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Der Evolution ein Schnippchen schlagen - 12.01.2009

Peking. Extremsportarten zählen keineswegs zu den Massenbewegungen unserer Zeit. Es sind kleine Gruppen von Menschen, die sich finden, weil sie derselbe Wahnsinn treibt und sich vom Fallschirmspringen nach dem dritten Absprung gelangweilt fühlen. In Peking ist das anders. Hier gehört Extremsport zum Alltag einer riesigen Bevölkerungsgruppe. Die Jünger der Bewegung sind überwiegend keine durchtrainierten und braungebrannten Draufgänger. Im Gegenteil, auch Damen und Herren gesetzteren Alters wagen sich tagtäglich ins Abenteuer der Superlative: Sie steigen in Chinas Hauptstadt aufs Fahrrad.

Es gehört schon ein gewisser Reiz an Nervenkitzel dazu, um sich den Gefahren des Pekinger Straßenverkehrs auf zwei Rädern auszuliefern. Immerhin sind die Regeln sehr leicht: Schaue nach vorne, nach links und nach rechts gleichzeitig - den Rest erledigen Reflexe und Bremsklötze; Busse, Lastwagen und Autos sind grundsätzlich stärker; und selbst Fußgänger haben bessere Karten, weil sie sich wendiger und geschmeidiger bewegen können. Als Radfahrer bildet man sozusagen das Ende der Nahrungskette. Die Stadtväter haben deshalb breite Fahrradwege bereit gestellt, die mit dicken Linien gekennzeichnet sind, um das Überleben der Spezies zu sichern. Doch die Linien dienen lediglich der groben Orientierung. Ein Schutzwall vor den Attacken der motorisierten Vehikel sind sie nicht.

Vorsicht an Bushaltestellen: Die Fahrer der 350-PS-Maschinen scheren ein in Richtung Bordstein, ohne sich darum zu scheren, ob sich lebende Organismen zwischen Kante und Karosse befinden. Mit ein bisschen Glück kommt der Radfahrer ohne Knochenquetschungen zum Stehen – genau vor dem Auspuffrohr. Anstatt tief durchzuatmen, gilt es, 30 Sekunden lang die Luft anzuhalten und die Augen zuzukneifen.

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Vorsicht an Ampeln: Die leuchten zwar wie in Deutschland grün und rot. Aber in Peking bedeuten beide Farben höchste Alarmstufe. Der Unterschied ist, dass man bei Rot der Gefahr ins Auge blickt. Sie kommt von rechts. Bei Grün aber kommt sie tückisch von hinten, weil auch die Abbieger Grün haben. Und grundsätzlich haben Autos Vorfahrt. Immer. Stichwort Nahrungskette. Und so muss der Blick beim Vorwärtsrollen nach hinten gerichtet sein, um jederzeit aus den Pedalen springen zu können, um der Evolution ein Schnippchen zu schlagen. Doch gleichermaßen ist es wichtig, die Abbieger von vorne im Auge zu behalten. Auch die jagen ihre Beute mit Vorliebe an grünen Ampeln.

Vorsicht an Einfahrten: Autos schauen immer nur nach vorne. Ihre Nervenzentren auf den Fahrersitzen hat die Natur so konzipiert, dass sie keine visuelle Wahrnehmung haben. Sie können nur auf laute Geräusche reagieren. Eine Fahrradklingel? Keine Chance. Es muss ein gleichgeschlechtliches Hupen sein, besser noch ein LKW-Horn, damit im Nervenzentrum eine Reaktion, also das Betätigen der Bremse ausgelöst wird. Für den Radfahrer gilt auch hier: rapides Herunterbremsen als Selbstkonservierungsmaßnahme.

Wer Bushaltestellen, Ampeln und Einfahrten auf zwei Rädern überlebt, der ist reif für die ultimative Herausforderung, den vierspurigen Kreisverkehr mit jeweils vier Ein- und Ausfahrten. Oberflächlich betrachtet, scheint dies zu den leichten Prüfungen zu gehören, weil das Unheil nur von einer Seite droht. Doch das ist falsch und lockt vor allem das noch unerfahrene „Radkitz“ nicht selten in die Falle. Denn bei einem Pekinger Kreisverkehr weiß man nie, aus welcher Spur ein Auto ihn verlassen möchte. Es wird sehr wahrscheinlich die erste, aber möglicherweise auch die zweite, und nicht ausgeschlossen sogar die dritte sein. Sollte man also überrascht werden von einem Angreifer aus der dritten Spur, der vielleicht sogar Trittbrettfahrer mit sich zieht, dann hat man den Speichensalat und steht völlig hilflos mitten auf der Ausfahrt des Kreisverkehrs, der Gnade der Autofahrer ausgesetzt.

Wer sein Ziel dennoch erreicht, den durchströmt ein warmes Gefühl der Zufriedenheit und des Selbstbewusstseins. „Bist du mit dem Taxi gekommen?“, „Nein, mit dem Fahrrad“ - „Respekt“.

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