
Markante Differenzen - 09.03.2009
Peking. Ein Besuch der Ausstellung zum „50. Jahrestag demokratischer Reformen in Tibet“ geht ein wenig auf Kosten der Privatsphäre. Fotobeutel, Rucksäcke oder Handtaschen werden maschinell durchleuchtet. Der Eintritt führt durch einen Metalldetektor. Bei wem es piept, dem greift das Personal an die Hose. Im Museum selbst bleibt niemand unbeobachtet. Dutzende Wachmänner behalten die Besucher im Auge.
Dabei werden nicht einmal Wertgegenstände ausgestellt, die das massive Sicherheitsaufkommen rechtfertigen würden. Die Ausstellung zeigt lediglich die chinesische Perspektive auf die Geschichte eines Volkes, dessen Grund und Boden sich die Chinesen vor einem halben Jahrhundert einverleibt haben. Doch China schützt diese Perspektive mehr als jede antike Vase oder Bronzeskulptur, weil sie unschätzbar wertvoll ist für die Regierung im Kampf um die Meinungshoheit.
In jedem Winkel des Pekinger Völkerkunde-Museums stehen Menschen und starren auf die Fotos und Tafeln. Das Interesse an der Wahrheit über Tibets Geschichte ist riesengroß. „Von der Dunkelheit ins Licht, von der Sklaverei in die Demokratie, von der Armut in die Warmherzigkeit“, lautet die Kernaussage der Ausstellung. Ein überwältigender Teil der chinesischen Bevölkerung glaubt das. "Studiert die Geschichte, und schaut euch den Fortschritt in der Region an", ist eines ihrer Argumente. Die tibetische Version jedoch weist markante Unterschiede auf. Sie besagt praktisch das Gegenteil: Besatzung, Unterdrückung, kulturelle Ausrottung. Ursache für den territorialen Anspruch Chinas ist die Heirat eines tibetischen Königs mit einer chinesischen Prinzessin vor fast 1400 Jahren.
Wer hat Recht? Diese Frage rückt in dieser Woche in den Mittelpunkt des weltweiten Interesses. Denn genau 50 Jahre ist es am Dienstag her, dass die Tibeter erstmals mit Gewalt versuchten, die Chinesen aus ihren Tälern zu vertreiben. Die Offensive scheiterte und endete damit, dass der Dalai Lama ins Exil ging. Seitdem regiert Tibets geistiges Oberhaupt sein Volk aus Dharamsala in Indien. Von dort aus warnt er vor einer Eskalation der Gewalt in diesen Tagen. Doch egal, was der Dalai Lama sagt, die Chinesen behaupten das Gegenteil.
Das gilt besonders für den Aufstand der Tibeter im März des Vorjahres, den China dem Dalai Lama und seiner Clique in die Schuhe schiebt. Der jedoch sagt sinngemäß, das sei Blödsinn. Es ist nicht die einzige markante Differenz in der Darstellung der Ereignisse. China spricht von 19 Toten, Tibets Exilregierung dagegen von 220 und außerdem 1300 Verletzten.
Ein Teil der Pekinger Ausstellung beschäftigt sich mit eben jenen Auseinandersetzungen im Vorfeld der Olympischen Spiele. Fehler in der Berichterstattung westlicher Medien über die damaligen Vorfälle werden haargenau dokumentiert und als Beweis für eine bewusste Verdrehung der Tatsachen angeführt. All das ist Teil der chinesischen Propaganda, die den 50. Jahrestag der Aufstände penetrant einrahmt. Wer ins Kino geht, bekommt zurzeit einen Vorfilm serviert, der nach Meinung des verantwortlichen Ministeriums eindeutig beweist, dass Tibet immer ein Teil Chinas gewesen ist.
Beim Nationalen Volkskongress in der Großen Halle des Volkes erhält die Provinz ebenfalls einen besonderen Stellenwert. Neben der Wirtschaftskrise ist die Entwicklung Tibets das bestimmende Thema. Fortschritt und Wohlstand sollen weiter gefördert werden, heißt es. Garniert wird das ganze mit Zahlen zum Umweltschutz. 450 Millionen Yuan, rund 50 Millionen Euro, sollen in diesem Jahr in ökologische Projekte in der Provinz gesteckt werden, fast 140 Prozent mehr als im Jahr 2008. Solche Investitionen im Jubiläumsjahr sollen auch die eigene Bevölkerung vom guten Willen der chinesischen Regierung beim Umgang mit der widerspenstigen Minderheit überzeugen.
Tibets Provinz-Regierungschef Qiangba Puncog indes nutzte die Aufmerksamkeit beim Volkskongress zur Schönfärberei. „Die Tibeter haben Vertrauen in die Kommunistische Partei und die Regierung“, sagte er. Alle Gerüchte über mögliche Spannungen und Instabilität stammten aus der Gerüchteküche. Doch kein Ausländer darf sich persönlich von den Aussagen Qiangbas überzeugen. Tibet und große Teile tibetisch bewohnter Landstriche in anderen Provinzen sind bis in den April hinein hermetisch von Militär und Miliz abgeriegelt. Einige Klöster sind umstellt, um Ausbrüche von Protesten zu verhindern.
Viele Tibeter hatten auf ihre Art und Weise dennoch protestiert, indem sie ihr Neujahrsfest am 25. Februar entgegen der Tradition nicht feierten. Geht es nach den Chinesen wird das Feiern jedoch nachgeholt. Der 28. März wird ab diesem Jahr zum „Tag der Emanzipation der Leibeigenen“ erklärt, um die Flucht des Dalai Lama vor 50 Jahren zu feiern. 95 Prozent der Tibeter seien vor der „Befreiung“ durch Maos Kommunisten Sklaven gewesen, verbreiten die Chinesen. Und deswegen, so der Provinzchef Qiangba Puncog, sei die Einführung des Feiertages „ein bedeutsames Ereignis für Tibet, China und den Rest der Welt“.