
Auf "Kooperation" gedrängt - 2. Mai 2008
Ein anderer Korrespondent muss sich zum Datentransfer auf einen Server in Deutschland einwählen. In Tibet sterben gerade Menschen. Der Transfer ist derart langsam, dass die Übertragung nach wenigen Minuten abbricht. Um dem Problem auf die Spur zu kommen, installieren die Betreiber des Servers eine neue Sicherheitssoftware. Diese registriert fortan bis zu zehn Hacker-Angriffe pro Minute und lokalisiert den genauen Ausgangspunkt der Attacken. Sie stammen von einem Computer aus Peking. Ist auch das Zufall?
Ausländische Journalisten haben in China nicht nur mit
ominösen Technikproblemen zu kämpfen. Sie werden seit Beginn der
Tibetkrise zum Teil mit dem Tod bedroht. Der Klub der Auslandskorrespondenten
FCCC in Peking, der 325 Mitglieder zählt, notierte zehn Fälle, in
denen Reporter anonyme Todesdrohungen erhalten haben. „Wir fordern die
Behörden auf, diese Vorfälle zu untersuchen“, sagt die FCCC-Vorsitzende
Melinda Lu. Die Behörden tragen eine Mitschuld an der Eskalation. In
einer beispiellosen Hetzkampagne wurden ausländische Medien und Journalisten
namentlich auf den Titelseiten chinesischer Zeitungen denunziert, weil man
ihnen Voreingenommenheit vorwirft. Zum Teil wurden die Korrespondenten öffentlich
für Fehler verantwortlich gemacht, die in deren Heimatredaktionen fabriziert
wurden. Die Schärfe der Attacken gegen die Ausländer stünde
dabei in keiner Relation zur Schwere der Fehler, empfinden Betroffene. „Diese
Hasskampagne vergiftet die Atmosphäre vor den Olympischen Spielen“,
sagt Melinda Lu.
Doch schon weit vor der Tibetkrise wurde deutlich, dass die olympischen Regularien,
die in China seit 1. Januar 2007 für ausländische Journalisten gelten,
nicht konsequent umgesetzt werden. Reisefreiheit und die freie Wahl der Interviewpartner
sollten im Gegenzug für die Vergabe der Spiele an China gewährleistet
sein. Die Realität aber sieht anders aus. „Es dauert, bis alle
Funktionäre in den entlegensten Winkeln des Landes diese Regeln verstanden
haben“, drückte es kürzlich ein Sprecher des Außenministeriums
sehr diplomatisch aus.
Beispiel Aids: Tief versunken auf der Rückbank eines Autos, mit Mütze auf dem Kopf und Sonnenbrille auf der Nase gelangt ein ausländisches Reporterteam mit Hilfe chinesischer Mittelsmänner zunächst ohne viel Aufsehen in eines der sogenannten Aids-Dörfer in der Henan-Provinz, um mit den Bewohnern zu sprechen. In diesen Orten haben sich große Teile der Bevölkerung in den 90er Jahren bei öffentlichen Blutspende-Aktionen mit dem HI-Virus angesteckt. Doch recherchierende Journalisten können hier nur wenige Stunden ihre Anwesenheit vor den Behörden verheimlichen. Irgendwann bekommt ein vielleicht geschmierter Spitzel ihren Besuch mit und verrät ihre Absichten. Wer den Behörden hier dennoch glücklich entwischt, muss damit rechnen, spätestens bei den eigens errichteten Polizeikontrollen irgendwo anders im Regierungsbezirk ins Netz zu gehen.
Die Journalisten werden an der Weiterreise gehindert und zur
„Registrierung“ gebeten. Dann wird von den Zivilbeamten nachdrücklich
auf „Kooperation“ gedrängt. Im Klartext: Foto-, Film- und
Tonbandaufnahmen sollen herausgegeben werden.
Zum Glück für die Ausländer gibt es im Pekinger Außenministerium
inzwischen eine Hotline für genau solche Fälle. Die Beamten in der
Hauptstadt erinnern die Bezirksvertreter eindringlich an die Tatsache, dass
es keine Handhabe gibt, den Journalisten wegen ihrer Recherchen illegale Praktiken
nachzuweisen. Ein Mittel, das vor 2007 häufig Wirkung gezeigt hatte.
Dafür aber greifen einige lokale Vertreter zu anderen Maßnahmen:
Drohungen gegen Informanten oder Helfer der Journalisten. „Wenn sie
nicht kooperieren, ist das Schicksal ihres Fahrers besiegelt“, sagt
man den Reportern.
Beispiel Umwelt: Die Stadt Linfen in der Kohle- und Stahlprovinz Shanxi zählt laut dem New Yorker Blacksmith-Institut zu den zehn verschmutztesten Orten der Welt. Wer als Journalist bei der Arbeit erkannt wird, hat Beobachter im Nacken. Mit Behördenfahrzeugen des Typs VW-Jetta folgen die Beamten in Linfen den Korrespondenten auf Schritt und Tritt. Nur wem es gelingt, die Verfolger abzuschütteln, hat die Möglichkeit, Bilder und Filmaufnahmen von verseuchten Trinkwasserquellen zu schießen, oder sich auf die Suche nach Abwasserrohren zu begeben, wo ungefiltert Krebs erregende Substanzen in den Fluss geleitet werden.
Wer in dieser Stadt Gesprächspartner sucht, die öffentlich über die gesundheitlichen Folgen der Umweltverschmutzung für die Bewohner reden, wird nur sehr schwer fündig. Ein Arzt, der in einem Krankenhaus Ausländern ein Zeitungs- und TV-Interview gegeben hatte, änderte kurzfristig seine Bereitschaft zur Veröffentlichung, nachdem zwei Personen der Krankenhausleitung sein Sprechzimmer betraten. Energisch verlangte der Arzt fortan, alle Aufnahmen von ihm herauszugeben. Die Tür wurde dabei von drei Männern versperrt, die offenbar kurzfristig von der Krankenhausleitung organisiert worden waren. Nahezu panisch bestand der Arzt auf die Zerstörung der Bänder und Fotos vor seinen Augen. Seine Beweggründe behielt er für sich.