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Virtuosen im Fünfjahresplan - 30.12.2009

Donggaocun – Ein Pekinger Taxi, aus dessen Stereoboxen Ludwig van Beethoven oder Richard Strauss erklingen, ist schon für sich genommen eine außergewöhnliche Rarität. Das wäre so, als wenn ein Münchener Taxifahrer seine Gäste mit den schrägen Klängen der chinesischen Oper verzücken wollte. Doch ausgerechnet dieses Pekinger Taxi an einem winterlichen Morgen zu erwischen, an dem das Reiseziel die Stadt der Violinen heißt – eine Autostunde östlich von Peking – das grenzt schon an Vorbestimmung. Fahrer Wang bietet zudem die tenore Begleitung zu dem Szenario: „Dadadiii dadadaaa“. Die musikalische Untermalung regt die Fantasie an während der Fahrt. Wie elegant sieht wohl der Ort aus, der mehr als eine Viertelmillion Streichinstrumente im Jahr produziert, in dem tausende Schulkinder zum Violinen-Unterricht ermuntert werden, und in dem die Behörden eine Papierfabrik in eine Geigen-Manufaktur verwandelt haben, um die Umwelt zu entlasten? „Dadadiii, dadadaaa.“

Kaum hat man die Autobahn verlassen und fährt nach Donggaocun ein, wird man brutal aus allen Träumen gerissen. Das geistig komponierte Bild einer Stadt der Geigen wird zerstört wie die Stimmung beim Klammerblues, wenn die Plattennadel quer über das Vinyl schleift. Wo sind die Eleganz und der Feinsinn? Hier sieht es mehr nach Heavy Metal aus. Die Hauptstraße ist über mehrere 100 Meter komplett aufgerissen, einige Häuser an den Straßenrändern halb abgerissen, Schutthaufen hoch wie Deiche säumen die Straße. Knatternde Dreiräder schießen ihre ungefilterten Abgase in die Luft, das schmuddelige Wetter legt sich feuchtkalt über die Sinne. Ehe der Anblick dieses Ortes die Grazie erreicht, die der Klang einer Geige besitzt, gibt es noch reichlich zu tun.

Aber die Stadtväter sind fest entschlossen, Donggaocun in einen lukrativen Touristenmagneten zu verwandeln, obwohl es keine Tempel, keine Große Mauer und keine Terrakotta-Armee gibt. Das ist ein ehrgeiziges Ziel in einem Land, in dem die Konkurrenz an Sehenswürdigkeiten dermaßen groß ist. Deswegen hat die örtliche Regierung das Projekt „Melodie der Geige“ gestartet. Die Kinder der Region sollen strategisch zu Virtuosen an der Violine erzogen werden, angefangen in der Schule und in kommunistischer Tradition mit Fünfjahresplänen. Die Stars von Morgen sollen der Gemeinde erst einen Namen machen als Heimat berühmter Musiker und später ihre künstlerischen Fähigkeiten als Tester, Produzenten oder Berater in die örtliche Geigenbau-Industrie einbringen. Langfristig soll dadurch die Qualität der Produktion erhöht, das Image des Ortes aufgewertet und schließlich mehr Geld in die Stadtkasse gespült werden. Für Donggaocun ist es wohl die einzige Chance, im gnadenlosen Kampf der chinesischen Kleinstädte und Bezirke ein Stück wirtschaftliche oder kulturelle Bedeutung im Riesenreich zu ergattern. Das schmucklose Fleckchen wittert in der Nische ein Schlupfloch zum Wohlstand und nationalen Ruhm.

Von dieser Last wissen die 15 Zweitklässler im Musikraum der örtlichen Grundschule Dawang Wu an diesem Nachmittag wohl noch nichts. Die Tonleiter oder eine entspannte Körperhaltung bereiten für den Augenblick genug Sorgen. Es ist nicht so einfach bei den Temperaturen an diesem Tag, beweglich zu bleiben. Der Raum ist unbeheizt, die Kinder tragen dicke Anoraks, manche auch Schals und Ohrenschützer. Auch Lehrer Gao Defa trägt eine Winterjacke. Er geht durch die Reihen und korrigiert Fehlhaltungen der Kinder. Die starren ihren Lehrer gebannt an und lauschen seinen Anweisungen. „Ihr müsst das Handgelenk locker halten. Und setzt den Bogen nicht mit ganzer Breite auf die Saiten auf. Dann klingt es besser“, sagt er.

Die Grundschule Dawang Wu ist das Versuchsmodell für die Behörden. Seit 2005 steht hier der Geigenunterricht als Wahlfach auf dem Stundenplan. Niemand muss, aber jeder darf, lautet das Konzept. Für unmusikalische oder unwillige Schüler gibt es alternativen Musikunterricht. Die Instrumente stellen die Behörden zur Verfügung. Die Geige kommt bei den Kindern offenbar gut an. An dieser Schule sind es rund 100, die sich mehr oder minder erfolgreich an der Violine versuchen. Wegen des Erfolges wurde das Projekt im Laufe der Jahre auf sieben weitere Schulen im gesamten Distrikt ausgedehnt. Nicht jedes Kind ist dabei getrieben von der Liebe zur Musik. „Meine Eltern haben gesagt, dass sie mir eine Geige kaufen, wenn ich Unterricht nehme“, sagt ein erheblich übergewichtiger Achtjähriger mit einem breiten Grinsen.

Tief in die Tasche greifen müssen die Eltern nicht, wenn der Junge seinen Teil der Abmachung einhält. Das Angebot an billigen Modellen in Donggaocun ist riesengroß. 180 Yuan, umgerechnet weniger als 20 Euro, kostet die Einstiegsvioline. Neun Fabriken und 150 kleine Manufakturen stellen pro Jahr mehr als 250.000 Streichinstrumente her. Die allermeisten davon sind Geigen, hinzu kommen ein paar Tausend Cellos und Kontrabässe. Die Behörden sagen, 30 Prozent der weltweit produzierten Geigen würden aus ihrer Gemeinde stammen. Nur in wenigen anderen Orten der Welt ist die Kapazität vergleichbar groß. Einer davon liegt ebenfalls in China, rund 1000 km weiter südlich in der Provinz Jiangsu. „Von diesem Ort habe ich schon mal gehört“, sagt Lü Siqing. Sie ist Vizedirektorin von Huadong, dem größten Geigen-Hersteller in Donggaocun, der jährlich mehr als 200.000 Instrumente herstellt. Lü verspürt keine große Lust, über die Konkurrenz im eigenen Land zu plaudern. Der Großraum Taixing in der Nähe von Schanghai hat in der Anzahl produzierter Geigen immer noch die Nase vorne. Mit dem erhofften Qualitätsgewinn durch das Projekt „Melodie der Geige“ will Donggaocun nun Marktanteile hinzugewinnen und zum Synonym für die chinesische Geigenproduktion avancieren.

Jede Familie in Donggaocun hat praktisch ein Mitglied, das in der Branche arbeitet. Huadong ist der größte Arbeitgeber mit über 1000 Beschäftigten. Die wenigsten arbeiten in der Werkstatt der hochwertigen Instrumente. Zwei Dutzend Männer und Frauen sägen, hobeln und feilen an den Vorzeigestücken der Firma. Dorthin, wo der Großteil der Belegschaft arbeitet und Masse produziert, verwehrt Vizedirektorin Lü Besuchern den Zugang. „Wir arbeiten an einer neuen Produktionstechnik, die wir noch geheim halten wollen“, behauptet sie.

1988 startete das Unternehmen Huadong, an dem die Lokalregierung größter Teilhaber ist, die Herstellung. Damals suchte das kleine Nest neben dem Pfirsichanbau ein weiteres Geschäftsfeld. Die Verantwortlichen hielten Geigenbau für eine gute Idee, weil die weltweiten Exporte von Streichinstrumenten von den Herstellern in der Nähe von Shanghai kontinuierlich geklettert waren und sich dort zur soliden Einnahmequelle entwickelt hatten. Also schickte Donggaocun den späteren Firmengründer Liu Yundong zu einem Pekinger Geigenbauer in die Lehre, um die Grundlage für den Aufbau der Industrie zu legen. Schnell wuchs Huadong zu einem Massenproduzenten heran. Vom Erfolg des städtischen Unternehmens inspiriert stiegen etliche Privatleute in die Branche ein.

Geng Guosheng beispielsweise ernährte Anfang der Neunziger Jahre seine Familie noch mit Arbeit auf dem Feld. Heute verkauft seine private Manufaktur in guten Zeiten rund 2000 Geigen pro Jahr. In diesem Jahr waren es nur 700 Einheiten, weil die Wirtschaftskrise eingeschlagen hat. Mehr als die Hälfte seiner 20 Mitarbeiter musste er entlassen. Zu seinen Kunden zählt auch der bayerische Traditionsproduzent Höfner. Die Massenproduktion bei Huadong beäugt Geng misstrauisch. „Die erreichen nicht die Klangqualität wie unsere Geigen“, sagt er. Das gleiche denkt er von der ehemaligen Papierfabrik der Stadt, die inzwischen Geigen produziert. Die lokale Regierung machte im vergangenen Jahr aus der Not eine Tugend, als vor den Olympischen Spielen große Teile der Industrie rund um die Hauptstadt vorübergehend still gelegt wurde. Sie nahm die Zwangspause zum Anlass, auf Geigen umzusatteln. Die meisten Mitarbeiter verloren zwar ihren Job. Diejenigen, die noch dabei sind, kassieren dafür das doppelte Gehalt, sagen sie und schwärmen von weniger Chemikalien in der Luft.

Mangelnde Erfahrung hat sich die ehemalige Papierfabrik auf Bezirkskosten eingekauft. Zudem wurden allen Mitarbeitern in einem vierwöchigen Kurs die Grundlagen des Geigens vermittelt. Auf dem Huadong-Firmengelände hat die Stadt sogar in den Bau einer Aula investiert, um die Mitarbeiter in das Projekt „Melodie der Geige“ zu integrieren. Demnächst soll dort ein Geigenlehrer Vollzeit beschäftigt werden und Teile der Belegschaft samt deren Kinder kostenlos unterrichten. Bislang ist das Musik-Angebot bei Huadong auf Sonntagnachmittage für wenige Angestellte begrenzt. „Wer das Gefühl für das Instrument entwickelt, der wird davon beim Geigenbau profitieren“, sagt Huadong-Vizedirektorin Lü.

Diese Ansicht vertritt auch Direktor Zhao Haifu von der Grundschule Dawang Wu. In seinem Büro ist es etwas wärmer als im Musikraum der Schule, obgleich ebenfalls unbeheizt. Auch Zhao trägt eine Jacke. „Es geht darum, das Gespür der Kinder für Kultur zu entwickeln. Das kann langfristig dabei helfen, die Geigen-Industrie der Stadt auf ein höheres Niveau zu heben“, sagt der Direktor. Die Schule könne aber nicht mehr leisten, als nur das Interesse der Kinder wecken. Die Eltern der Kinder seien begeistert und würden das Projekt unterstützen, sagt Zhao. „Aber uns fehlen die Kapazitäten. Wir haben einfach nicht genug Geigenlehrer“, sagt der Direktor. Das soll sich bald ändern. Die Stadt finanziert die Ausbildung von 35 Übungsleitern, damit die „Melodie der Geige“ praktisch zum Ohrwurm für die gesamte Bevölkerung wird. Mit den neuen Lehrkräften soll das Wahlfach bald auf 17 Schulen im Bezirk ausgeweitet werden. Der erste Fünfjahresplan sieht vor, dass 1000 Kinder bis zum Jahr 2011 in das Programm integriert werden. Bislang sind es rund 400. Ist die Zahl erreicht, sollen die Nachwuchsgeiger gemeinsame Konzerte geben und das Interesse der großen chinesischen Medien wecken. „Eines Tages wird sich diese Strategie für die Geigenproduktion auszahlen“, sagt Herr Yu aus der Propaganda-Abteilung der Stadtregierung, der seinen Vornamen nicht nennen mag.

Die Strategie der Gemeinde ist simpel, aber clever. Geigenspiel und Geigenbau werden personell miteinander verknüpft. Mit Beginn des zweiten Fünfjahresplans soll die Phase der Konzerte beginnen. „Als das Projekt losging, haben wir sämtliche Lehrer auf ihre Fähigkeiten hin geprüft und festgestellt, dass kaum einer von ihnen Geige spielen konnte“, sagt Wu Yurong von der Bezirksschulbehörde. Die meisten haben zwar Erfahrung als Musiklehrer, aber nur ganz wenige brachten praktische Geigenkenntnisse mit. Einige haben bislang sogar nur Englisch unterrichtet. Seit 2006 drücken die Lehrer deshalb kontinuierlich die Schulbank, um sich auf ihre Aufgabe zum Wohle der Gemeinde optimal vorzubereiten.

„Jetzt sind alle 35 Lehrer so weit, dass sie selbst unterrichten können“, sagt Chen Yiming. Die 28-Jährige ist die musikalische Sperrspitze des gesamten Projekts. Sie spielt Geige, seitdem sie fünf ist und gibt seit zehn Jahren Unterricht. Niemand im Bezirk kann ihr annähernd das Wasser reichen. Mit Kusshand hat die Stadt vor fast vier Jahren ihre Dienste in Anspruch genommen. Die Behörden warben um Chen nicht mit viel Geld, sondern boten der jungen Frau, die aus der Inneren Mongolei stammt, eine Pekinger Stadtbürgerschaft und alle damit verbundenen Rechte an. Dazu zählen deutlich geringere Schulgebühren und der leichtere Zugang zu Pekinger Universitäten für die Kinder, außerdem bessere Sozialleistungen für die Familie. Solche Privilegien bleiben den meisten Zugewanderten in der Pekinger Verwaltungszone verwehrt. „Frau Chen ist der Samen, aus dem unsere Talente aufgehen sollen“, sagt Wu von der Schulbehörde.

Chen unterrichtet nicht nur die Lehrer, auch die Kinder, denen das Schulangebot nicht ausreicht, oder deren Eltern fest entschlossen sind, ihre Sprösslinge zu großen Musikern zu machen. Solche Träume erfüllen sich nur, wenn hart dafür gearbeitet wird. Sechs kleine Talente im Alter zwischen acht und zehn sitzen an einem Samstagmorgen um 8.00 Uhr im Proberaum des Musikcenters. Neben der Tafel hängt ein Schild, auf dem steht „Practice makes perfect“. Lehrerin Chen erklärt den Kindern, dass Geige lernen so funktioniert wie das Überqueren einer Straße: mit Aufmerksamkeit und Geduld. „Sonst drohen Verletzungen“, warnt sie. Sie meint Ohrenschmerzen für die Zuhörer. Sie erzählt den Kindern von Beethoven, seiner Arroganz und dem Stock, den er vom Vater zu spüren bekam, wenn er schlecht spielte. „Heute bekommen die Kinder keinen Stock mehr, sondern ein Kilo Süßigkeiten, damit sie üben“, sagt Chen, die selbst eine zweijährige Tochter hat. Sie sagt, wie werde das Mädchen zwingen, Geige zu lernen, so wie es ihre Eltern mit ihr getan hätten.

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