
"Zu vermieten"
von Marcel Grzanna
Dongguan. Durchhalteparolen an jeder Ecke: „Die Zukunft von Dongguan liegt in ihren Händen“, steht zweisprachig auf Postern in den Hotel-Fahrstühlen, auf Plakatwänden in der Innenstadt, auf riesigen Bannern, die vor Häuserfassaden gespannt sind. Durchhalteparolen in chinesischen Schriftzeichen für die heimischen Investoren, Durchhalteparolen auf Englisch für den Rest der Welt. Doch ans Investieren denkt hier zurzeit so gut wie niemand. Im Gegenteil: Alle versuchen zu retten, was zu retten ist. Viele haben sich schon aus dem Staub gemacht, weil sie spüren, dass Dongguan zu Grunde geht. Und zwar genauso schnell wie es emporgeklettert ist aus dem Nichts vor 30 Jahren.
Die Industriezone am Perlflussdelta in der südchinesischen Provinz Kanton ist zum Symbol geworden für die Anfälligkeit der chinesischen Wirtschaft. Bis in den Oktober hinein hat die Region noch gestrotzt vor Kraft und scheinbar allen weltwirtschaftlichen Zusammenhängen getrotzt. Doch dann gab es den großen Knall. Dongguan hängt vom Export ab wie kaum ein anderer Eckpfeiler des China-Booms. Und plötzlich brach die Nachfrage aus dem Ausland ein wie einst die Aktienkurse am Neuen Markt. Die „Finanzkrise“ breitete sich aus wie ein Virus. Fast jeder ist betroffen. Tausende Fabriken und Unternehmen haben den Betrieb eingestellt, mehrere Millionen Arbeiter stürzten von heute auf morgen in die Arbeitslosigkeit. Von zuvor schätzungsweise 12 Millionen Wanderarbeitern haben in den vergangenen acht Wochen vier Millionen die Stadt in Richtung Heimatprovinzen verlassen.
![]() |
leerstehendes Gebäude in Dongguan
|
| ...zum Vergrößern auf das Bild klicken | |
Mit dem Auto benötigt man etwa zwei Stunden, um das riesige Industriegebiet von West nach Ost zu durchqueren. „Aber nur wenn es keinen Stau gibt“, sagt der Fahrer. Hunderte, tausende leere Gebäude säumen die Straßen. Manche wurde so fluchtartig verlassen, dass noch immer Teile des Inventars darin stehen. Vertrocknete Pflanzen stehen auf den Fensterbrettern und haben die Hoffnung auf Wasser aufgegeben. An manchen Fassaden haben optimistische Hausbesitzer Nachrichten angeschlagen: „Zu vermieten“, steht da. An den Straßen trifft man immer wieder Menschen mit Sack und Pack, die darauf warten, von einem Bus aufgegabelt zu werden, um die Heimreise anzutreten.
![]() |
Abholbereite Wanderarbeiter
|
| ...zum Vergrößern auf das Bild klicken | |
„Vor ein paar Monaten waren die Straßen in diesem Viertel von morgens bis abends belebt. Jetzt sieht es aus wie in einer Geisterstadt“, sagt Unternehmer Xiao Gongjun. Vor drei Jahren hat er sich in Dongguan niedergelassen. Seine Fabrik stellt Verpackungen aus Pappe her. Die Hälfte seiner zuvor 60 Angestellten hat er bereits entlassen. Schon seit drei Monaten fließt kein Geld mehr. Die Kunden aus Europa und den USA würden alte Rechnungen nicht begleichen, sagt er. Neue Aufträge seien sowieso utopisch. Mit seinen Ersparnissen versucht Xiao sich nun über die Zeit zu retten.
Mit ein paar Unternehmerfreunden versucht Xiao die Stadtregierung zu Hilfeleistungen für kleine und mittelständische Betriebe zu bewegen. „Wir kleinen Unternehmer sind der Motor der Wirtschaft. Wir benötigen dringend Hilfe, aber wir bekommen sie nicht“, klagt er. Nicht einmal bei den Steuerabgaben käme ihnen die Regierung entgegen. Nur Firmen mit mehr als 2000 Mitarbeitern kommen in den Genuss von Subventionen. Auf diesem Weg sollen weitere Massenentlassungen vermieden werden. Nicht zuletzt deshalb, weil die Belegschaften großer Unternehmen eine Gefahr für die öffentliche Ordnung sind. Das hat die Stadt zu spüren bekommen, als die Spielzeugfabrik Smart Union Mitte Oktober dicht machte und die Bosse untertauchten, um ihrer Zahlungspflicht zu entkommen. Die Arbeiter blockierten Straßen, legten sich mit der Polizei an, weil sie ausstehende Löhne und Abfindungen einforderten.
![]() |
Unternehmer Xiao
|
| ...zum Vergrößern auf das Bild klicken | |
Der Sturm hat sich vorerst gelegt, aber er kann wieder auffrischen. Zhang Chunhong hat acht Jahre lang bei Smart Union am Band gestanden, ehe das Kartenhaus zusammenbrach. Sie ist stinksauer, weil sie noch immer keine Abfindung bekommen hat, die ihr laut dem neuem Arbeiterschutzgesetz zusteht. „Ich werde die Stadt nicht eher verlassen, bis ich auch meine Abfindung erhalten habe. Andernfalls werde ich wieder protestieren“, sagt Zhang. Rund ein Drittel ihrer Arbeitskollegen harrt aus und will die Regierung dazu bringen, auch die Abfindungen zu zahlen. Dank ihrer Proteste haben die Arbeiter bereits die ausstehenden Löhne stellvertretend von den Behörden kassiert. Die lokale Regierung sahen sich regelrecht genötigt einzuspringen. Denn die Angst vor Eskalation in Dongguan ist gewaltig.
Zumal auch die eigentliche Bevölkerung der Stadt leidet. Sie hat ihre Geschäfte zu weiten Teilen auf die Präsenz von Millionen Wanderarbeitern gestützt. Wang Guohai zählt dazu. Er hat sich Geld geliehen von seinen Eltern. Viel Geld, sagt er. Dafür hat er ein Haus gekauft, dass 100 Meter von der Fabrik der Smart Union entfernt steht. 200 Arbeiter hatte Wang hier beherbergt. Jeder von denen hat 200 Yuan, umgerechnet gut 20 Euro, Monatsmiete bezahlt. Keiner ist geblieben. „Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich kann nur hoffen, dass die Fabrik irgendwann ihren Betrieb wieder aufnimmt“, sagt Wang. Komplett bezahlt hat er das Gebäude immer noch nicht.
Direkt gegenüber betreibt ein Ehepaar einen Kiosk. Trostlos sieht es aus, weil weit und breit niemand ist,
der hier einkaufen könnte. Und selbst die ärmsten Schlucker in Dongguan spüren die Auswirkungen.Zhao Haiying und seine Frau sammeln leere Plastikflaschen und Dosen.Sie wohnen in einer zugemüllten Kellergarage an der Hauptstraße in Richtung Stadtzentrum. „Der Vermieter hat uns schon 100 Yuan bei der Miete erlassen. Aber es reicht gerade einmal dazu, dass wir nicht verhungern“, sagt Zhao. Sechs Yuan kassieren sie pro Kilogramm Plastik. 50 Yuan (5 Euro) haben sie pro Tag zusammen verdient, ehe die Krise einschlug. Jetzt kommen sie an guten Tagen höchstens noch auf 20 Yuan.
„Unter diesen Umständen ist die soziale Sicherheit in der Stadt nicht gewährleistet“, warnt Unternehmer Xiao. Wanderarbeiter, die die Stadt verlassen, würden ihre Sorgen vielleicht mitnehmen nach Hause. Aber die Sorgen der Menschen, die in Dongguan geboren sind, bleiben ein Problem, argumentiert er. Umso wichtiger sei es, jetzt die kleinen Unternehmen zu stützen, um die Entlassungswelle zu unterbinden und der ganzen Stadt wieder Boden unter den Füßen zu geben. Doch Xiao ist skeptisch. „Den Gipfel der Krise haben wir hier noch gar nicht erlebt. Der kommt erst im nächsten Jahr auf uns zu“, sagt er.
Sein Vertrauen in die Behörden hat stark gelitten in diesem Katastrophenjahr. Im Juni war ein Seitenarm des Perlflusses über die Ufer getreten. Der steigende Wasserspiegel drückte derart auf die Staumauer, dass die örtliche Regierung entschied, die Schleusen zu öffnen und das dahinter liegende Stadtgebiet zu fluten. Betroffen war auch das Fabrikgelände von Xiao Gongjun. Eine Warnung vor der Schleusenöffnung, um den Schaden möglichst gering zu halten, war bei ihm nicht eingegangen. Stattdessen richtete das Wasser einen Schaden in Höhe von einer Million Yuan (100.000 Euro) an. Die Spuren des Wasserspiegels sind an den Wänden seines Büros noch immer zu sehen. Finanzielle Unterstützung seitens der Stadt habe er nicht bekommen, sagt Xiao. „Warum sollten die gleichen Leute, die das angerichtet haben, mir ausgerechnet jetzt helfen?“