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Ort des Grauens- 13. Mai 2008

Dujiangyan. Immer wieder diese Feuerwerkskörper. Eine Salve für jeden Toten. Es werden über 50 Salven an diesem Nachmittag. Im Zehn-Minuten-Takt zieht die Bergungsmannschaft leblose Körper aus dem gewaltigen Schutthaufen mitten in der südwestchinesischen Stadt Dujiangyan. Bis Montagmittag stand hier im Bezirk Juyuan eine Mittelschule. Doch das schwere Erdbeben in der Sichuan-Provinz hat die Schule komplett zerstört und das Unglück über die Stadt und seine Bewohner gebracht.

Mehrere Hundertschaften Soldaten sind angerückt und fassen mit an. Die Männer in den grünen Uniformen der Volksbefreiungsarmee sind kaum älter als viele der Opfer und schauen finster drein, als sie ein Spalier bilden für ihre Kollegen. Diese schleppen die Toten auf herausgerissenen Türen von den Trümmern 50 Meter weit durch die Menschenmenge zu den Zelten zur Desinfizierung der Leichen. Jedes mal wenn die Soldaten durch die Menge hetzen, drängen die Leute dichter an das Spalier heran, um einen Blick zu erhaschen. Viele suchen ihre Kinder und hoffen auf ein Wunder. Doch Wunder sind rar, und Lebende sind seit der Nacht nicht mehr geborgen worden.

Eine Frau verliert die Nerven und bricht durch die Absperrung verdutzter Polizeibeamter und Soldaten. Doch sie kommt nicht weit und wird zurückgedrängt. Die Frau tobt und schreit. „Das geht hier alles viel zu langsam“, brüllt sie. Die Wut hat in diesen Augenblicken ihre Angst verdrängt. Sie bildet die Ausnahme unter den Angehörigen. Die meisten anderen, die auf Rettung für ihre Lieben hoffen, blicken tief verunsichert. Ein vielleicht 17 Jahre altes Mädchen weint hemmungslos. „Mein Bruder steckt unter den Trümmern. Er ist gerade erst neun Jahre alt geworden. Ich weiß nicht, ob er noch lebt“, sagt sie. Die gleiche Ungewissheit quält fast alle, die hier warten und dabei dem strömenden Regen trotzen. Der Großteil der insgesamt 900 begrabenen Schüler ist noch nicht geborgen. Die Wetterbedingungen erschweren die Arbeit der Helfer. Zehn Stunden nach dem Beben hat es angefangen zu regnen. Seitdem prasselt es fast unaufhörlich.

Das Ausmaß der Katastrophe in Dujiangyan hätte deutlich kleiner sein können, glauben einige Bewohner. „Die lokale Regierung ist korrupt und hat mit dem Bauunternehmen gemeinsame Sache gemacht. Man wollte billig bauen und hat bei der Sicherheit gespart. Sie sind verantwortlich, dass dieses Gebäude zusammengebrochen ist“, traut sich ein Mann gegenüber ausländischen Journalisten zu sagen. Andere stehen daneben und nicken. Das Gebäude war gerade einmal 14 Jahre alt. Während die vierstöckigen Häuser samt Studentenwohnheim drumherum gänzlich unbeschädigt aussehen, hat die Schule das Beben nicht überstanden. Nicht einmal ein paar Minuten. Es brach wie ein Haus aus Bierdeckeln kurz nach der Erschütterung der Stärke 7,9 auf der Richterskala in sich zusammen. Kaum ein Schüler, der sich zu diesem Zeitpunkt im Gebäude aufhielt, hatte eine Chance, sich in Sicherheit zu bringen. „Meine zwei Mädchen haben es überlebt. Sie sind schneller gelaufen als die anderen“, sagt ein Mann, der so klingt, als könne er selbst kaum glauben, was er erzählt. Der Mann und seine Mädchen gehören zu den wenigen Glückskindern dieser Tage, die vom Schicksal geküsst wurden.

Chinas Premierminister Wen Jiabao war unmittelbar nach Bekanntwerden der Katastrophe nach Dujiangyan gereist und sich an den Rettungsaktionen beteiligt. Mit Schutzhelm auf dem Kopf sendete er in der Nacht per Megaphon Durchhalteparolen in die Trümmer. Aber die Zeit wird knapp. Einige Mitglieder der Bergungsmannschaft aber müssen dringend durchschnaufen und machen unter einer Plane eine kurze Pause. Ihre Gesichter sind starr. Sie reden nicht, sie trinken nur etwas. Sie sehen aus, als hätten sie sich in unsichtbare Folie gehüllt, die die schrecklichen Bilder abwehrt, ehe sie unter die Haut gehen. Auch etliche Ärzte sind vor Ort. „Das ist alles sehr, sehr traurig“, sagt ein junger Doktor. Kurz zuvor hat er ein junges Mädchen tot aus den Trümmern gezogen.

Dann passiert doch noch ein Wunder. Um acht Uhr abends Ortszeit, als die Dunkelheit bereits über der Unglücksstelle eingebrochen ist, werden zwei Mädchen lebend geborgen. Sie sind schwer verletzt, aber sie leben. Zwei Stunden zuvor schwappte schon einmal diese Hysterie der Hoffnung durch den Ort des Grauens. Zwei Ärzte versuchen, einen Teenager zu reanimieren, der gerade eben geborgen wurde und schwache Lebenszeichen von sich gibt. Schließlich aber verfinstern sich die Mienen der Ärzte, die Angehörigen wenden die Köpfe ab, lassen die Schultern fallen. Dann schließen sich die Türen des Wagens. Er rollt los. Niemand, der hier zurückbleibt, weiß, ob der Junge noch eine Chance hat.

 

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