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Hysterie und Paranoia

Peking. Zwei oder drei Sicherheitsbeamte reichen aus. Mit Megafonen treiben sie die Menge auseinander, als ein Fernsehteam ein bisschen ungezwungene Atmosphäre einfangen will. „Weitergehen. Bleiben sie hier nicht stehen“, fordern sie die Menschen auf. Junge Frauen mit T-Shirts auf denen steht „I love China“ oder Männer mit herzförmigen China-Aufklebern auf den Wangen müssen ihre Fotosession in Sichtweite des Olympiageländes beenden. Dabei ist die Aussicht auf das gewaltige Olympiastadion von dieser Stelle ausgesprochen gut. Fast 200 Menschen ziehen meist unverrichteter Dinge wieder ab. Schade, es fing gerade an, schön zu werden. Doch die Sicherheitskräfte haben dafür keinen Sinn.

...Staat und Olympia
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Jahrelang hat die Gastgeberstadt ihre Bewohner akribisch auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Westliche Benimmstandards, Formen der Begrüßung und Fremdsprachen wurden Groß und Klein aufgedrängt. Und nicht zuletzt wurde landesweit für 400 Millionen Schüler die olympische Erziehung als Unterrichtsfach eingeführt. Kindern und Jugendlichen sollen die Werte und Ideale der olympischen Idee vermittelt werden: Freundschaft, Friede, Harmonie zwischen den Völkern der Welt. Doch ausgerechnet jetzt, wo all die Theorie endlich gelebt werden könnte, machen die Behörden den chinesischen Olympiafans einen Strich durch die Rechnung. Menschenaufläufe werden aufgelöst. Nicht nur, aber besonders dann wenn Fernsehkameras in der Nähe sind. Die Angst vor laufenden Bildern protestierender Massen und dem Kontrollverlust ist groß. Das Public Viewing im Chaoyang Park, wo auch Beachvolleyball gespielt wird, hat man schon vor der Eröffnungsfeier wieder abgesagt. Auch in Xidan, einige Kilometer westlich vom Platz des Himmlischen Friedens, ist Feierabend mit dem gemeinsamen Erleben olympischer Wettkämpfe vor der Großbildleinwand. Der Bildschirm bleibt schwarz.

Für spontane Emotionen bleibt kein bisschen Raum in Peking. „Es herrscht Hysterie und Paranoia“, sagt ein Mitglied des Organisationskomitees BOCOG hinter vorgehaltener Hand. Und auf die tausenden milchgesichtigen Sicherheitskräfte auf den Straßen der Stadt haben sich genau diese Hysterie und Paranoia übertragen. Kaum richtet ein Fernsehteam seine Kamera auf eine Menschenmenge, stürmt ein Aufpasser herbei und will das Drehen verbieten. Englisch sprechen die jungen Männer fast nie. „No“, ist das einzige Wort, das sie heraus bekommen. Nur wer Chinesisch spricht, oder energische Übersetzer an seiner Seite hat, die auf das Recht zur freien Berichterstattung pochen, kann weiter arbeiten.

BOCOG-Sprecher Sun Weide ist sicher, dass all dies „nur Missverständnisse sind“. Außerdem sei das BOCOG eine Sportorganisation. Man solle sich an das Büro für öffentliche Sicherheit wenden, die für das Vorgehen der Männer auf der Straße verantwortlich sind. Sun selbst habe zwar auch weitere Beschwerden von Journalisten erhalten, könne sich aber nicht vorstellen, dass diese Vorfälle die Regel sind. „Wir haben alles getan, um eine wunderbare Atmosphäre zu schaffen“, sagt Sun. Und ja, der Mann hat prinzipiell recht. Peking blüht in allen Farben, die soziale Unterschicht stört die Party nicht, weil sie der Stadt verwiesen wurde, und der Verkehr läuft einwandfrei, weil das Autofahren nur eingeschränkt erlaubt ist. Doch Peking gelingt es nicht einmal, diese Scheinwelt als Imageträger zu vermarkten. Denn gleichzeitig tun die Chinesen alles, um die künstlich geschaffene Atmosphäre wieder zu verderben.

Hinzu kommt die massive Beschattung von ausländischen Journalisten außerhalb des Olympiageländes. Das Netz der Staatssicherheit auf den Straßen Pekings ist derart eng geknüpft, dass man kaum länger als fünf Minuten mit jemandem unter vier Augen sprechen kann, ohne dass jemand hinzu kommt, der entweder die Unterhaltung an sich reißt, oder das Gegenteil von dem behauptet, was der erste Gesprächspartner gesagt hat. „Lebensmittel sind nicht teurer geworden“, behauptet eine gut gekleidete Frau in einem Gemüseladen, obwohl zuvor zwei andere Kunden und der Ladenbesitzer über massive Preissteigerungen klagten, weil Nachschub aus der Provinz wegen des Fahrverbots für LKW für die kleinen Händler knapp wird. Plötzlich schließt sich der Ladenbesitzer der Meinung der Frau an.

Wer versucht, auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit Chinesen ins Gespräch zu kommen, wird sofort von mindestens einem Chinesen mehrfach aus nächster Nähe fotografiert. Im Falle einer deutschen Fernsehjournalistin übernahm das Fotografieren ein Mann, den sie zuvor dabei beobachtet hatte, wie er aus einem Mannschaftswagen der Polizei gestiegen war. Sie fragte ihn, weswegen er sie fotografiere. Er antwortete, er sei nur ein Tourist. Der Internationale Journalistenverband IFJ nennt diese Art der Kontrolle „eine Form zur Einschüchterung“ und forderte Chinas Behörden auf, diese Praxis zu beenden.

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