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"Wir haben den wahren Kommunismus erlebt" - 02.06.2009

Das Einschussloch ist deutlich zu sehen. Die Kugel schlug durch den roten Moped-Helm und muss etwa fünf Zentimeter hinter dem linken Ohr in den Kopf von Wang Nan eingedrungen sein. Er soll noch einige Stunden gelebt haben, erzählen Freunde, die damals dabei waren. Doch zwischen drei und vier Uhr am Morgen des 4. Juni 1989 starb der junge Mann. Er wurde 19 Jahre alt.

Zhang mit HelmDen Helm hat seine Mutter Zhang Xianling bis heute aufbewahrt. Auch ein völlig verschmutztes, zwei Meter langes Banner holt sie aus dem Schrank. „Das Volk steht hinter euch“, steht in chinesischen Schriftzeichen darauf. Ihr Sohn hatte es damals angefertigt, um den protestierenden Studenten seine Sympathie zu bekunden. Er selbst besuchte keine Universität, sondern wollte Fotograf werden und dokumentierte wochenlang die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen-Platz).

Am Nachmittag vor seinem Tod lag er mit seiner Mutter auf dem Bett, starrte an die Decke und sagte: „'Mama, wir haben den wahren Kommunismus erlebt. Wir haben alle zusammen auf dem Tiananmen-Platz gegessen und gesungen." Er habe keinen Umsturz gewollt, sagt Zhang. Er habe seinem Land helfen wollen, sich weiter zu entwickeln. "Er war so naiv.“ Wenig später ordneten die Medien die Pekinger Bürger an, ihre Häuser nicht mehr zu verlassen. Wang Nan bestand darauf, seine Freunde auf dem Tiananmen-Platz zu suchen. „Ich konnte ihn nicht aufhalten. Es war das letzte Mal, dass ich ihn lebend gesehen habe. Niemals haben wir damit gerechnet, dass so etwas passieren würde“, erzählt Frau Zhang.

In den Abendstunden des 3. Juni machten die Soldaten ernst. Ihr Auftrag lautete, den Platz bis zum nächsten Morgen um 5.00 Uhr zu räumen. Offiziell starben 241 Menschen, vermutlich aber waren es mehrere Tausende. Augenzeugen berichteten, dass flüchtende Menschen zum Teil bis in die engen Gasse der Altstadt von Soldaten verfolgt und regelrecht hingerichtet wurden. Darunter sollen sich Kinder befunden haben und alte Menschen, die auf Knien um ihr Leben flehten, ehe sie erschossen wurden.

„Ich war überzeugt, unsere Führung bestand aus großartigen Männern. Aber die Niederschlagung der Proteste war vorsätzlich brutal und unmenschlich und hat das Wesen der Kommunistischen Partei offenbart“, sagt Zhang Xianling. Erst in den Jahren danach habe sie begriffen, dass keine einzelne Person an dem Massaker die Schuld trage, sondern dass es die Natur einer Ein-Partei-Diktatur ist, die dafür verantwortlich sei. „Wenn die Interessen der Partei verletzt werden, dann ist das ihr natürlicher Reflex, ganz gleich, gegen welche Bewegung.“

Xu und Zhang zeigen Banner "Das Volk steht hinter Euch"
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Gemeinsam mit ihrer Freundin Xu Jue sitzt Zhang Xianling auf der Couch in ihrem Pekinger Wohnzimmer. Das Schicksal hat die beiden Damen eng zusammen geschweißt. Auch Frau Xu verlor in den verhängnisvollen Tagen ihren Sohn. Wu Xiandong verblutete mit 21 Jahren, weil ihm nach einer Verwundung an der Schulter keine Transfusion durch die Rettungskräfte verabreicht werden durfte. „Befehl von oben“, teilte der Arzt der verzweifelten Mutter damals mit. Ihr ganzer Körper bebt, wenn sie von damals erzählt. Sie formt Daumen und Zeigefinger beider Hände zu Pistolen und imitiert das feuern der Soldaten. Angst vor dem Staat hat sie schon lange nicht mehr. „Die haben doch mehr Angst vor uns, weil sie wissen, dass sie im Unrecht sind“, sagt sie.

Auch am 20. Jahrestag des Massakers ist den Angehörigen das offizielle Trauern um die Opfer strengstens verboten. Die sogenannten Tiananmen-Mütter kämpfen seit fast 20 Jahren um dieses Recht. Zhang Xianling ist eines der Gründungsmitglieder der Organisation, die aus knapp 200 Mitgliedern besteht. Auch Frau Xu ist ähnlich lange dabei. Seit nahezu zwei Jahrzehnten werden sie vom Staat eingeschüchtert, beobachtet und immer wieder festgenommen oder unter Hausarrest gestellt. Während der Olympischen Spielen im vergangenen Jahr zum Beispiel hat Zhang Xianling nicht einen Schritt ohne Beschattung außerhalb ihrer eigenen Wohnung gemacht, erzählt sie. Und Xu Jue beschreibt ihre jüngste Begegung mit den Behörden. „Gestern habe ich wieder Besuch von der Polizei bekommen. Sie haben gefragt, ob wir auch in diesem Jahr versuchen wollen, öffentlich zu gedenken. Sicher, habe ich gesagt. Es sei denn, ihr fesselt mich an Armen und Beinen“, erzählt sie.

Wang GuoqiEine solche Behandung hat Wang Guoqi schon hinter sich. 12 Jahre hat er in Haft gesessen und am eigenen Leib erfahren, wie China mit seinen politischen Häftlingen umgeht. „Man hat mir vier bis fünf Eisenringe an jedes Bein angelegt. Jeder Ring um die zwei Kilo schwer. Und dann hat man mich mit Elektroschocks gequält“, sagt Wang. Erstmals verhaftet wurde er am 9. Juni 1989. Er wollte Flugblätter und Fotos vom Massaker aus der Stadt schaffen. Man hat ihn erwischt, ehe er Peking verlassen konnte und knapp ein Jahr lang in Haft gesteckt. Nach seiner Entlassung gründete er mit einigen anderen die Liberal-Demokratische Partei. Die Mitglieder planten zum dritten Jahrestag des Massakers eine Gedenkfeier in Peking. Erneut wurde Wang verhaftet und diesmal zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. „Sie erzählen dir immer und immer wieder, dass du kaum eine Chance hast, die Haft zu überleben, wenn du nicht deine Verbrechen vermeintlichen gestehst“, erzählt Wang.

Die Familie durfte ihn nicht besuchen, seine Frau trennte sich von ihm. Doch er gestand nicht. Und man hat ihn psychisch nicht gebrochen. Seine Augen strahlen freundlich und aufmerksam. Er sieht jünger als 48 Jahre. Obwohl er mit Freiheitsentzug gebüßt hat, wird ihm das Leben noch immer schwer gemacht. Eine vernünftige Arbeit zu finden, ist für ihn unmöglich, weil der Staat es verhindert. Seit fünf Jahren hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, verkauft gefälschte DVD oder stellt sich für andere Leute bei Behörden in die Warteschlange. Als damals die Proteste begannen, war er mit 28 Jahren Lektor an der Peking Universität für Sprache und Kultur.

Jedes Jahr stehen ihm Beamte auf den Füßen, wenn er in der Woche des Jahrestages das Haus verlässt. Auch wenn der Nationale Volkskongress im Frühjahr zusammentritt, beginnt die Staatssicherheit ihre Einschüchterungsversuche. Wang könnte sich zurückziehen und schweigen, aber er sieht seine Mission noch nicht erfüllt. Einerseits will er aufmerksam machen auf seine Situation und auf die Situation seiner Freunde und Mitstreiter. Zu den zählen Hu Shigen, der im vergangenen Jahr nach 16 Jahren in Haft frei gelassen worden ist, oder Qi Zhiyong, der ein Bein verlor in der Nacht zum 4. Juni 1989 und seitdem immer wieder öffentlich die Partei für die Morde verantwortlich gemacht hat.

Andererseits kämpft Wang gegen das Vergessen. Denn die Erinnerungen in China an das Ereignis werden durch Androhung drastischer Konsequenzen und Propaganda in Schulen und Universitäten systematisch ausgelöscht. „Die Leute, die damals verantwortlich waren, sind immer noch am Leben. Wenn man eingestehen würde, dass die Regierung von damals etwas falsch gemacht hat, dann müssten diese Leute heute vor Gericht gestellt werden“, sagt Wang. Dazu zählen der frühere Premierminister Li Peng, der am 20. Mai 1989 das Kriegsrecht ausgerufen hatte, und auch der damals designierte Staats- und Parteichef Jiang Zemin.

 

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