
Die Furcht vor dem Triple - 07.09.2008
Peking. Ein bisschen fürchtet sich Natalie Simanowski vor dem ganz großen Triumph. Vor all den Neidern und vielleicht auch vor den Verdächtigungen, die da kommen könnten. Im Bahnradsport gibt es wenige, die ihr das Wasser reichen, und schlimmstenfalls gewinnt sie drei Goldmedaillen bei den Paralympics in Peking. Am Montag winkt ihr die erste. Manche Konkurrenten könnten eine solche Dominanz auf einen vermeintlichen Vorteil bei der Einstufung ihrer Behinderung schieben, oder auf die Qualität ihrer Karbonschienen, vielleicht sogar auf Doping. Natalie Simanowski rutscht unruhig auf dem Stuhl herum. Ihr ist unwohl bei dem Gedanken. „Zwei Goldene dürfen es ja werden, aber drei möchte ich gar nicht haben“, sagt sie.
Die Diskussion um die Einteilung der Startklassen ist so alt wie die paralympischen Spiele selbst. Natalie Simanowski hat zwei Beine, einige ihrer Gegnerinnen haben nur eins. „Dafür haben die einen Unterschenkel, den sie einsetzen können. Meine Unterschenkel sind beide taub“, sagt sie. Als Neuling hat Simanowski in den vergangenen zwei Jahren das Leistungsniveau in ihrer Klasse auf ein neues Level gehoben. Neider könnten fragen: „Wie geht das bei einer inzwischen 30 Jahre alten Athletin?“ Simanowski will nicht die Erste sein, weil die anderen sowieso keine Chance gegen sie haben. Sie will gewinnen, weil sie hart dafür gearbeitet hat. Und wenn am Ende nur ein- oder zweimal Gold bliebe, dann wäre das praktisch der Beweis dafür, dass sie auch in Topform zu schlagen ist, vielleicht sogar von Einbeinigen. Und niemand könnte ihr den Vorwurf machen, dass sie sich durch das Material den entscheidenden Vorteil verschafft, der alle anderen hinterher fahren lässt. Es bliebe ihr erspart, dass sich das eigene Gewissen meldet und nachhakt: Habe ich gewonnen, weil mein Material besser ist?
Simanowski kennt die Problematik möglicher Leistungssteigerungen durch Hightech-Schienen und -Prothesen nur zu gut. „Es besteht immer die Frage, in wieweit ein Hilfsmittel ein Hilfsmittel ist. Es ist zwiespältig“, sagt sie. Als sie noch keine Schienen zum Sport treiben benötigte, war Simanowski eine gute Leichtathletin. Den Marathon lief sie in 3:12 Stunden. Sechs- bis siebenmal trainierte sie wöchentlich, bis zu dem Tag im Juni 2003, an dem „der Unfall“ geschah, wie sie sagt. Ein geistig verwirrter Mann glaubte, eine Frau töten zu müssen. Egal, welche. Es traf Natalie Simanowski, die sich auf dem Parkplatz ihrer Arbeitsstelle gerade an ihrem Kofferraum zu schaffen machte. Der Mann rammte ihr von hinten ein Messer in den Leib. Sie hatte Glück im Unglück, dass sie überlebte und ihr Rückenmark nur verletzt, nicht durchtrennt war. Die Kontrolle über ihre Unterschenkel aber hat sie verloren bei dem Attentat. Ein halbes Jahr lang lag sie in der Klinik. Die physischen Grundlagen für ihre herausragenden Leistungen auf dem Rad hatte sie durch das jahrelange Training längst gelegt. Nach ihrem dreifachen WM-Titelgewinn 2006 im Sprint, der 3000-m-Einzelverfolgung und dem Zeitfahren sagte ihr eine australische Konkurrentin: „Gut, dass du zu uns gekommen bist. Jetzt wachen die anderen endlich einmal auf und begreifen, dass sie mehr tun müssen.“ Das tat Natalie Simanowski gut, weil es Respekt und Anerkennung bedeutet für den enormen Aufwand, den sie betreibt, um erfolgreich zu sein.
Seit Februar 2007 bereitete sie sich unter professionellen Bedingungen auf die Paralympics vor. Seitdem hat sie der Arbeitgeber freigestellt und dennoch ihre 400-Euro-Stelle gezahlt. Vor allem in diesem Jahr haben die ganze Familie und der Freundeskreis darunter gelitten. Trainingslager, Wettkämpfe, Lehrgänge – Simanowski war nur auf Achse. „Hier zu sein, entschädigt für vieles. Aber ich bin auch froh, wenn es vorbei ist“, sagt sie. Der Eingriff in die Privatsphäre ist noch intensiver geworden, seitdem sich auch die paralympischen Athleten dem System der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) unterziehen müssen. Jegliche Abwesenheit von mehr als 24 Stunden muss ein Athlet anmelden und seinen Aufenthaltsort angeben, um für unangemeldete Dopingkontrollen zur Verfügung zu stehen. Bei öffentlichen Empfängen greift Natalie Simanowski schon nicht mehr zu den servierten Gläsern, weil ihr eingebläut wurde, mit äußerster Vorsicht ihre Lebensmittel auszusuchen. „Das kann einen manchmal ganz schön aufregen. Aber ich bin froh, dass wir ins System aufgenommen worden sind, um zu beweisen, dass wir sauber sind“, sagt sie.
Sollte sie mit Gold behangen nach Hause zurückkehren, werden Freunde und Familie noch ein bisschen leiden müssen. Denn das Interesse an ihrer Person wird weiter wachsen, Einladungen und PR-Termine werden sich häufen. Natalie Simanowski möchte dem gerecht werden. Es sei eine Art Pflichtgefühl, für alles und jeden zur Verfügung zu stehen, auch im Interesse des Behindertensports, sagt sie. Vielleicht erleichtert ihr dieses Pflichtgefühl dann ja auch den Umgang mit der einen oder anderen Goldmedaille zuviel.