
Liebes China,
ich habe mit dir gefühlt, als im vergangenen Jahr deine Erde bebte und du mehr als 80.000 Menschenleben in wenigen Minuten verloren hast. Ich habe dich bewundert für deine Stärke, mit der du dieses Schicksal angenommen hast. Ich war tief beeindruckt von der gewaltigen Solidarität die deine Menschen im ganzen Land in der Not für einander empfunden haben. Und ich habe gehofft, dass etwas übrig bleibt von deiner Bereitschaft, der Welt dein Leid und deine Schwäche zu offenbaren.
Jetzt ist ein Jahr vergangen seit dem verhängnisvollen 12. Mai, und ich bin völlig desillusioniert. Wie du mit den Menschen umgehst, die es am härtesten getroffen hat, ist das Erbärmlichste und Schamloseste, was ich bislang von dir kennen gelernt habe. Anstatt alles erdenklich Mögliche für diese Menschen zu tun, die ihre Familienmitglieder, ihre Häuser, ihr Hab und Gut verloren haben, stößt du ihre Hilfe suchenden Hände zur Seite und befiehlst ihnen, den Mund zu halten. Du prügelst eine Mutter, die wissen will, wer verantwortlich dafür ist, dass die Schule, in der ihre Zwillinge starben, wie ein Kartenhaus einstürzte. Du zwingst einen Mann zur Flucht aus seiner Heimatprovinz, der Angst um sein Leben hat, weil er Dokumente besitzt, die Baupfusch an einer Schule beweisen sollen.
Du denkst, ich handle grob fahrlässig, weil ich zwei Einzelfälle verallgemeinern würde? Du irrst. Es sind keine Einzelfälle, nur zwei besonders erschreckende von unendlich vielen Ungerechtigkeiten. Weniger dramatisch, aber kaum weniger verwerflich sind die vielen anderen Geschichten, die ich hörte, als ich das Erdbebengebiet neulich wieder besuchte. Ganz gleich in welchem Ort, die Menschen flehen regelrecht um Hilfe. Sie alle wollen ihre Geschichten erzählen, weil sie kein Ventil haben für ihre Wut.
Ihre Geschichten handeln davon, dass Behörden und Unternehmer auf Kosten der Opfer in die eigene Tasche wirtschaften. Dass sie sich allein gelassen fühlen, seitdem die große Hilfswelle nachgelassen hat. Die besonders Hartnäckigen schicken immer noch SMS und Emails nach Peking und winseln um Öffentlichkeit. Kollegen von mir haben in den vergangenen Wochen ähnliche Erfahrungen in Sichuan gesammelt. Willst du mir jetzt sagen, sie haben alle zufällig mit den gleichen Menschen gesprochen wie ich?
Aber du hast es geschafft, dass die Betroffenen, den Glauben an die Menschlichkeit der Kommunistischen Partei noch nicht verloren haben. Im Gegenteil: Sie schwärmen von deiner Zentralregierung, weil sie so gute Arbeit mache und sich der Sorgen der Menschen annehme. Sie schimpfen nur auf die Behörden und Kader vor Ort. Die seien das eigentliche Übel. Und klar, klingt es glaubwürdig, wenn du sagst, wie schwierig es ist, die Korruption in einem Land mit fast 1,4 Milliarden Menschen in den Griff zu bekommen. Gerade in einem Land wie China, wo die Kultur zwischen kleinen Gefälligkeiten und Korruption nicht unterscheidet. Aber du betonst, dass du alles in deiner Macht stehende tust, um das Übel in den Griff zu bekommen.
Ich möchte von dir wissen, wieso deine Zentralregierung gegen solch maßlosen Missbrauch rein gar nichts unternehmen kann? Und warum lässt du nicht zu, dass deine Medien über diesen Missbrauch berichten? Das Staatsfernsehen schweigt, obwohl es von den Opfern über die schmutzigen Geschäfte informiert worden ist. Dabei muss doch das Staatsfernsehen keine Lokalpolitiker fürchten. Und warum willst du, dass sich ausländische Journalisten anmelden sollen, wenn sie in diesen Tagen über den Wiederaufbau berichten wollen. Deine neuen Regeln für ausländische Reporter garantieren doch vermeintlich Recherchefreiheit. Und warum organisierst du eine Journalisten-Reise ins Katastrophengebiet, die einen Tag vor dem 12. Mai endet? Hast du Angst, dass Journalisten Zeuge werden könnten von Protestaktionen am Jahrestag wütender Opfer? Und warum reagiert deine Zentralregierung nicht auf die Petitionen der Opfer oder auf die vielen Hinweise zu Korruption und Machtmissbrauch, die durch das Internet geistern? Zigtausende Angestellte forschen nach regierungskritischen Inhalten im Netz, aber die Hilfeschreie der Erdbebenopfer finden sie nicht?
Es tut mir Leid, China, aber es sind zu viele Fragen offen. Und bitte, hör auf mir vorzuwerfen, ich sei antichinesisch oder ein Anhänger der Falun-Gong-Sekte. Liefere mir lieber Argumente, dass ich einen anderen Eindruck von dir gewinnen kann.
Marcel Grzanna