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Vom Computer-Freak zum Popstar - 04.02.2010

Peking – Die Fangemeinde stimmte zum Jubeln an, als der Internetpionier bei der Baidu-Konferenz für Innovationen die Bühne betrat. Einige streckten Plakate in die Luft. Der Name Robin Li stand darauf geschrieben. Solche Aufwartungen sind sonst eher Popstars vorbehalten. Unternehmer sind so etwas nicht gewöhnt. Im Fall von Robin Li sind die Grenzen fließend. Er ist Unternehmer, wird aber von jungen Chinesen verehrt wie ein Popstar, weil er aufgestiegen ist in die Weltspitze einer Branche, die den Globus rockt. Außerdem ist er attraktiv und erst 41 Jahre alt. Wenn China nicht so konservativ wäre, hätten einige Damen an diesem Tag wahrscheinlich ihren Wunsch zur gemeinsamen Elternschaft mit Robin Li über ein Plakat mitgeteilt. So blieb es beim Namen.

Li stellte den Zuhörern das Zukunftskonzept seiner Suchmaschine Baidu vor und ließ keinen Zweifel daran, dass es seine Firma sein werde, die Vorreiter für das sogenannte „Box Computing“ wird; eine Technik, die dem Nutzer die Suche nach bestimmten Inhalten im Internet weiter erleichtern und sie noch individueller zuschneiden soll. Die Fans jubelten, viele Experten aber reagierten gelangweilt auf die Ankündigung von Li im vergangenen August. Doch wenn Li Ideen hat, sind negative Urteile, die vorschnell gefällt werden, oft falsch.

So wie im Jahr 1996, als er für IDD Information in den USA arbeitete. Der junge Mann, der erst zwei Jahre zuvor seinen Abschluss in Computer-Wissenschaften an der State University of New York in Buffalo gemacht hatte, entwickelte eine Methode, mit der Internetseiten nach der Anzahl ihrer Verlinkungen zu anderen Seiten geordnet werden. „Ich war sehr aufgeregt, aber mein Boss war es nicht“, erinnert sich Li an diesen Tag. Der Vorgesetzte verkannte das Potenzial. Heute zählt das „Link analysis“ zur Standardsoftware von Suchmaschinen.

Andere lagen auch daneben. John Wu, der in den 90er Jahren für das US-Unternehmen Yahoo Software entwickelte, gesteht heute ein, dass er den Riecher von Li für den Aufbau einer Suchmaschine unterschätzte. 1998 saßen er und Li, damals bei Infoseek angestellt, gemeinsam mit Eric Xu, dem späteren Mitbegründer von Baidu, bei einem Picknick im amerikanischen Computer-Mekka Silicon Valley. „Niemand steckte damals seine Energie in Suchmaschinen, aber Robin glaubte fest an diese Idee“, sagte Wu einst der New York Times. Seine Überzeugungen und seine Zielstrebigkeit haben Li zu einem reichen Mann gemacht. In der aktuellen Hu-Ren-Liste der reichsten Chinesen rangiert er mit einem Vermögen von rund 1,5 Milliarden Euro auf Platz 31.

Seine Familie hätte sich so einen Großverdiener in ihren Reihen kaum erträumen lassen. Li stammt aus der Provinz Shanxi, einige 100 Kilometer westlich von Peking. Seine Eltern arbeiteten in einer Fabrik. Mit vier Schwestern wuchs er zu Zeiten der Kulturrevolution auf. „Unsere Familie hat keine Hintertür. Wenn du einen guten Arbeitsplatz willst, musst du hart arbeiten und die Universität besuchen“, hat ihm einst seine Mutter mit auf den Weg gegeben. Robin, der eigentlich Yanhong mit Vornamen heißt, schaffte es bis an die beste Universität des Landes, die Beida - die Peking-Uni. Er beendet 1991 sein Studium des Informations-Managements, ein Fach, das auch die Basis bilden kann, um eine Karriere im Geheimdienst zu starten. „Meine Schwester studierte in den USA. Sie sagte mir, wie aufregend und bunt das Ausland ist“, erzählte Li als Gastredner der Peking-Uni bei der Examensfeier 2008 den Studenten.

Doch das Ausland nutzte Li nur als ein Sprungbrett für die eigenen Ambitionen in seiner Heimat. Das erste Büro von Baidu waren zwei Hotelzimmer in Peking. Heute ist das Zentrum seines Imperiums größer als jedes Luxushotel der Stadt. Die Sonne spiegelt sich in den verglasten Fassaden in dem Bürokomplex im Pekinger Nordwesten. Am Eingang messen junge Männer mit einer Laserpistole die Körpertemperatur der Besucher. Spontan vorbei zu schauen im Herzen der Suchmaschine lohnt sich in jedem Fall. Wenn der Boss nicht zur Verfügung steht, spendiert die Firma sozusagen als Entschädigung ein kostenloses T-Shirt, ein paar Info-Bücher und wenn man lang genug wartet sogar eine Tasse Tee.

Der Erfolg von Baidu aber, so werfen Kritiker Li vor, basiere auf der uneingeschränkten Bereitschaft des Unternehmens, den Forderungen nach Zensur durch die chinesische Regierung nachzukommen. Den Vorwurf wehrt Li ab. Baidu müsse sich als chinesisches Unternehmen den Gesetzen des Landes unterwerfen. Auch die Verlinkung zu illegalen Download-Seiten lässt Li als Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs nicht gelten. Seine Firma stelle schließlich nicht die Inhalte anderer Seiten, argumentiert er. 2005 brachte Li das Unternehmen an die Börse in den USA. Seitdem ist Baidu im Nasdaq-Index notiert. Der Startpreis lag bei 27 US-Dollar. Beim Börsenschluss am vergangenen Mittwoch kostete eine Aktie 440 US-Dollar. Mitbegründer Eric Xu erlebte die Meilensteine der Firmengeschichte nur noch aus der Distanz. 2004 verließ er das Unternehmen. Man habe sich nicht auf eine neue Verteilung der Verantwortung einigen können, hieß es damals.

Mancher mutmaßt, dass es auch an Li persönlich liegt, dass hochqualifizierte Mitarbeiter andere Wege einschlagen. Vor wenigen Tagen gab es eine erneut markante Personalentscheidung. Der Technologie-Chef Li Yinan verließ die Firma. In der Branche gilt Li Yinan als Genie auf seinem Gebiet. „Wenn es um die Firma geht, ist Robin Li ein sehr aggressiver Typ. Damit kommt nicht jeder auf Dauer klar“, sagt Xiang Ligang, Gründer der Telekommunikations-Webseite cctime.com. Trotz seines eher defensiven Auftretens in der Öffentlichkeit beschreiben Mitarbeiter Robin Li als im höchsten Maße selbstbewusst. „Er ist absolut überzeugt von seine Urteilen, die er fällt. Und er mag es überhaupt nicht, wenn man ihn kritisiert“, sagt die Pekinger Online-Forscherin Lin Juan. Auf absehbare Zeit wird niemand bei Baidu die Stellung des Firmengründers herausfordern können, glaubt Lin.


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