
Problembeladener Pick-up - 24.02.2010
Peking – Die chinesische Regierung verweigert dem geplanten Kauf der Geländewagenmarke Hummer durch einen privaten chinesischen Maschinenbauer offenbar ihren Segen. Seit Monaten warten der US-Autokonzern General Motors und Tengzhong Schwerindustrie-Maschinen Co. auf ein positives Signal aus Peking, um das Geschäft endlich unter Dach und Fach bringen zu können. Mehrfach haben die Vertragspartner die Frist verlängert, um den Behörden noch mehr Zeit einzuräumen. Vergeblich. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass der amerikanische Spritfresser in China offenbar nicht erwünscht ist.
Am 28. Februar läuft die letzte Frist ab, nachdem man sich zuvor schon einmal ergebnislos auf den 31. Januar als Ausweichtermin geeinigt hatte, und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die Regierung einem Kauf zustimmt. „Ich glaube nicht, dass der Termin ein weiteres Mal verschoben wird, um noch länger auf ein Okay der Behörden zu warten“, sagt der Automarkt-Analyst Jian Yang aus Shanghai. Das Desinteresse der Kommunistischen Partei hat mehrere Gründe. Der gewaltige Benzinverbrauch des Hummers und sein entsprechend schlechtes Image als Umweltverpester sei den Behörden ein Dorn im Auge, heißt es. Schließlich bastelt China an seinem Ruf als Auto-Nation mit Herz für die Umwelt. Eifrig arbeitet die Industrie am Durchbruch des Elektroautos. Wenn es eines Tages so weit sein sollte, will China weltweit Marktführer sein.
Doch noch wichtiger als das Ausrufezeichen in Sachen Umweltschutz scheint mangelndes Vertrauen der verantwortlichen Ministerien in die Sachkenntnisse der Maschinenbauer aus der Provinz Sichuan zu sein. „Das größte Hindernis ist, dass die Leute von Tengzhong keine Autobauer sind und im Management versagen könnten. Das Risiko ist der Regierung zu groß“, sagt Experte Jian.
Auf geschätzte 150 bis 200 Millionen Euro haben sich General Motors und Tengzhong als Kaufpreis für das angeschlagene Modell geeinigt. Chinesische Medien haben in den vergangenen Wochen darauf spekuliert, dass Tengzhong dringend auf Kredite angewiesen ist, um das Geschäft abzuwickeln. Sollte die Regierung dem privaten Unternehmen die Lizenz zum Autobau also wider Erwarten erteilen, dann würden zwangsläufig staatliche Gelder als Kredite an das Unternehmen fließen. Denn die Unterstützung durch die lokalen Behörden in Tengzhong wäre den gelernten Maschinenbauern gewiss. Schließlich ist die Bezirksregierung im höchsten Maße am Aufbau einer Produktionsstätte vor Ort interessiert, weil ihr eine sprudelnde Quelle für Steuereinnahmen winken würde. Mit dieser Aussicht könnten die Verantwortlichen Beamten örtliche Banken dazu anweisen, große Summen an Tengzhong zu verleihen, ohne mögliche strategische Schwächen des Unternehmens zu berücksichtigen. Zumal sich der Branchenneuling bei Produktion und Vertrieb zunächst ausschließlich auf internationalem und deswegen unbekanntem Terrain behaupten müsste.
Die finanziellen Risiken könnten zwar im Falle einer Produktion in China wegen deutlich geringerer Kosten drastisch sinken. Nach Berechnungen von Tengzhong würden die Kosten zur Herstellung eines Hummers im Reich der Mitte um rund 50 Prozent reduziert. Und auch über Absatzschwierigkeiten macht sich niemand wirklich Gedanken. „Der Bedarf nach diesen Fahrzeugen ist da“, sagt Analyst Jian. Ein großes Auto nutzen viele Chinesen, um ihren Wohlstand auf den Straßen anderen Verkehrsteilnehmern unter die Nase zu reiben. Es gilt die Faustformel: Je dicker, desto besser. Doch ehe es zum angekündigten Start einer eigenen Produktion in Sichuan käme, könnten Jahre vergangen und bereits Millionen versenkt worden sein. Schlimmstenfalls würde die Hummer-Sparte das Maschinenbau-Segment des Konzerns mit in den Abgrund reißen, und 5000 Angestellte wären von plötzlicher Arbeitslosigkeit bedroht.
Die Regierung zieht dieses Horrorszenario offenbar ernsthaft in Erwägung, obwohl sie in der Vergangenheit schon zweimal mit Erfolg Quereinsteigern die Lizenz zum Autobau erteilte. BYD sattelte einst von Batterien und Geely von Haushaltsgeräten auf Autos um. Doch in beiden Fällen übernahmen die Manager chinesische Fahrzeughersteller in den Kinderschuhen, nicht einen alten problembeladenen Pick-up aus Übersee. Das letzte Wort um den Verkauf der Sparte von General Motors an Tengzhong ist aber noch nicht gesprochen. „Das Geschäft ist noch im Bereich des Möglichen“, sagte Wang Keilin von der Tengzhong-PR-Firma Brunswickgroup der Süddeuschen Zeitung. Und auch ein Sprecher von General Motors bestätigte dem Wall Street Journal, dass man „weiterhin kooperiere“.
Denkbar ist der Kauf durch die Chinesen über eine ausländische Tochterfirma, über die das Unternehmen unter anderem in Hongkong verfügt. Diese Variante birgt die Möglichkeit, dass sich Tengzhong im operativen Geschäft in den USA zunächst einmal unabhängig und ohne finanzielles Risiko für chinesische Banken als geeignet erweisen könnte, Gewinn bringend Automobile herzustellen. Mit den erworbenen Meriten wäre ein erneutes Vorsprechen bei der Regierung denkbar. Doch dazu müssten auch ausländische Banken mitspielen, die dann als Kreditgeber herhalten müssten. Eine Garantie für eine spätere Lizenzierung durch die Regierung in Peking gibt es aber auch dann nicht für Tengzhong. Analyst Jian Yang ist deswegen skeptisch, was den Hummer-Kauf über Umwege angeht. „Das sind Geschäftsleute, die lieber heute, statt morgen Geld verdienen wollen. Das Ding ist durch.“