
21.01.2008 - Hu Jia weiter in Haft
Alle Einwände aus westlicher Richtung haben bislang nicht dafür gesorgt, dass der Menschenrechtsaktivist Hu Jia aus der Haft entlassen wird. Seit dem 27. Dezember 2007 sitzt der 34-Jährige wegen des Vorwurfs der Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt im Gefängnis. Die öffentliche Forderung des Europäischen Parlaments nach seiner Freilassung blieb vorerst wirkungslos.
Hu Jia zählt zu den prominentesten Aktivisten Chinas, seitdem er im Jahr 2004 zum 15.Todestag des früheren Parteichefs Hu Yaobang Blumen am Platz des Himmlischen Friedens niederlegte, um damit gleichzeitig der Opfer vom 4. Juni 1989 zu gedenken. Der Tod Hu Yaobangs am 15. April 1989 entflammte die lodernde Demokratiebewegung der Studenten aus dem Jahr 1986 aufs Neue. Der Parteifunktionär galt als Symphatisant der Studentenbewegung.
Wir haben Hu Jia am 28. November vergangenen Jahres kennen gelernt, als wir ihn in seiner Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Pekinger Vorstadt besuchten. Seine Frau Zeng Jinyan hatte nur zwei Wochen zuvor ein Kind geboren. Hu Jia stand zu diesem Zeitpunkt seit über einem halben Jahr unter Hausarrest, der nach der Geburt der Tochter minimal gelockert wurde. So durfte er fortan unter strengster Beobachtung der Staatssicherheit zum Einkaufen in den Supermarkt.
Im Jahr 2006 zählte Hu Jia insgesamt 289 Tage Hausarrest sowie 41 Tage Verschleppung durch die Polizei. Seine Frau wurde nicht über die damalige Festnahme informiert. Man warf ihr vor, sie selbst würde ihren Mann verstecken. Hu Jia trat in den Hungerstreik und blieb nach eigenen Angaben 30 Tage lang ohne feste Nahrung. Schließlich entließ man ihn zurück in den Hausarrest.
Im Herbst vergangenen Jahres waren Zeng Jinyan, die als Bloggerin im Internet die Menschenrechtsverstöße in China beschreibt und moniert, und Hu Jia für den Sacharow-Preis 2007 nominiert. Der Sacharow-Preis ist eine Auszeichnung, die jährlich vom EU-Parlament verliehen wird. Sie würdigt den Kampf für Menschenrechte und für geistige Freiheit. Im November 2007 wurde Hu Jia via Webcam aus Peking zu einer EU-Debatte zum Thema "Menschenrechte in China im Vorfeld der Olympischen Spiele" zugeschaltet. Die Ausschussvorsitzende gratulierte damals Hu Jia zu seinem Mut und sicherte ihm die Unterstützung des Europäischen Parlaments zu.
Das folgende Interview ist ein Auszug aus unserem rund zweieinhalbstündigen Gespräch vom 28. November 2007, gut einen Monat vor seiner Festnahme.
Frage: Seit wann stehen sie unter
Hausarrest?
Hu Jia: „Seit dem 18. Mai. Zurzeit bewachen
12 bis 14 Beamte Tag und Nacht unsere Wohnung. Man hat mir gesagt, dass ich
vielleicht nach Olympia wieder freikomme.“
Frage: Sie engagieren sich für
Aids-Kranke und für die Umwelt. Seit wann fürchtet die Regierung
Sie?
Hu Jia: „Erstmals festgenommen wurde
ich 2002, als ich eine Hilfsaktion für die Aids-Dörfer in Henan
organisiert habe. 2004 habe ich am 15.Todestag des früheren Parteichefs
Hu Yaobang Blumen am Platz des Himmlischen Friedens niedergelegt. Seitdem
reagieren die Behörden sehr sensibel auf mich. Dort Blumen niederzulegen,
das wagt fast niemand. Aber für mich war das niemals etwas Politisches.
Es wurden so viele Menschen ermordet, ich sah das Blut mit meinen eigenen
Augen. Wie kann ich da meinen Mund halten und nichts tun? Für all die
Opfer muss ich etwas tun, auch wenn ich dafür bezahlen muss.“
Frage: „Die Blumen waren ein
politisches Statement von Ihnen!“
Hu Jia: „Ich wollte nie etwas politisieren.
Es ist die chinesische Regierung, die diese Dinge politisiert. Sie fürchten,
wenn du Fakten aufdeckst, könnten sie ihr Gesicht verlieren, ihren politischen
Einfluss und damit ihrer Karriere schaden. Außerdem fürchten sie
die Offenbarung der Korruption in unserem Land.“
Frage: Welchen Einfluss haben ihrer
Meinung nach die Olympischen Spiele auf Chinas politische Verhältnisse?
Hu Jia: „Die Menschen in China und die
internationale Gemeinschaft hoffen, dass Olympia mehr Freiheit für das
Land bringt. Die Partei aber will ihre Dominanz verstärken. Deswegen
unterdrückt sie Menschen, die anderer Ansicht ist als sie selbst. Die
Kommunistische Partei will ihre Politik mit Hilfe der Olympischen Spiele legitimieren.
Sie wollen Olympia so für ihre Zwecke nutzen, wie es 1936 die Nazis in
Berlin getan haben.“
Frage: Wie sehen Sie Chinas Zukunft?
Hu Jia: „Ich bin ein Optimist. Ich denke,
es ist Zeit, dass sich unser Land nach mehr als 5000 Jahren Geschichte von
einer Diktatur in eine Demokratie verwandelt. Das ist das größte
Ziel meines Lebens. Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich in solch
einer Zeit lebe. Wir können an dem Prozess teilhaben und ihn vorantreiben.
Das ist eine große Ehre.“
Frage: Denken Sie manchmal daran,
ihren Kampf angesichts Ihrer Situation aufzugeben?
Hu Jia: „Nein. Je mehr ich in der Vergangenheit
unter Druck gesetzt wurde, desto mehr wuchs in mir das Bewusstsein, dass ich
das Richtige tue. Meine Eltern waren bereits aktiv während der Kulturrevolution.
Sie haben selbst ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich heute.