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Mao-Bibeln vom Ramschmarkt - 06.08.2008

Peking. Mao Zedong dürfte schon schwindelig sein. Es schüttelt ihn ordentlich durch beim Bremsen, beim Beschleunigen und in den Kurven. Sein Porträt am Rückspiegel des Taxis im zentralchinesischen Zhengzhou hängt an einem seidenen Faden und kann den Fliehkräften nicht widerstehen. In einer Rikscha vor 40 Jahren wäre es Mao nicht so ergangen. Doch die Zeiten ändern sich. Motor statt Muskelkraft im Reich der Mitte - wer es sich leisten kann. Und allzu viele Taxifahrer stellen ihre Begeisterung für den Großen Vorsitzenden von einst nicht so explizit zur Schau. „Unter Mao waren wir wenigstens noch alle gleich“, sagt der Fahrer. „Genau, alle gleich arm“, antwortet sein chinesischer Fahrgast auf den Beifahrersitz.

Mao verliert an Bewunderung. Das ist es wohl, was angesichts solcher Szenarien in chinesischen Taxis unter dem Strich übrig bleibt. Die Mao-Bibel ist bei jungen Chinesen längst zum Ladenhüter geworden. Wahrscheinlich greifen mehr ausländische Touristen auf den Ramschmärkten der Großstädte nach dem kleinen Roten Buch, um sich ein Souvenir zu sichern, als es die neue Generation des Landes tut, um sich für die Ideen von Klassen und Klassenkampf begeistern zu lassen. „Hast du was, dann bist du was“, lautet die neue Formel, die Chinas Jugend regiert. Der Trend entfernt sich von der Idee, sich als Individuum förmlich aufzugeben, um den Kollektiv zu dienen. Auch in China sind sich viele inzwischen selbst die nächsten. Mehr Wohnraum, mehr Luxus, mehr Statussymbol; Mao dürfte nicht nur schwindeln wie am Rückspiegel des Taxis, er würde sich im Grab umdrehen, wenn er wirklich für seine Ideen einstand und nicht nur aus Kalkül handelte, um seine Macht zu sichern.

Solche Erwägungen über kommunistischen Idealismus oder möglichen Opportunismus eines Machtmenschen sind in China bis heute öffentlich tabu. Genauso wenig gibt es eine kritische Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Diktators, dem einige Biografen vorwerfen, er habe unter dem Deckmantel der Ideologie schon vor der Gründung der Volksrepublik gemetzelt und gemordet, um den Kurs des Landes alleine vorgeben zu können. Die Kommunistische Partei brandmarkt heutzutage die Kulturrevolution als „schweren Fehler“ Maos. Aber niemand traut sich, mit ihm abzurechnen. Er wirkt so präsent. Als Riesenporträt über dem Eingang zur Verbotenen Stadt, als konservierter Leichnam in seinem Mausoleum mitten auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Die Jugend wendet sich ab, kritisiert aber nicht. Sie äußert lieber ihren Respekt für Chou Enlai, den Premierminister in Mao Zedongs Regierung, der während der Kulturrevolution verhältnismäßig kühlen Kopf bewahrte und wertvolle Kulturgüter vor der Zerstörung der 68er-Bewegung bewahrte. „Der war ein Freund der Menschen“, heißt es dann.

Die Kulturrevolution hat viele Spuren hinterlassen. Zu den damaligen Prinzipien gehörte auch der Fortschrittsglaube, der den Menschen einbläute, die Vergangenheit so schlecht beurteilen zu müssen, dass der Glaube an eine verheißungsvolle Zukunft die einzige Hoffnung bildet. Das kommt den Menschen heutzutage zu Gute. Zum Beispiel wenn Naturkatastrophen das Land erschüttern wie im Mai beim Erdbeben in Sichuan. Die Chinesen trauern, aber sie richten sich auf und versuchen das Beste aus dem zu machen, was ihnen geblieben ist, anstatt sich hängen zu lassen. Und noch immer ist es China möglich, die Massen zu mobilisieren, so wie es Mao zu Zeiten der Kulturrevolution mit der Jugend geschafft hat. Seit der olympische Fackellauf in westlichen Ländern im März dieses angegriffen wurde, schwappte eine nationalistische Welle durch das Land, die vor allem auch gezielt durch die chinesischen Medien lanciert wurde. Die französische Supermarktkette Carrefour wurde von großen Teilen der chinesischen Bevölkerung boykottiert und musste sich Massendemonstrationen vor ihren Filialen gefallen lassen.

 

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