
Verhöre statt Verantwortung - 12.05.2009
Juyuan. Die Behörden haben einen Zaun gezogen um das ehemalige Schulgelände. Zwei Meter hoch. So ist in aller Ruhe Gras über die Unglücksstelle gewachsen. Der Anblick hat Symbolcharakter. Denn Aufklärung verhindern die Behörden mit all ihrer Macht. Mindestens 331 Kinder starben in der Schule in Juyuan, als vor einem Jahr in der chinesischen Provinz Sichuan die Erde bebte. Das fünfstöckige Gebäude stürzte in sich zusammen wie eine Lehmhütte, obwohl das Epizentrum des Bebens 100 Kilometer entfernt lag. Die Wohnhäuser ringsherum stehen noch.
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ehemaliges Schulgelände in Juyuan |
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„Ich verlange Gerechtigkeit für meine Kinder“, sagt Zhao Deqin. Sie hält ein Foto von zwei lachenden Mädchen im Alter von 14 Jahren in der Hand. Die Tränen schießen ihr in die Augen. Ihre Zwillinge starben unter den Trümmern der Mittelschule, weil beim Bau in den Neunziger Jahren gepfuscht wurde, heißt es. Teile des Geldes sollen nicht in die Stabilität des Gebäudes geflossen sein, sondern in die Taschen korrupter Unternehmer und Beamter. Ein Jahr nach der Katastrophe ist aber noch niemand zur Verantwortung gezogen worden. Außerdem, sagt Zhao, habe sie finanzielle Entschädigung nur für ein Kind erhalten.
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Zhao Deqin´s Zwillingstöchter starben unter den Trümmern der Mittelschule in Juyuan |
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Für sie ist der Kampf um Aufklärung zu ihrem einzigen Lebensinhalt geworden. Seit einem Jahr stellt sie öffentlich unbequeme Fragen. Schon mehrfach hat sie deswegen in Haft gesessen. Zwar gibt es kein Gesetz, das sie gebrochen hat, aber ihre Penetranz ist den Behörden ein Dorn im Auge. Das erste Mal festgenommen wurde sie im Herbst vergangenen Jahres. Damals wollte sie die Asche ihrer Kinder in die Hauptstadt bringen. Ein Pekinger Künstler wollte damit ein Mahnmal kreieren. Mit den Urnen im Gepäck schaffte sie es bis zum Flughafen der Provinzhauptstadt Chengdu. Dort griffen die Beamten zu und inhaftierten sie mehrere Tage, erzählt sie.
Richtig zur Sache gingen die Behörden allerdings erst bei der zweiten Festnahme einige Wochen später. Zhao Deqin hatte versucht, eine Petition bei der Provinzregierung einzureichen. Wieder fingen die bestens informierten Beamten die Mutter frühzeitig ab, nahmen sie in Gewahrsam und hielten sie 20 Tage illegal fest. Um ihr die Flausen auszutreiben, habe man ihr einen Daumen ausgerenkt und sie geprügelt, sagt sie. Fotos dokumentieren Blutergüsse auf ihrem Rücken und den Knien. „Man hat mir vorgeworfen, ich sei eine Tibet-Aktivistin und Anhängerin von Falun Gong“, sagt Zhao. Als danach Premierminister Wen Jiabao zu einem seiner Inspektionsbesuche in die Region kam, saß sie zusammen mit einigen anderen renitenten Eltern vorbeugend in Gewahrsam. Die Gruppe sollte nicht die Gelegenheit bekommen, dem Regierungschef persönlich zu begegnen.
Seit Monaten schon haben die Beamten die Eltern im Auge. Sie statten ihnen Besuche ab, in deren Verlauf sie nachdrücklich zur Schweigsamkeit mahnen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie auch ihre Telefone abhören. Deswegen wechselt Zhao ständig ihre Mobilfunknummer, um zumindest hin und wieder einen kleinen Vorsprung auf die Staatsdiener zu haben und ausländische Journalisten an konspirativen Orten zu treffen.
Kinder und Jugendliche saßen nicht nur in Juyuan ahnungslos in der Todesfalle. Tausende Schüler starben beim Erdbeben während des Unterrichts in den Gebäuden, die Chinas Öffentlichkeit wegen ihrer Baumängel Tofu-Schulen getauft hat. Auch in Beichuan stürzte eine solche ein. Ein Mann mit dem Namen Wang Xiaodong sagt, er könne das beweisen. Er ist im Besitz einer Kopie eines Bauplanes der Schule, der die ungenügende Verwendung von Stahl belegen soll. „Man will mich umbringen“, behauptet Wang. Er sagt, er habe Freunde, die gut Bescheid wissen über die Pläne der Mächtigen in Beichuan. Sie hätten ihm gesagt, man plane einen tödlichen Unfall zu inszenieren, um ihn loszuwerden. Wang nimmt diese Bedrohung sehr ernst. Seit Monaten schon befindet er sich auf der Flucht vor den Behörden seiner Heimatprovinz Sichuan. Rund 2000 Kilometer trennen ihn von seiner Frau und seiner Tochter. Er sitzt auf dem Bett in einem Hotelzimmer, das ihm Freunde zu finanzieren helfen. „Meine Frau hat mir vor ein paar Tagen gesagt, ich soll mindestens noch ein Jahr wegbleiben.“
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Wang Xiaodong ist im Besitz von Bauplänen, die Baupfusch an der Mittelschule in Beichuan beweisen sollen |
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Wang zählte zu den vielen Tausend freiwilligen Helfern nach dem Erdbeben. Seine Familie blieb von dem Beben verschont. Monatelang unterstützte er die Menschen vor Ort und wurde Zeuge der Verschleierungs- und Einschüchterungstaktik der Behörden. „Das ganze Bild meines Heimatlandes ist in dieser Zeit zusammengebrochen“, sagt er. Betroffene Eltern baten ihn schließlich um Hilfe, als sie den Bauplan in die Finger bekamen. Er hätte bessere Kontakte, sagten sie. Doch auch Wang lernte schnell die Grenzen seiner Möglichkeiten kennen. Er schickte den Bauplan an die Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei nach Peking. Eine Reaktion darauf hat er nie erhalten. Er bot das Dokument chinesischen Medien an, damit die öffentlich Druck machen würden. Alle lehnten ab, weil ihnen die Sache zu heiß erschien. Als letzten Weg sieht er den Gang nach Peking an. „Ich will den Plan persönlich einreichen, damit endlich jemand zur Verantwortung gezogen wird“, sagt Wang.
Aus Peking erfahren die Eltern der getöteten Schulkinder indes prominente Unterstützung. Der Künstler Ai Weiwei hat begonnen, öffentlich Fragen zu stellen. „Wer übernimmt für den Bau der Tofu-Schulen die politische Verantwortung?“ Er sagt, die Verlängerung der Schulpflicht in den Neunziger Jahren habe auch dazu geführt, dass Schulen schnell und mangelhaft hochgezogen wurden, weil die örtlichen Behörden die Vorgaben der Zentralregierung binnen kürzester Zeit umsetzen mussten.
Ai steht in seinem Atelier, das er mit zehn Katzen teilt, und blättert in einer Zeitung. „Natürlich habe ich Angst. Aber irgendjemand muss diese Fragen stellen. Die Medien in China tun es nicht“, sagt Ai. Bislang lässt ihn die Staatssicherheit gewähren. Das mag auch daran liegen, dass Ai Weiwei einen Prominentenstatus genießt, der ihn für den Augenblick immun macht. Er zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen chinesischen Künstlern. Unter anderem war er an der Gestaltung des Pekinger Olympiastadions beteiligt. Nach der Fertigstellung distanzierte er sich jedoch von dem Projekt. Es sei nicht in seinem Sinne gebaut worden.
Ai stellt nicht nur Fragen, er arbeitet seit Monaten an einer Datei, die bestenfalls alle getöteten Schulkinder erfassen soll. Wie zum Jahrestag bestellt veröffentlichte die Regierung am vergangenen Donnerstag erstmals Zahlen. 5335 Schulkinder seien demnach während des Unterrichts gestorben. 3340 Schulen müssten wieder aufgebaut werden. Ai stellt diese Zahlen in Frage. Es sei unklar, auf welchen Daten sie basieren.
Mehr als 200 Freiwillige unterstützen den Künstler bei seiner Arbeit; die meisten von denen vor Ort in Sichuan. Sie klappern die Dörfer und Gemeinden ab und sammeln die Daten. Häufig werden die Helfer verhaftet, weil den Behörden vor Ort ihre Neugierde nicht passt. Einige Helfer sitzen in den Büroräumen neben Ais Atelier in einer Pekinger Vorstadt und tragen die Ergebnisse zusammen. An einer Wand hängen Listen, auf denen bereits mehrere Tausend Kinder verzeichnet sind: Name, Alter, Wohnort, Schule. Auf seiner Internetseite hat er die Liste veröffentlicht. Aber auch das lässt China nicht zu. Die Seite wird seit geraumer Zeit von den Zensur geblockt.