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Geruch des Todes - 14.05.2008

Dujiangyan. Der Geruch ist penetrant. Er wabert über der gesamten Innenstadt von Dujiangyan. Seit mehr als 48 Stunden liegen die Toten unter den Trümmern begraben. Am Mittwochmorgen hat es aufgehört zu regnen. Jetzt beschleunigt die Wärme den Verwesungsprozess der Leichen. Wie viele es genau sind, hier in der 500.000-Einwohner-Stadt, 80 Kilometer südlich vom Epizentrum des gewaltigen Erdbebens, weiß noch niemand. Ein Mann deutet auf eine Ruine. Die gesamte Vorderfront türmt sich in Schutt und Asche auf der Straße. Die untere Etage des Gebäudes ist komplett eingebrochen. „Irgendwo darunter liegt mein Vater. Die Rettungskräfte können ihn nicht bergen, weil sie sich selbst in Gefahr bringen würden“, sagt der Mann. Das Gebäude ist akut vom Einsturz bedroht.

Aus dem selben dreistöckigen Haus hat es ein anderer Mann lebend geschafft. Seine Tochter erzählt, dass ihm das Handwerksgeschäft im Erdgeschoss gehörte. Augenblicke vor dem Beben rief ihn ein Kunde hinter dem Tresen nach draußen auf die Straße heraus. Dann wackelte der Boden, Sekundenbruchteile später stürzte das Haus zusammen. „Mein Vater ist verletzt. Er liegt im Krankenhaus, aber er lebt.“ Die Tochter und der Rest der Familie wohnen jetzt 100 Meter weiter auf einem Matratzenlager in einem selbst gebauten Zelt. Dieses Schicksal teilen sie mit Tausenden anderen, die entweder ihre Häuser verloren oder Angst haben, dahin zurückzukehren. In der ganzen Stadt verteilt haben sich die Menschen auf den Grünflächen und Bürgersteigen eher schlecht als recht häuslich eingerichtet. Ihre Notdurft verrichten die Menschen hinter einer Plane auf einem Acker, oder einfach auf einem Stück Rasen hinter einer großen Werbetafel. Noch kommt der Gestank der Fäkalien nicht gegen den Geruch des Todes an. Aber die Menschen wissen nicht, wann ihr provisorisches Hausen ein Ende hat. Die hygienischen Bedingungen werden von Tag zu Tag schwieriger.

Die gewaltigen Ausmaße der Katastrophe in der gesamten Provinz fordern den Rettungskräften alles ab. Sie kümmern sich um die Bergung von Vermissten. Wer nicht in Lebensgefahr schwebt, spielt zunächst nur eine Nebenrolle. Es gibt dennoch einige, die sich darüber beklagen. „Die Stadtverwaltung hat sich hier noch nicht blicken lassen. Wir brauchen Hilfe“, sagt eine junge Frau. Dabei steht in ihrem Rücken ein Löschzug der Feuerwehr und versorgt die Menschen mit Wasser. Eine 40 Meter lange Schlange hat sich gebildet. Die Menschen schleppen Teekessel, Kochtöpfe, Waschschüsseln oder Eimer heran. Niemand kommt hier zu kurz. Auch zu Essen gibt es ausreichend. Drei Mahlzeiten verteilen die Helfer täglich. Es gibt Instantsuppen, zwei trockene Milchbrötchen und dazu Wasser. Es gibt sogar so viel davon, dass sie es mit Fremden teilen wollen. Die Verpflegung der Betroffenen in Dujiangyan ist das geringste Problem, weil die Infrastruktur nicht komplett zerstört ist und die Soforthilfe aus Peking Wirkung zeigt.

Während nur 50 Kilometer weiter in den Bergen eine noch größere humanitäre Katastrophe droht als ohnehin schon, weil die Überlebenden erst jetzt nach und nach wegen der blockierten Zufahrtsstraßen errreicht werden können, spielen sich in Dujiangyan kleine, persönliche Dramen ab. Ein Mann steht allein in den Trümmern eines Wohnhauses an einer verkehrsreichen Straße. Er trägt ein T-Shirt, eine kurze Hose und Turnschuhe. Mit bloßen Händen räumt er die Überreste des Gebäudes zur Seite, Stein für Stein, auf der Suche nach etwas, das die Rettungskräfte zwei Stunden zuvor aufgegeben haben zu suchen. Niemand hilft ihm mehr. Hin und wieder dreht er sich um und brüllt undeutlich in die Luft.

In einer Grünanlage haben es sich ein paar Schaulustige auf Holzstühlen bequem gemacht. Sie schauen zu, wie ein Bagger den Schutt einer Ruine von einer Seite auf die andere wuchtet. Weitere Rettungskräfte gibt es auch hier keine mehr. Ein Fotograf steht neben dem Bagger und schießt ein paar Bilder. Ein Mann und ein Mädchen suchen in dem Schrott nach persönlichen Überbleibseln. Neben dem Tennisplatz großen Haufen Schutt liegen drei Leichen. Wer nicht aufpasst, stolpert über sie. Mit Jacken sind ihre Gesichter bedeckt, niemand beachtet sie. Bergungskräfte sind abgerückt, Angehörige weit und breit nicht zu sehen. Andernorts in der Stadt dagegen werden Leichen von Familienmitgliedern lautstark betrauert. Doch um die Weinenden kümmert sich niemand. Die Soldaten sind mit Seelsorge völlig überfordert. Sie ignorieren das Leid. Aber sie lachen auch nicht, wenn jemand gerettet wird.

 

 

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