozent. Doch manche Ökonomen warnen, dass die Auswirkungen der seit Monaten anhaltenden Dürre im Südwesten Chinas auf die Preisentwicklung noch nicht absehbar sind.

WasserlieferungDie Trockenperiode hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Chinesische Medien sprechen von der schlimmsten Dürre seit 100 Jahren. In manchen Regionen warten die Menschen seit acht Monaten auf Regen. 61 Millionen Menschen sind betroffen, 7,6 Millionen Hektar Ackerfläche zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen. Die Erträge der Ernten brechen massiv ein. Lebensmittel werden knapper. Die Preise für Reis, Tee oder Chili sind auf den Märkten der Region um bis zu 100 Prozent in die Höhe geklettert. Der Kilopreis für manche Kräuter, die zur Herstellung von Traditioneller Chinesischer Medizin verwendet werden, explodierten auf den fünf- bis sechsfachen Preis. Auch Zucker, Gummi, Frischblumen und Tabak sind betroffen von Teuerungen.

Ihre optimistische Prognose die Inflation kontrollieren zu können, traf die Regierung, ohne die Folgen der Naturkatastrophe zu berücksichtigen. In der Krisenprovinz Yunnan lag die Inflationsrate schon im Februar bei 3,2 Prozent. Und das Ende der Katastrophe ist längst noch nicht absehbar. „Wir müssen uns auf eine noch längere und härtere Trockenperiode einstellen“, sagte vor wenigen Wochen der Vizeminister für Wasser-Ressourcen, Liu Ning, in Peking.

Möglicherweise wird sich die Dürre bis weit in den Mai hineinziehen. Mit jedem Tag nimmt dabei der Druck auf die Währung zu, weswegen die Regierung bereits Anfang des Jahres in den Kampf gegen Preiserhöhungen gezogen ist. Sie verurteilte kürzlich zwei Hersteller von Reispulver zu Geldstrafen von 100000 Yuan, umgerechnet rund 11000 Euro. Die Hersteller hatten im Januar mit weiteren 31 Produzenten eine Preiserhöhung von rund 2 Cent pro Pfund abgesprochen, als sich die Reisverknappung aufgrund der Dürre abzeichnete. In der Provinz Guizhou drohen die Behörden bei ähnlichen Vergehen seit Ende März mit Strafen von bis zu einer Million Yuan.

Unter den Teuerungen leiden vor allem die Menschen mit den geringsten Einkommen. Bei Zhou Jiaxue und seiner Familie im abgelegenen Bergdorf Houzidong im Westen Yunnans hat deswegen der Mais schon vor mehreren Wochen den Reis als Hauptnahrungsmittel abgelöst, weil er billiger ist. Reis kostet inzwischen 5 Yuan pro Kilogramm, rund 5 Cent. Das ist doppelt so teuer wie in Peking. „Das können wir uns nicht mehr leisten“, sagt Zhou, als er auf einem der Äcker steht, die er bewirtschaftet. Normalerweise sprießen zu dieser Jahreszeit Tabakpflanzen dicht an dicht in Bauchnabelhöhe auf den Terassenfeldern. Jetzt haben es nur wenige Stengel überhaupt aus dem Boden heraus geschafft, ehe sie vertrocknet sind. Die verlorenen Einnahmen treiben die Familie an den Rand des Ruins. „Wenn es so weiter geht, dann müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen, wie wir überleben“, sagt Zhou.

Die dramatischen Ausmaße der Krise und die wachsende Angst vor der Inflation sind möglicherweise sogar hausgemacht. Es gibt Vorwürfe, dass Maßnahmen zur Vorsorge vernachlässigt worden seien. Agrar-Experte Zheng Fengtian von der Pekinger Renmin-Universität sagte der Süddeutschen Zeitung: „Die Behörden haben lieber in Wasserkraftwerke und Projekte zur Flutkontrolle investiert, statt die Infrastruktur in den Dörfern zu stärken. Es gibt Projekt, von den ausschließlich die Industrie profitiert, nicht die Bevölkerung.“

Ein Bericht der Nationalen Prüfungskommission vom 24. März bewertet die Anlagen zur Speicherung und Bewässerung der Region als „schlecht geplant, teuer und schlecht Instand gehalten“. Das Wirtschaftsblatt Economic Information Daily aus Guizhou berichtete Mitte März, dass 60 Prozent der kleinen und mittleren Anlagen, die vorhanden sind, beschädigt seien.

Schon jetzt wird der unmittelbare wirtschaftliche Schaden der Dürre auf über 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Seit Monaten versorgen die Behörden die Bevölkerung im gesamten Südwesten des Landes mit Trinkwasser. Feuerwehrfahrzeuge rollen täglich in Kolonnen durch die Region, pumpen die Wasserreservoire leer und füllen die Tonnen und Eimer der Menschen. Im Dorf Changlingjie im südlichen Verwaltungsbezirk Yanshan in der Nähe der vietnamesischen Grenze kommt die Kolonne einmal in der Woche vorbei.

Mehrere Stunden sind manche Bedürftige mit ihren Wasserbüffel-Karren hierhin unterwegs, um sich einzureihen. Die ersten warten seit fünf Uhr morgens auf die Wasserlieferung. Gegen halb vier am Nachmittag kommt endlich die Feuerwehr. Die Schlange ist rund 150 Meter lang. Das Wasser reicht für das Nötigste. Hygiene ist zweitrangig. Manche Bauern erzählen, sie hätten seit Wochen nicht mehr geduscht. Jeder Tropfen wird wieder verwertet. Die Menschen waschen sich Gesicht, Hände und Füße mehrfach mit dem gleichen Wasser. Das Wasser, in dem sie Reis waschen, nutzen sie zum Spülen. Das Schmutzwasser geben sie den Tieren zum Trinken.

GouverneurAn diesem Tag ist der stellvertretende Provinzchef von Yunnan, Cao Jianfang, vor Ort, um sich ein Bild zu machen. Wer ihm mit unangenehmen Fragen zu Nahe kommt, bekommt von Beamten der Staatssicherheit, die ihn begleiten, die Ellbogen in die Rippen. Stattdessen spricht der Einsatzleiter der Feuerwehr, Zhu Changjian. „Jede Familie in diesem Bezirk hat die Unterstützung zum Bau von mindestens eine Zisterne zur Wasserspeicherung erhalten“, sagt Zhu. Viele Bauern hier behaupten das Gegenteil. „Nur ganz wenige Familien haben diese Anlage. Und die haben sie selbst bezahlt“, sagt ein Mann in der Warteschlange. Aus Peking flossen zwischen 2006 und 2008 3,8 Milliarden Yuan in die Region zur Prophylaxe von Wasserknappheit. Große Teile davon sind auf dem Weg in die Dörfer offenbar irgendwo versickert.

In Peking ist man trotz der wachsenden Gefahr noch um Gelassenheit bemüht. Die Auswirkungen steigender Preise für die Bevölkerung sei begrenzt, sagte Zhou Wangjun von der Nationalen Reform- und Entwicklungskommission. Zum Beweis verwies er auf das Beispiel Zucker. Der würde im täglichen Leben der Chinesen kaum eine Rolle spielen, sagte er. Dabei ignorierte Zhou, dass die gesamte Süßwaren-Industrie von den Zuckerpreisen abhängt. Glaubwürdiger sind die Warnsignale von der Börse. In der letzten Märzwoche schossen die Kurse der Aktien von Firmen, die mit Zucker, Reis oder Traditioneller Chinesischer Medizin ihr Geld verdienen, in die Höhe. Die Investoren glauben an satte Umsätze der Branche in naher Zukunft, weil sie erwarten, dass die Preise deutlich steigen.

 

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