
Wie man Beamte richtig schmiert - April 2010
Peking – Chinesische Beamte sind eine launische Spezies. An guten Tagen erteilen sie Genehmigungen und Lizenzen, an schlechten verweigern sie die Ausstellung der Dokumente. Das hängt davon ab, wie sie dem Antragsteller gegenüber gesinnt sind. Chinas Bürger haben sich im Laufe vieler Jahrhunderte längst darauf eingestellt, ihre Beamten bei Laune halten zu müssen. Der Zweck heiligt die Mittel. Üblich sind Geschenke, Bargeldzahlungen oder Gefälligkeiten für die Familie der Beamten. Was in Deutschland als Bestechung gilt, nennt sich in China: Freunde machen.
„Ist es ein großer Gefallen, den sie von dem Beamten benötigen, oder ein kleiner“, fragt der Besitzer eines Teeladens in der nördlichen Xinhua Straße im Osten Pekings. Auf dieser Straße haben gleich mehrere Abteilungen der Bezirksverwaltung ihre Zentrale. Dazu zählen unter anderem die Steuerbehörde, das Wirtschaftsprüfungsamt und das Amt für Lizenzerteilung bei Grundstückkäufen. In unmittelbarer Nähe haben sich Einzelhändler angesiedelt, die sich auf typische Geschenke für Beamte spezialisiert haben. Tee steht bei den Staatsdienern hoch im Kurs.
Ein großer oder ein kleiner Gefallen? Gute Frage. Ein Gefallen eben. Der Händler greift nach einer Dose in dem Regal hinter ihm. Mit einer kleinen Schaufel hält er seinen Kunden den Tee unter die Nase. „Um einen ersten Kontakt mit dem Beamten herzustellen, reicht diese Sorte aus“, sagt er. 200 Gramm kosten 50 Euro. Bei weiteren Besuchen jedoch müsse der Wert des Geschenkes gesteigert werden, empfiehlt der Händler. Er lässt seine Kunden an feinstem Oolong-Tee schnüffeln, 30 Gramm für 700 Euro. Wichtig sei, dass man nicht geizt. Billige Geschenke könnte der Beamte als despektierlich empfinden. Ein klassisches Eigentor.
„Sie müssen wissen, dass die Beamten sehr anspruchsvoll geworden sind in den letzten Jahren“, sagt der Händler. Wer beim dritten oder vierten Treffen mit derselben Person nicht schon wieder Tee schenken will, der findet auf der Xinhua Straße genug Alternativen. Die Teehändler haben wertvolle Tassen und Kannen aus Keramik im Angebot. In einem anderen Geschäft gibt es Zigaretten und Alkohol. Die beste Sorte Moutai-Schnaps kostet dort über 1000 Euro pro Flasche. „Und diese Zigaretten sollten sie nehmen“, sagt der Verkäufer. Eine Stange kostet knapp 200 Euro.
Mit Alkohol und Nikotin kann man jedoch gründlich daneben liegen, weil nicht jeder Beamte Schnaps trinkt oder raucht. Für diesen Fall hat der Händler vorgesorgt. Ein Schild im Schaufenster weist daraufhin, dass die Geschenke gegen Bargeld und eine Provision eingetauscht werden können. „Geschenke-Recycling“ steht auf dem Schild. Jeder Chinese weiß, dass das Angebot an Beamte gerichtet ist.
Weil solche Werbetafeln schlecht für das Image der Behörden sind, ging die Stadt kurz vor Beginn des Nationalen Volkskongresses Anfang März gegen die „Recycling“-Schilder vor, um Entschlossenheit zu demonstrieren im Kampf gegen Korruption. Sozusagen Schaufensterpolitik im doppelten Sinne: Denn konsequent verfolgt wird die Korruption nur selten. Die Disziplinarkommission der Partei dokumentierte im vergangenen Jahr 1,3 Millionen Fälle von Korruption in China. Einerseits halten die Bürger des Landes diese Zahlen für radikal geschönt, andererseits bleiben harte Strafen die Ausnahme.
Vor wenigen Wochen erwischte es einen Beamten in der Sonderverwaltungszone Chongqing, der 180.000 Euro in Bar, ein Luxusauto, 200 hochwertige Paar Schuhe und 100 Anzüge aus feinem Zwirn angehäuft hatte. Er wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Experten schätzen, dass die Luxusartikel-Branche durch Geschenke an Beamte, deren Frauen oder Liebhaberinnen 50 Prozent ihrer Umsätze verzeichnet.
Chinesische Beamte verdienen im Durchschnitt nur wenige Hundert Euro im Monat. Ein Leben in Saus und Braus können sich die meisten von ihnen nicht leisten. Geschenke empfinden sie als eine Art Aufwandsentschädigung. Gerne lassen sie sich auch von Bitt- und Antragstellern großzügig zum Essen einladen. Dieses Selbstverständnis greift schon auf den untersten Ebenen der Verwaltung. „Das macht jeder so, wieso sollte ich das nicht machen“, sagt eine 25-jährige Beamtin aus dem Verwaltungsapparat der zentralchinesischen Millionenstadt Hefei in einem Telefongespräch. Mehrmals in der Woche würde sie auf Kosten anderer gute Restaurants besuchen, erzählt sie.
In Peking indes seien die Beamten inzwischen sehr gesundheitsbewusst, erzählt der Betreiber eines Ladens für exotische Geschenke. Er verkauft getrockneten Hirschpenis, den man kochen und als Suppe servieren kann. Das soll die Potenz steigern. Weibliche Beamte sollten sich Reh-Hörner in die Suppe schälen. Das macht schöne Haut, heißt es. Kurz vor dem Nationalen Volkskongress seien Männer zu ihm gekommen und hätten 600 Portionen Ginseng für einen Teil der Delegierten geordert für rund 80 Euro im Schnitt. Ein gutes Geschäft. Für seinen Laden in bester Lage hat er tief in die Tasche greifen müssen, um die Lizenz zu bekommen. „Da habe ich selbst eine ganze Menge Geschenke verteilt“, sagt er.
Auch Ausländer dürfen sich in das Spiel des Nehmen und Geben nahtlos integrieren, sagt der Verkäufer. Er bietet sogar an, stellvertretend die Geschenke an die Beamten zu überreichen. Sorgen müsse man sich nicht machen, dass man als Ausländer in Schwierigkeiten gerät, wenn man Geschenke an Staatsdiener verteilt. „Sie bekommen Schwierigkeiten, wenn sie keine Geschenke machen“, sagt er.