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Bei Anruf Zensur - 23.03.2010

Peking – Wären alle chinesischen Ämter so effektiv wie die Internet-Zensurbehörde des Landes, bliebe vielen Bewohnern eine Menge Ärger und Zeit erspart. Oft vergehen nur wenige Stunden, manchmal sogar nur Minuten zwischen der Veröffentlichung bis zur Blockierung von Inhalten, die im Sinne der Kommunistischen Partei anstößig oder gefährlich sind. Das Ministerium für Staatssicherheit koordiniert die virtuellen Razzien. Mehrere Ministerien arbeiten ihm zu. Geschätzt wird, dass China für seine Great Firewall, wie die chinesische Internet-Zensur genannt wird, mehrere Zehntausend Mitarbeiter und eine kostspielige Technologie einsetzt. Der Aufwand gilt als weltweit einzigartig.

Automatisch blockiert das System mit Hilfe von Schlüsselwörtern große Teile der unerwünschten Inhalte, gerade auch aus dem Ausland. Immer wieder rutscht aber etwas durch, was dann nachträglich von den Mitarbeitern blockiert wird. Kommentare und Beiträge in Internetforen oder Blogs werden nach regierungskritischen Inhalten durchforstet. Für Betreiber von Suchmaschinen ergeben sich auf diesem Markt gewisse Zwänge. Die Regierung fordert sie dazu auf, aktiv bei der Zensur mitzuarbeiten, indem sie ihre eigenen Suchergebnisse manipuliert. So bleibt die Existenz delikater Internetseiten einer breiten Masse von Nutzern von vornherein verborgen.

Je größer die Bereitschaft der Suchmaschinenbetreiber zur Mitarbeit ist, desto weniger Schwierigkeiten bereiten die Behörden dem operativen Geschäft der Firma. Zu solchen Hindernissen zählen die kurzzeitige Blockierung der Seite, was den Anbieter Nutzer und damit bares Geld kostet. Wenn wie im Fall Google das Unternehmen zu gar keiner Zensur mehr bereit ist, droht China kurzerhand mit Rauswurf aus dem Land. Die chinesische Suchmaschine Baidu gilt dagegen als Liebling der Behörden, weil die Betreiber keinen Wunsch der Zensoren ausschlagen. Bei Anruf Zensur, sozusagen.

Die enge Kooperation mit der Regierung gilt als solide Basis des Erfolges von Baidu, weil es sich dadurch Wettbewerbsvorteile verschafft. Fast 60 Prozent der Suchanfragen auf Chinesisch durch die fast 400 Millionen Internetnutzer im Land erfolgen über Baidu. Google gilt aber unter Fachleuten im Vergleich zu Baidu als Hightech-Suchmaschine und schlüpfte in die Rolle des einzigen echten Herausforderers. Immerhin erreichte Google nach jüngsten Berechnungen rund 35 Prozent Marktanteil seit 2006. Den Rest des Marktes von wenigen Prozentpunkten teilen sich Yahoo und Microsofts Bing aus den USA sowie die Suchmaschinen der chinesischen Online-Unternehmen Sohu und Netease.

Der Markt bereitet sich auf seine Neuordnung vor, seit Google im Januar als Folge dubioser chinesischer Hackerangriffe mit seinem Rückzug drohte. „Die chinesischen Anbieter haben mit einer aggressiven Expansionsstrategie begonnen, um Marktanteile von Google abzugreifen“, sagt Lin Juan vom Technologie-Forschungsunternehmen Wegde MKI in Peking. Bei Bing und Yahoo dagegen sei kaum Bewegung auszumachen. Das wird als Anzeichen dafür gewertet, dass die Ausländer die vakanten Anteile kampflos Preis geben. Webkataloge, die das Angebot von Internetseiten nach Themenfeldern sortieren, ehe man auf sie zugreift, spielen in China praktisch keine Rolle.

Google wurde für das Jahr 2010 ein Umsatz von 450 Millionen Euro prognostiziert. Geschätzte 300 Millionen davon hätten chinesische Werbekunden in die Kasse gespült. Experten sagen voraus, dass der Großteil dieser Summe jetzt an Baidu geht. Dort erwartet die potenziellen Neukunden allerdings weniger Gegenleistung für ihr Geld als noch vor einem Jahr. Denn Baidu hat die Preise im Laufe des vergangenen Jahres erhöht. Ein Kunde zahlt für einen Klick, der über eine Baidu-Verknüpfung generiert wird, heute deutlich mehr. „Klicks, die früher vielleicht drei Yuan gekostet haben, kosten jetzt fünf Yuan“, sagt Online-Expertin Lin.

 

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